Zum Inhalt springen

Ausgabe 113-1/2008

DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN

LE RENARD ET L'ENFANT

DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN

Produktion: Bonne Pioche Productions, France 3 Cinéma, Canal+, Wild Bunch; Frankreich 2007 – Regie: Luc Jacquet – Drehbuch: Luc Jacquet, Eric Rognard – Kamera: Gérard Simon, Eric Dumage, François Royet – Tieraufnahmen: Jérôme Bouvier, Jérôme Maison, Cyril Barbançon – Schnitt: Sabine Emiliani – Musik: Evgueni Galperine, Alice Lewis, David Reyes – Darsteller: Bertille Noël-Bruneau (Mädchen Lila), Isabelle Carré (Erzählerin) – Länge: 92 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Kinowelt – Altersempfehlung: ab 8 J.

Der Titel des Films ist auch zugleich seine Inhaltsangabe: Es beginnt eines Morgens im Spätsommer im Wald mit einer Begegnung zwischen dem zehnjährigen Mädchen Lila und einem jagenden Fuchs. Das Mädchen radelt auf seinem Schulweg durch die unberührte Landschaft und ist von dem scheuen Tier fasziniert, immer wieder kommt es in den folgenden Tagen und Wochen in den Wald, um das Tier zu beobachten. Oft wartet es vergebens, manchmal ist das Wiedersehen auf einen kurzen Blick zueinander beschränkt. Doch das Mädchen hat eine immense Ausdauer, kann warten – und tatsächlich werden die Zusammentreffen zunehmend länger. Als der Winter kommt, singt Lila ein Liedchen im Schnee. Lautes Knacken im Gebüsch macht ihr Angst, sie läuft davon und bricht sich dabei ein Bein. Nun ist sie über Monate mit ihrem Gipsfuß ins Haus verbannt, sie liegt auf ihrem Holzbett und liest Bücher über die Lebensweise der Füchse.

Im Frühling nimmt Lila die Suche nach dem Fuchs wieder auf, erneut ist Geduld nötig, doch eines Tages entdeckt sie das Tier, es hat Junge bekommen, der Fuchs ist also eine Füchsin. Das Mädchen tauft die Füchsin "Titou". Nach vielen Tagen zeigt Titou endlich Interesse an dem Mädchen und lockt es zu einem reißenden Fluss und in eine Tropfsteinhöhle. An der Seite der neuen Freundin wagt sich Lila immer weiter in die raue Wildnis vor, bis sie sich verirrt und im dunklen Wald übernachten muss. Beim Aufwachen liegt Titou neben ihr. Das Mädchen sehnt sich jetzt nach der Berührung, es will die distanzierte Bewunderung aufgeben und den Fuchs streicheln, aber dahin ist es ein langer Weg voller Enttäuschungen und Überraschungen. Als Lila die Füchsin vor einem Wolfsrudel rettet, hat das Tier endlich soviel Zutrauen gefasst, dass es dem Mädchen nach Hause folgt.

Nach dem Erfolg seiner Dokumentation "Die Reise der Pinguine" wechselte Regisseur Luc Jacquet ins Spielfilm-Genre. "Der Fuchs und das Mädchen" ist zwar ein Spielfilm, doch mit seinen ausführlichen und überwältigenden Landschafts- und Tieraufnahmen mutet er oft wie eine Tier-Dokumentation an. Es ist eine poetische Hymne auf eine paradiesische Natur. Der Film nimmt die Zuschauer mit auf die Reise in eine intakte Umwelt, und zugleich ist es die Reise des Regisseurs zu seinen eigenen Kindheitserinnerungen, also in die Vergangenheit. Das erschließt sich aber erst ganz zum Schluss des Films. Luc Jacquet konzentriert sich ganz auf das Mädchen als Vertreterin der Menschen und die Füchsin als Vertreterin der Tiere, die Eltern des Mädchens tauchen niemals auf. Und selbst eine der schönsten und berührendsten Szene des Films lässt zunächst keine zeitliche Einordnung zu: Das Mädchen und die Füchsin Titou sitzen friedlich nebeneinander und blicken ins Tal hinab zum Elternhaus des Mädchens und von weitem nähert sich ein Auto mit Lilas Vater.

Manchmal gewinnt der Film märchenhafte Züge, wenn der Eindruck einer möglichen Freundschaft zwischen Mensch und wildem Tier erweckt wird, doch spätestens als das Mädchen den Fuchs mit ins Haus und in sein Dachzimmer nimmt, führt die Erzählung in die Realität zurück. Der Mensch verwechselt gern Freundschaft mit Besitz und da soll das Tier dann so menschlich wie möglich werden, nur der Fuchs lässt sich nicht einsperren, er rebelliert und entzieht sich einer Domestizierung: "Wir konnten keine Freunde sein, ich hatte Lieben mit Besitzen verwechselt", erzählt Lila als Erwachsene ihrem kleinen Sohn. Diese lehrreiche Erkenntnis wird allerdings noch von der Einsicht übertroffen, dass Luc Jacquet den Zuschauern eine Natur gezeigt hat, die es vielleicht vor über dreißig Jahren noch gegeben hat, die aber inzwischen unumkehrbar vernichtet ist: Der Wald stirbt Tag für Tag mehr und der so gern benutzte Begriff "Klimawandel" ist sicher mit "Katastrophe" viel klarer benannt. Weil die Welt nicht mehr so aussieht, wie sie der Film zeigt, musste Luc Jacquet in den Gegenden des Plateau du Retord im Département Ain südlich des Juramassivs und in einem Nationalpark der Abruzzen drehen und seine Naturbilder einer urwüchsige Landschaft aus dichten Nadelwäldern und weiten Erosionstälern zusammensetzen: "Es ist diese Zusammenfassung der Welt, die später meine Sicht auf den Menschen strukturierte," meint Regisseur Luc Jacquet.

Strukturiert wird der Film über den Wechsel der vier Jahreszeiten und überwiegend wird er aus der Perspektive des Mädchens erzählt, nur im Winter, wenn es mit Gipsbein das Haus hüten muss, wechselt Luc Jacquet die Perspektive: Das Leben des Fuchses und seine gefährlichen Begegnungen mit Wildkatzen und Wölfen verlaufen parallel zur Lektüre des Mädchens – die Bilder aus der Natur mit Wildtieren vom Waschbär bis zum Igel, vom Otter bis zum Braunbär erscheinen wie eine anschauliche Bebilderung der Bücher. Beeindruckend in allen Situationen ist Bertille Noël-Bruneau als Mädchen Lila, mal scheint sie verschlossen, dann wieder sehr offen zu sein, dabei immer auch mit einem Hauch des Geheimnisvollen: Sie behauptet sich in und gegen die Natur, überzeugt in ihrer Liebe zum Tier. Die Musik der drei Komponisten Evgueni Galperine, Alice Lewis und David Reyes, die stets ein wenig zu dramatisch wirkt, als müssten die wenigen Worte des Films mit umso bombastischeren Tönen kompensiert werden, ist das einzige Manko dieses gelungenen Films über Freiheit, Respekt und eine im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Freundschaft.

Manfred Hobsch

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

Permalink fr Verlinkungen zu dieser Seite Dauerhafter, direkter Link zu diesem Beitrag


Ausgabe 113-1/2008

 

Inhalt der Print-Ausgabe 113-1/2008|

Filmbesprechungen

BLINDSIGHT| COMRADES IN DREAMS – LEINWANDFIEBER| DER FUCHS UND DAS MÄDCHEN| DER GOLDENE KOMPASS| DER GROSSE MARKT| HERR FIGO UND DAS GEHEIMNIS DER PERLENFABRIK| HINTER DEN WOLKEN| HOLUNDERBLÜTE| KLEINER DODO| MAN IN THE CHAIR| MONDKALB| PERSEPOLIS| DIE ROTE ZORA| VERWÜNSCHT|

Interviews

Barnsteiner, Eduard - "Nur selten finde ich einen Film, den ich ins Kino bringen will"| Dillmann, Claudia - "Wir wollen nicht nur Geschichte vermitteln"| Enders, Sylke - "Die Zuschauer sollen sich in den Film verlieben"| Koepp, volker - "Wir mussten uns mit der Kamera niemals verstecken"| Næss, Petter - "Damit kann sich jedes Kind identifizieren"| Rothkirch, Thilo Graf - "Wir können stringenter produzieren, wenn alles in einer Hand bleibt"| Wolpert, Bernd - "Kinder und Jugendliche sind unser wichtigste Zielgruppe"|


KJK-Ausgabe 113/2008

PDF-Download Originalausgabe (PDF)

 

Anzeigen:

Einzelne Ausgaben:

Filmtitel nach Alphabet:

Zusatzmaterialien:

Volltext-Suche:

 

 


Sonderausgaben bestellen!