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Ausgabe 126-2/2011

WIND UND NEBEL

BAD OH MEH

Produktion: Shahed Cultural and Artistic Institute Tehran; Iran 2011 – Buch und Regie: Mohammad Ali Talebi, nach Mojgan Shakhis Buch "Summer and White Goose" – Kamera: Ali Mohammad Ghasemi – Schnitt: Hassan Hassandoost – Musik: Mohammad Reza Darvishi – Darsteller: Masume Shakori (Shooka),Payam Eris (Sahand), Arasto Safinejad (Vater), Asadolah Asadnia (Großvater), Anis Shakorirad (Mutter),  Khosro Solamani (Lehrer) – Länge: 74 Min. – Farbe – Weltvertrieb: noch offen – Altersempfehlung: ab 10 J.

Ein blauer Lieferwagen quält sich durch strömenden Regen über matschige Straßen hoch zu einem Gebirgsdorf im Norden des Iran. Damit bringt ein Vater während des Irak-Iran-Krieges in den 1980er-Jahren seine 13-jährige Tochter Shooka und ihren kleinen Bruder von den brennenden Ölfeldern in Ahwaz zurück in die Sicherheit seiner Heimat. Bei einem Bomben-Angriff hat er seine Frau verloren. Seither ist der fünfjährige Sahand traumatisiert und spricht kein Wort mehr. Während der Vater wieder zu seiner Arbeit bei den Ölquellen und damit ins Kriegsgebiet zurückkehren muss, bleiben die Kinder in der Obhut ihres Großvaters. Doch gleich am ersten Schultag gibt es Schwierigkeiten: Der Junge wird geärgert, macht sich vor Angst in die Hose, und Shooka wird mit ihm nach Hause geschickt – ihr Bruder müsse in einer anderen Einrichtung unterrichtet werden, sagt der Lehrer. Dafür aber fehlt ihnen das Geld und so muss Shooka auch zu Hause bleiben. Zum Trost unternimmt der Großvater einen Ausflug zum Weiher, an dem sich viele Wildgänse niederlassen. Hier war die ganze Familie früher zum Fischen und Shooka, die fast über Nacht erwachsen werden musste, kann sich zum ersten Mal wieder ein wenig freuen. Doch wo bleibt Sahand? Er hockt im Gebüsch bei einer durch den Schuss eines Jägers verletzten Gans. Der Anblick des Blutes auf den weißen Federn weckt bei dem Jungen die Erinnerung daran, wie seine weiß gekleidete Mutter ihm seinen Fuß gestreichelt hat, den er sich verbrannt hatte. Lächelnd beobachtet Shooka, wie zart nun Sahand die Gans streichelt. Mitnehmen darf er sie nicht, weil sie dem Jäger gehört, aber da sie nicht allzu schwer am Flügel verletzt wurde, wird sie wohl überleben. Blitzartig tauchen nun auch bei dem Mädchen Erinnerungen auf: an das Glück, als sie mit dem Vater in der Stadt war, um ein paar neue Anziehsachen zu kaufen; wie sie beschossen wurden, als sie auf dem Motorrad zurückfuhren; wie ihr Haus zusammenfiel, wie der verletzte Sahand im Krankenhaus wieder erwacht ist, an die Fahrt  zum Großvater, die Leute, die sie in ihrem Wagen ein Stück mitgenommen haben und an die vielen Flüchtlinge am Straßenrand.

Inzwischen hat der Lehrer mit den Schulkindern gesprochen und sie beauftragt, Shooka zusammen mit Sahand wieder mit in die Schule zu bringen. Der Großvater aber will ihn noch eine Woche bei sich behalten. Er nimmt ihn mit auf den Markt, lässt ihn in der Gaststube zum ersten Mal wieder seine Suppe alleine löffeln, empfängt einen Brief von seinem Sohn, der sein Kommen ankündigt. Als Shooka Sahand dann mit in die Schule nehmen will, ist er fort. Der Zuschauer weiß, dass er des Nachts die klagende Stimme 'seiner' Gans gehört und sich aufgemacht hat, sie zu suchen. Shooka rennt sofort zum Weiher, aber da ist er nicht – und bald versucht nicht nur sie, sondern das ganze Dorf, Sahand zu finden. Auch Maryam, die sich so hässlich ihm gegenüber verhalten hat, und Shooka auf dem Weg erklärt, warum. Sie hat einen Schuh von Sahand gefunden und nun rennen die beiden Mädchen gemeinsam bei strömendem Regen kreuz und quer durch den Wald. Irgendwann kann Shooka nicht mehr, bis sie plötzlich eine Gans auffliegen sieht, die die Mädchen schließlich zu dem unter Bäumen erschöpft eingeschlafenen Jungen führt. Er hat sich verirrt und weint, als er geweckt wird. Die Mädchen nehmen ihn an die Hand, führen ihn behutsam ins Dorf zurück. Die Sonne kommt raus, wieder sind Gänse zu sehen, „weiße“, wie der Junge mit einem Mal sagt. Alles hat sich zum Guten gewendet und aus dem Dorf kommen ihnen die Leute entgegen …

Mit "Bad o Meh" zeigt Talebi am Beispiel schutzbedürftiger Kinder in einer holzschnittartigen, kargen Erzählweise – ohne spektakuläre martialische Szenen des Krieges – Tod und Verletzung, Verlust, Angst, Schock, Beklemmung, Trauer und Einsamkeit. Was wir in den Sekundenbildern des Fernsehens andauernd sehen müssen, gräbt sich hier in der symbolischen, poetischen Verdichtung emotional in das Bewusstsein des Zuschauers ein. Dabei bleibt die Hoffnung auf Heilung jedoch immer spürbar, nicht nur durch die Haltung des beeindruckenden Großvaters. Bisweilen ist des Guten in den Reaktionen der Menschen einfach zu viel, wird zu schnell zu viel zurechtgerückt. Demgegenüber aber entfaltet der Film in der dokumentarischen Darstellung der Natur eine Wahrheit und Bildkraft, die ihresgleichen sucht. Sie ist der Höhepunkt bei der verzweifelten Suche der Mädchen nach dem kleinen Jungen im vom Regen gepeitschten Wald – und ohne, dass es ausgesprochen wird, versteht man, wie viel "Wind und Nebel" sich in der archaischen Gebirgslandschaft noch abwechseln müssen, bis es wirklich gelingt, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 126-2/2011 - Interview - "In meinem Land fühle ich mich oft sehr einsam"

 

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