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Ausgabe 116-4/2008

WAR CHILD

Produktion: 18th Street Films; USA 2007 – Regie und Buch: Christian Karim Chrobog – Kamera: Stanley Staniski – Schnitt: Nels Bangerter – Musik: Emmanuel Jal – Länge: 94 Min. – Farbe – Kontakt: 18th Street Films, e-mail: kchrobog@gmail.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Wann genau der inzwischen weltbekannte Rapper Emmanuel Jal in dem kleinen Dorf Tonj im Süden des Sudan geboren wurde, weiß er nicht. Es muss aber zwischen 1978 und 1980 gewesen sein – 1983 brach der seit der 1956 erlangten Unabhängigkeit immer wieder aufflammende Bürgerkrieg zwischen dem überwiegend christlichen und animistischen Süden und der arabisch dominierten Regierung im Norden erneut aus. Der Krieg sollte über 20 Jahre dauern und zwei Millionen Menschen das Leben kosten, doppelt so viele wurden vertrieben. Auch Emmanuels Dorf wurde überfallen, muslimische Krieger aus dem Norden legten Feuer, seine Familie floh weiter nach Süden zur Großmutter. Bald nach der Flucht starb Emmanuels Mutter und sein Vater schloss sich der SPLA an, der Rebellen-Armee, die entschlossen gegen die wirtschaftliche, politische, soziale und religiöse Benachteiligung durch die Regierung kämpfte. Seinen Sohn schickte er in eines ihrer Trainingscamps in Äthiopien und hier erlernte Emmanuel mit sechs, sieben Jahren das Schießen. Bei einem militärischen Einsatz im Sudan ist er mit rund 400 Kindersoldaten und wenigen Erwachsenen 1991 geflohen – drei Monate irrten sie durch das Land, nur 42 von ihnen überlebten. Emma McCune, Mitarbeiterin der Kinderhilfsorganisation "Street Kids" und Ehefrau des Rebellenführers Riek Machar, nahm sich seiner an und verhalf ihm nicht nur zur Flucht nach Kenia, sondern adoptierte ihn auch. In Nairobi besuchte Emmanuel eine christliche Schule und als Emma 1993 bei einem Autounfall ums Leben kam, zahlten ihre Freunde den Schulbesuch weiter.

Es war die Musik, die den zum zweiten Mal verwaisten Jungen am Ende aus tiefer Depression rettete: Er sang im Kirchenchor, lernte, mit anderen zusammenzuspielen und landete 2005 in Kenia seinen Hit "Gua", was in seiner eigenen Sprache "Frieden" heißt. Darin machte er seine Geschichte zum Gegenstand eines aufregenden HipHop-Songs, der sich in Windeseile über die BBC nicht nur in ganz Afrika verbreitete, sondern auch nach Europa und Amerika überschwappte. Der Erfolg führte Emmanuel nach London und in die USA und heute ist er in der ganzen Welt nicht nur als afrikanischer Rap-Sänger bekannt, sondern auch als Botschafter für den Frieden und Gründer der Stiftung "Gua Africa", die sich als erstes Ziel den Aufbau eines Schul- und Rehabilitationszentrums gesetzt hat. (www.guaafricaonlinde.com)

Emmanuel Jal, der bereits als Kind so oft mit dem Tod konfrontiert war, ist der festen Überzeugung, dass er nur deshalb überlebt hat, um anderen seine Geschichte erzählen zu müssen. Und es ist erschütternd zu sehen, wie schwer ihm das fällt. In seinem Dokumentarfilm zeigt Chrobog diesen jungen charismatischen 'Helden' bei Konzertauftritten, in Schulen, an den Schauplätzen seiner Kindheit und Jugend, in der Familie, im Gespräch mit Politikern wie Repräsentanten des internationalen Krisenmanagements und ehemaligen Verantwortlichen der UN – und immer überzeugt er durch seine Glaubwürdigkeit, seine Sensibilität und berührende Emotionalität. Auch als Kind ist er auf Filmaufnahmen von 1989 in einem Flüchtlingslager der UN zu sehen. Dank seiner Persönlichkeit konnte die angestrebte Balance zwischen unbarmherziger Realität und Hoffnung auf die Selbstheilungskräfte des Menschen gelingen. Und man kann nicht hoch genug einschätzen, dass Chrobog die bei diesem Thema so naheliegenden Gefahren vermeidet, entweder im Blut zu waten oder die Realität zu beschönigen. Obwohl beinahe jede Grausamkeit thematisiert wird, gelingt es ihm, niemals sentimental zu werden oder dem Publikum das eigene Denken durch aufgesetzte Botschaften abzunehmen. Und das ist für einen ersten Film eine beachtliche Leistung.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 116-4/2008 - Interview - "Das ist für einen Filmemacher natürlich ein Glücksfall"

 

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Ausgabe 116-4/2008

 

Inhalt der Print-Ausgabe 116-4/2008|

Filmbesprechungen

EIN AUSSERIRDISCHER SOMMER| BLUTSBRÜDER| DER BRIEF FÜR DEN KÖNIG| DANCE FOR ALL| DIARI| KRABAT| LOVE, PEACE & BEATBOX| MEIN BESTER FREUND| DER MONDBÄR – DAS GROSSE KINOABENTEUER| PHOEBE IM WUNDERLAND| SON OF A LION| SPUK IM EIS| DIE VERTRETUNGSLEHRERIN / ALIEN TEACHER| WAR CHILD|

Interviews

Chrobog, Christian Karim - "Das ist für einen Filmemacher natürlich ein Glücksfall"| Gilmour, Benjamin - "Zur Hölle mit Osama!"| Preuschhof, Sabine - "Wir wollen das Kulturgut Märchen lebendig halten"| Ried, Elke - "Das tapfere Schneiderlein" kehrt zurück| Rosenbaum, Uwe - Mit wenigen Mitteln viel erreicht|

Hintergrundartikel

„Dornröschen“|


KJK-Ausgabe 116/2008

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