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Ausgabe 94-2/2003

DER ZEHNTE SOMMER

DER ZEHNTE SOMMER

Produktion: Zieglerfilm Köln GmbH; Deutschland 2002 – Regie: Jörg Grünler – Drehbuch: Dieter Bongartz, nach seinem Buch "Der zehnte Sommer des Kalli Spielplatz" – Kamera: Daniel Koppelkamm – Schnitt: Jörg Baumeister – Musik: Mick Baumeister – Darsteller: Martin Stührk (Kalli), Kai Wiesinger (Karl Spielplatz), Katharina Böhm (Elvira Spielplatz), Pino Servino-Geysen (Polli), David Kötter (Walter), Michelle Barthel (Franzi), Christina Schumacher (Ilona Spielplatz), Erika Marozsán (Almut Hilfers) u. a. – Länge: 97 Min. – Farbe Verleih: Central Film Berlin – Altersempfehlung: ab 8 J.

Kalli Spielplatz hat Geburtstag, seinen neunten. Er fühlt sich wie ein König. Was heißt fühlt – er ist ein König. König Kalli, der auf seinem neuen Roller mit einer goldenen Papierkrone auf dem Kopf und rotem Stoffumhang um die Schultern sein Königreich inspiziert, die Straßen, die Plätze, die Lichtspielhäuser. Die Menschen grüßt er huldvoll und freut sich, dass alles wohl bestellt ist, seine Untertanen ihm gratulieren und sich mit ihm freuen. Auch die königlichen Eltern, sein Vater Karl, seine Mutter Elvira, und seine Schwester Ilona. Der Junge lebt in seiner Welt, an der er die anderen Kinder teilhaben lässt. Eine Stimme aus dem Off gibt Einblick in Kallis Denken und Fühlen.

Für die Eltern ist Kalli kein König, sondern ein ganz normaler Junge. Sein manchmal sonderbares Verhalten betrachten sie mit liebevoller Nachsicht. In ihren Gesprächen geht es mehr um das Nachbarhaus, in dem Frau Hilfers mit ihren beiden Teenager-Töchtern wohnt, als um Kalli. Elvira Spielplatz ist eifersüchtig auf die Nachbarin, Kalli spürt, dass von der fremden Frau eine Gefahr ausgeht. Also nimmt er sie und die beiden Töchter in sein Königreich der Phantasie auf, teilt ihnen die Rolle von verführerischen Hexen zu, von denen man sich besser fernhält. Seine Mutter verbietet ihm jeden Kontakt zu Frau Hilfers und ihren Töchtern, umso faszinierender werden sie für ihn.

Es ist Sommer, Ferienzeit, und Kalli hat die Idee, für sein Reich einen Zoo einzurichten. Für sein Unternehmen gewinnt er die Freunde Polli und Walter. In Franzi, der süßen Nachbarstochter, sieht er seine Auserwählte, also darf sie auch dabei sein. Die ersten Exemplare des Kleinsttierzoos verenden kläglich in Marmeladengläsern im Keller. Als Polli von einem richtigen Affen erzählt, den sein Vater von irgendwoher hat, sind die Kinder Feuer und Flamme. Kalli träumt schon von der großen Show. Aber bis es soweit kommt, gibt es eine verwirrende Begegnung mit Frau Hilfers und ihren Töchtern, die eigentlich doch keine bösen Hexen sind, wie Kalli feststellen muss, erklären sie sich doch gern bereit, das Äffchen bei sich zu Hause aufzunehmen. Aber niemand darf das wissen, denn es liegt ein Bann über Frau Hilfers und ihren Töchtern. Das Tiertraining macht Fortschritte, doch dann ziehen dunkle Wolken in Kallis Reich auf. Die Eltern streiten sich, die Existenz des Vaters ist bedroht, die Eifersucht der Mutter bekommt neue Nahrung. Und Kalli hat gesehen, wie sein Vater Frau Hilfers küsst!

Aber alles wird gut, es findet wirklich eine kleine Zirkusvorstellung statt, der alle Erwachsenen fröhlich vereint applaudieren. Ein überraschender und märchenhafter Schluss. Vielleicht hat Kalli das auch nur so gesehen, wie er überhaupt der Welt, die ihn umgibt, eine eigene Optik und Sinngebung verleiht. Der Film ist zum großen Teil – aber leider nicht durchgängig – aus Kallis Sicht gedreht. Die Geschichte spielt in einer deutschen Kleinstadt im Jahre 1960, in der Adenauerzeit also, für die das oberste Prinzip "keine Experimente" hieß. Im Elternhaus herrschte noch Strenge. Andererseits hatten die Kinder viel Freilauf in einer Welt, in die Erwachsene keinen Einblick hatten, denn die Erwachsenen- und die Kinderwelten waren viel mehr voneinander getrennt als heutzutage.

Die Stärke des Films liegt in der Heiterkeit, die der Junge Kalli ausstrahlt, in seinem glücklichen Lächeln. Ihm nimmt man auch die ironisierende Betrachtung seiner selbst erschaffenen Kinderwelt ab. Trotzdem braucht es einige Zeit, bis man einsteigt in Kallis liebenswert altmodisches Reich, vorbei an den reichlich zusammengetragenen Requisiten. Es gibt Szenen von großer Poesie. Dieter Bongartz, Jahrgang 1951, Autor des dem Film zugrunde liegenden autobiografischen Romans "Der zehnte Sommer des Kalli Spielplatz", schrieb auch das Drehbuch, keine leichte Aufgabe, denn die Dramaturgie eines Romans ist eine andere als die eines Films und ihr hätte eine Straffung gut getan. Regisseur Jörg Grünler, der sich selbst noch gut an seine Kindheit in den 50er-Jahren erinnern kann, hat mit Vergnügen und Einfühlungsvermögen diese Kindheit inszeniert, in der König Kalli der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ist.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 96-2/2003 - Kinder-Film-Kritik - Der zehnte Sommer
KJK 94-2/2003 - Interview - "Mit Lügen soll man nicht geizen"
KJK 93-2/2003 - Interview - "Die Grundstimmung ist lebensbejahend"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DER ZEHNTE SOMMER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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