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Ausgabe 78-2/1999

JIMMY THE KID

Produktion: Wohlgemuth Filmproduktions GmbH; Deutschland 1998 – Regie und Kamera: Wolfgang Dickmann – Drehbuch: Martin Rauhaus und Peter Wohlgemuth, nach dem Roman von Donald E. Westlake – Schnitt: Corinna Dietz – Musik: Ralf Wengenmayr – Darsteller: Herbert Knaup (Dortmunder), Rufus Beck (Kelp), Roman Knizka (Mörsch), Sophie Moser (Jenny), Christiane Hörbiger (Mutter Mörsch), Nele Mueller-Stöfen (Charlie), Leslie Malton (Psychologin) u. a. – Laufzeit: 80 Min. – Farbe – Verleih: Buena Vista (35 mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Eine deutsche Krimikomödie nach einer amerikanischen Vorlage; wenn das mal gut geht. Und wie gut es gegangen ist, davon kann sich alsbald jeder im Kino überzeugen, und man kann sogar seine älteren Kinder mitnehmen.

Alles beginnt damit, dass die Gaunercombo um Dortmunder und Kelp versucht, einen Hotelsafe zu knacken. Leider hat sich Kelps todsicherer Tipp wieder einmal als Niete erwiesen und nun hängen die zwei hoch über der Stadt fest und die Polizei bräuchte sie eigentlich nur noch einzusammeln. Doch wie so oft fällt Dortmunder in letzter Sekunde etwas ein und die zwei entkommen. Fortan ist Dortmunder auf Kelp nicht besonders gut zu sprechen. Da hat ausgerechnet der die geniale Idee. In einem amerikanischen Krimi liest er von der Entführung der Tochter eines stinkreichen Unternehmers und schlägt vor, dass Dortmunder & Co. diesmal sozusagen streng nach Vorlage arbeiten werden. Doch zuvor muss der extrem unwillige Dortmunder vom Rest der Gang (vor allem von seiner Freundin Charlie) überzeugt werden.

Leider hat der ach so schöne Plan einen Haken: Erstens ist das Buch schon etwas älter und zweitens spielt es in New York. Dennoch gelingt es den Fünf, den alten Roman in die Tat umzusetzen. Schade nur, dass ihr Opfer Jenny sich als sehr viel cleverer erweist als sie alle zusammen. Nach einem raffiniert eingefädelten Fluchtversuch landet sie mit dem Auto in der Wiese und erschrickt sich dermaßen vor einer Kuh, dass sie reumütig zu ihren Entführern zurückkehrt. Dort findet sie allmählich Gefallen daran, von allen wie ein Nesthäkchen bemuttert zu werden. Denn ihr Vater las ihr zwar jeden Wunsch von den Augen ab, ließ es jedoch an Wärme und Zuneigung fehlen. Und so nimmt eine an Absurditäten und Gags reiche Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende Jenny endlich einen Vater haben wird und unsere Gauner nicht nur ungeschoren davonkommen, sondern in Jenny eine Vermögensverwalterin gefunden haben, wie man sie sich nur wünschen kann.

Der Film beginnt wie eine Paraphrase auf Louis Malles' Gaunerkomödie "Crackers", um alsbald zu einer eigenständigen Sprache zu finden, deren besonderes Plus der trockene Erzählton sowie die spielfreudige Besetzung ist. Dabei überzeugt vor allem Herbert Knaup, der sich als überraschend begnadeter Komiker entpuppt. Insgesamt hatte Wolfgang Dickmann ein durchaus glückliches Händchen bei der Wahl seines Ensembles: Rufus Beck gibt den Kelp als leicht dandyhafte, versponnene Figur, die stets einen neuen Plan auf Lager hat. Bei den Nebenrollen merkt man vor allem Leslie Malton als Psychologin, die Jennys Vater berät, den Spaß an, den sie an dieser Rolle hatte und der sich auch auf das Publikum überträgt. Eine echte Entdeckung ist vor allem die 14-jährige Sophie Moser in der Rolle des Opfers, das zur Komplizin wirkt. Wenn sie anfangs etwas hölzern wirkt, so macht das durchaus Sinn: Schließlich spielt sie ein kleines Mädchen, das von einer Bande maskierter Gangster entführt wird und das kann einen schon versteinern lassen. Aber auch filmsprachlich hat Dickmann so einiges zu bieten. Da wäre vor allem die intelligente und ironische Montage, die sich nicht davor scheut, bestimmte Motive mehrfach zu variieren und dennoch immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Das Ergebnis ist Familienkino im besten Sinne: Ein Film, von dem alle etwas haben. Die Kids eine (zudem auch noch weibliche) Identifikationsfigur, die sämtliche Erwachsenen in die Tasche steckt, und die Eltern eine Gaunercombo, wie man sie so im deutschen Kino gerne öfter sehen würde. Es scheint, als sei die Zeit sich stets wiederholender Beziehungskomödien endlich vorbei und nun endlich Platz für ganz andere Geschichten, die unterhalten, ohne zu verdummen.

Lutz Gräfe

 

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Ausgabe 78-2/1999

 

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