Zum Inhalt springen

Ausgabe 47-3/1991

WUNDERJAHRE

WUNDERJAHRE

Produktion: Objektiv Film / Die Zeit TV / DEFA Studio Babelsberg GmbH / ZDF, Bundesrepublik Deutschland 1991 – Regie: Arend Agthe – Drehbuch: Rudolf Herfurtner, Arend Agthe – Kamera: Thomas Mauch, Michael Wiesweg – Schnitt: Ursula West – Musik: Matthias Raue – Darsteller: Silvia Lang (Hanna), Gudrun Landgrebe (Hannelore Hoffmann), Jens Weisser (Friedrich Hoffmann), Christian Mueller-Stahl (Bernhard Hoffmann), Kirill Falkow (Clemens) u. a. – Laufzeit: 97 Min. -Farbe – Weltvertrieb: Objektiv Film – Altersempfehlung: ab 8 J.

1952 – eine deutsche Kleinstadt zur Zeit des Wirtschaftswunders. Hanna, ein Waisenkind, bekommt eine Pflegefamilie, eine propere mittelständische Familie mit Eigenheim, Auto und zwei Söhnen. Hanna fühlt sich unwohl und erfährt bald von dem Schatten, der auf dem Familienleben lastet: die Mutter, Frau Hoffmann, hatte 1945 auf der Flucht ihren Sohn Clemens verloren und ist besessen von der Idee, dass er eines Tages auftauchen wird. Die Spannung wächst, bis Clemens tatsächlich auftaucht – aber nicht als Sohn, sondern als Fremder, ganz "verwildert". Es ist Hanna, die ihn entdeckt und immer wieder zu ihm findet, die Familie kann diesen Caspar Hauser nicht aufnehmen, nur zähmen. Er lässt sich nicht domestizieren, wie ein gejagtes Tier verschwindet er. Übrig bleibt die Nachricht von seinem Tod, ein spärliches Begräbnis, und das Grab, das nur Hanna besucht.

In der Darstellung dieser Figur wird eine subtile Balance zwischen Mitleid und Distanz gehalten. Man spürt die Verzweiflung von Clemens, aber er wird nicht zur Identifikationsfigur aufgebaut. Man sieht ihn in der Halbtotale auf der Flucht, oder bei Nahaufnahmen meist im Profil, schräg von hinten über die Schulter oder mit abgewandten, "fliehenden" Augen, das Gesicht nur schwach ausgeleuchtet. Er ist nie ganz da, so kann er auch wieder verschwinden, ein Mythos, der nicht ganz Realität wird. Es ist ihm nicht gegönnt: Als er einen Körper bekommt und nicht flieht, sondern im Gartenhäuschen in Hannas Armen schläft, bleibt das anrührende Bild der beiden Schlafenden ein Genrebild, ein wunderschönes Bild, das die empörte Mutter sofort brutal zerstört – ein dramatischer Höhepunkt ihres Versagens.

Diese düstere Geschichte eines Außenseiters wird gehalten von der Hauptfigur und Erzählperspektive Hanna. Auch sie ist eine Außenseiterin, aber sie kann in dieser Gesellschaft leben und eigenständige Beziehungen entwickeln: zu Clemens, zu einer Freundin, die Hoffmanns nicht akzeptieren, zur Natur und zur Jugendkultur. In den ersten Bildern ist sie noch ganz scheu und abweisend: der Blick gesenkt, die Zöpfe im Nacken festgebunden, schweigend im Auto und bei Tisch. Hanna lernt sich frei zu bewegen, mit ihrem Fahrrad kann sie überall hin – Hanna auf dem Fahrrad gehört zu den wenigen Bildern, die in diesem sozial realistischen Film lyrisch eingesetzt werden. Dies ist keine gewöhnliche Pubertätsgeschichte: Hannas Entwicklung hat nichts Grelles, Spektakuläres, sie bleibt ganz sie selbst, die sanfte, verhaltene Hanna – auch nach dem neuen Haarschnitt in der Disco. Und doch gehen wir einen langen Weg mit ihr und werden vom Lächeln dieses ernsten Mädchens besonders berührt. Die unspektakuläre, ruhige Intensität ist eine besondere Regieleistung: Es gibt nur wenig Großaufnahmen von Hanna, Regisseur und Kamera gehen behutsam mit der Hauptfigur um, sie haben Achtung vor ihr und diese Achtung überträgt sich auf den Zuschauer. Es ist diese filmästhetische Dimension, die der Entwicklung Hannas eine besondere Ausstrahlung gibt.

Diese Dichte und Subtilität fehlt bei einigen Nebenfiguren, vor allem die Eltern erleiden das Schicksal vieler Eltern in Kinderfilmen mit ausdrucksvollen Kindergesichtern: Sie bleiben vergleichsweise blass und uninteressant. Auch das Versagen der Familie gegenüber Clemens bleibt ein wenig abstrakt. Insbesondere am Anfang sind einige Figuren und Episoden zu deutlich Handlungsträger, ohne Eigenleben, ohne Liebe zum Detail.

Insgesamt gelingt dem Film aber die überzeugende Darstellung einer Epoche – mit ihrer Jugendkultur und -musik, dem neuen Auto von Hoffmanns, der Mutter im eng anliegenden Kostümjäckchen, dem Bohnerwachswettbewerb (auch die Isetta als 1. Preis fehlt nicht). Hier wird manchmal ein bisschen breit gewalzt, aber im Ganzen bleibt Zeitgeschichtliches eingebunden in die Haupthandlung. Die Toleranzgrenze dieser Gesellschaft im Aufschwung wird in drei verschiedenen Schicksalen aufgefächert: die Geschichte von Clemens, dem "Flüchtling", von Hanna, dem Waisenkind, und von Bernhard, dem wohlbehüteten Hoffmann-Sohn, dessen journalistisch-politisches Engagement unerbittlich bestraft wird: die Nazi-Vergangenheit eines Lehrers ist tabu. Und ironischerweise landet gerade der aufsässige, betont coole intellektuelle Bernhard am Schluss im Hafen der Ehe – mit einem Postkartenbild von Hochzeit mit Spitzenschleier und Hochzeitstorte. Mit diesen drei Handlungssträngen kann der Film ein lebendiges Bild der Wunderjahre und ihrer Integrationsfähigkeit entwickeln. Mit Blick auf die atmosphärische und emotionale Dichte wäre weniger mehr gewesen. Und ich persönlich hätte mir etwas mehr spitzbübischen Humor gewünscht.

Die "Wunderjahre" und Hannas Wunderjahre lohnen sich. Der Film ist interessant für Kinder (ab ca. 8 Jahren), Jugendliche und Erwachsene – als Geschichte und als Gegenwart.

Michaela Ulich

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 49-3/1992 - Interview - Zwischen Fernsehen und Kino

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.WUNDERJAHRE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

Permalink fr Verlinkungen zu dieser Seite Dauerhafter, direkter Link zu diesem Beitrag


Ausgabe 47-3/1991

 

Filmbesprechungen

FANTASIA, DIE GEISTERINSEL| FERIEN MIT SILVESTER| FÜR IMMER MERY| HALTE STILL, STIRB, ERWACHE| DER HIMMEL IST MEIN HAUS| DAS JAHR DER MACHETE| LIEBE, RACHE, CAPUCCINO| OSTKREUZ| DAS PONY VOM ERSTEN STOCK| DIE REISE NACH MELONIA| DIE SPRUNGDECKELUHR| TOMMY TRICKER UND DIE BRIEFMARKENBANDE| TRILLERTRINE| ÜBERLEBEN IN PALERMO| WUNDERJAHRE|

Interviews

Friedrich, Gunter - "... ich werde diesen Film machen, weil er eine antifaschistische Grundposition hat"| Lotz, Karl Heinz - "Hätte ich gewusst, dass es so einen Rummel zu Mozart gibt, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht"| Meyer, Günter - "Der Zuschauer muss wirklich um seine Helden bangen"| Wheeler, Anne - "Ich denke, die Leute sind es langsam leid, immer Filme wie 'Rambo' zu sehen"|

Filme in der Diskussion

"Das Jahr der Machete" |


KJK-Ausgabe 47/1991

 

Anzeigen:

Einzelne Ausgaben:

Filmtitel nach Alphabet:

Zusatzmaterialien:

Volltext-Suche:

 

 


Sonderausgaben bestellen!