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Ausgabe 70-2/1997

DIE KNICKERBOCKER-BANDE: DAS SPRECHENDE GRAB

Produktion: DOR-Film; Österreich 1996 – Regie: Marijan D. Vajda – Buch: Milan Dor, Thomas Brezina, Susanne Strobl – Kamera: Helmu Pirnat – Schnitt: Ortrun Bauer – Musik: Mischa Krausz – Darsteller: Rebecca Keeling (Lilo), Mathias Rothammer (Axel), Aled Roberts (Dominik), Olivia Hallinan (Poppi), Julie Cox (Melissa) u. a. – Länge: 85 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Globus (35mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Die Knickerbocker-Bande, das sind zwei Buben und zwei Mädchen, die immer wieder in abenteuerliche Kriminalfälle verwickelt werden. Zusammengefunden haben sie, weil sie selbst entworfene Knickerbocker auf einer Modenschau vorstellen mussten. Lilo (13) ist der kühle Kopf der Bande, die meist das Kommando übernimmt, Axel (13) ist nicht nur sehr sportlich, sondern auch ein technisches Genie, Dominik (10) ist ein begnadeter Schauspieler und ein "wandelndes Lexikon", und Poppi (9) ist tierlieb und verträumt. Kurz gesagt: Die Knickerbocker-Bande ist eine ideale Mischung, um Kindern spannende Geschichten aufzutischen, die mit den vorgegebenen Mitteln der Kinder auch lösbar sind. Das war schon in den erfolgreichen Büchern von Thomas Brezina so, und das setzt sich nun in diesem Film fort, dem Ende 1997 eine Fernsehserie (auf PRO 7) folgen wird.

Schon die Grundstruktur des Films ist gelungen. Noch vor dem Titel wird in wenigen Minuten eine Kurzgeschichte erzählt, in der die vier "Knickerbocker" in Aktion vorgestellt werden: Sie verhindern den Diebstahl des originalen Sachertorten-Rezepts. Dann folgt das eigentliche Abenteuer. Und am glücklichen Ende warten die kleinen Helden nicht die langen Lobreden ab, denn sie sehen, dass eine Statue gestohlen wird und wollen die Diebe verfolgen. Nun könnten die Zuschauer stöhnen: Oje, Fortsetzung! Aber nein! Dominik will die Verfolgung in einem Taxi aufnehmen und stolpert stattdessen ins Coupé von ... Thomas Brezina, der ihm verrät, dass die gestohlene Statue eine wertlose Kopie ist, die aber einen wertvollen Inhalt hat, einen Mikrofilm. Damit ist die angedeutete Geschichte praktisch auch schon zu Ende erzählt. Man weiß, der Autor "kennt" seine Helden und wird auch in Zukunft dafür sorgen, dass ihre Abenteuer gut ausgehen.

Zwischen Vor- und Nachspiel wird ein Abenteuer aufgerollt, das sich aus Poppis selbst auferlegter Mutprobe ergibt: Sie geht nachts durch den Friedhof und entdeckt dabei eine verhüllte Gestalt, die zu einem "sprechenden Grab" pilgert. Auf der Suche nach Poppi stören die drei anderen Knickerbocker die Grabesstimme und geraten in die Geschichte, die zu dem Theater führt, an dem auch Dominik auftritt. Der nächtliche Spuk hat es nämlich auch bei Tag und im Theater auf die Tänzerin Melissa abgesehen, Tochter einer berühmten Tänzerin und eines noch berühmteren Bühnenzauberers, der unter dem "sprechenden Grab" in einer luxuriösen Gruft bestattet ist. Die vier Juniordetektive geraten in alle möglichen haarsträubenden Gefahren, überstehen diese aber natürlich alle. Dabei wird mit leichter Hand die Balance zwischen Fiktion und Realität aus Kindersicht hinterfragt: Erst erschrecken zum Beispiel die kleinen Helden im Lager der Zauberrequisiten, dann konstatieren sie – wie die Zuschauer -, dass ja alles nur Trick ist. Und nach dem Aufatmen folgt ein weiterer Trick, der die eigene Altklugheit wieder in Frage stellt und die Regeln der Realität zugunsten der Handlung aufhebt.

Gewiss, es gibt in diesem Film einige Unwahrscheinlichkeiten. Sie erklären sich aber aus der ohnehin und absichtlich übertriebenen Handlung, die mit Versatzstücken aus Film, Comics und Unterhaltungsliteratur geschickt, angelegentlich auch leicht ironisch spielt. Die gezeigte Welt ist eine Wunsch- und Abenteuerwelt der Kinder. Deshalb sind auch nicht sämtliche logische Kriterien der Erwachsenen darauf anzuwenden.

Der Film erhebt keinen Anspruch auf übermäßigen Tiefsinn. Aber bei aller Fabulierkunst und bei aller Unterhaltsamkeit wurde darauf geachtet, dass die gezeigten Kinder tatsächlich Kinder sind, und dass sie in sich und untereinander stimmig gezeigt werden. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter ist gegeben. Verhaltensweisen werden hinterfragt. Dabei wird nicht übertrieben chargiert, um den zusehenden Kindern etwa zu signalisieren "das ist jetzt komisch, lacht gefälligst!" Humor ist vom Drehbuch vorgegeben und wirkt nie zwanghaft, sondern stets natürlich. Das alles hebt "Die Knickerbockerbande" wohltuend von einer Reihe anderer Kinderfilme ab, deren Macher so sehr bemüht waren, Kinderfilme zu machen, dass sie letztlich kindische Filme gemacht haben. Bei Brezina werden Kinder ernst genommen. Nicht umsonst ist sein Motto, nicht "auch" für Kinder, sondern "nur" für Kinder zu arbeiten.

Für die Kenner der Romanvorlage, also im Wesentlichen für Kinder, ist von Bedeutung, dass die Darsteller im Film perfekt besetzt sind und als "die" Kinder aus den Büchern erkannt werden. Dazu kommt, dass die Geschichte so in Szene gesetzt und fotografiert ist, dass Kinder der Geschichte durch alle Gefahren gespannt folgen, bei den spannungslösenden Zwischenszenen lachen und sich nie gelangweilt fühlen. Was für den Erfolg eines Jugendfilms ebenfalls wichtig ist: Selbst Erwachsene langweilen sich nicht, auch wenn sie den einen oder anderen dramaturgischen Kniff durchschauen oder albern finden. Nur kleinere Kinder finden das Thema der Geschichte und die "Schreckgestalten" an sich so gruselig, dass sie den Film nicht mögen werden.

Der Film "Die Knickerbocker-Bande", der beim Jugendfilmfestival in Antwerpen 1996 den Hauptpreis "Jan zonder Vrees" erhielt, wird vermutlich dazu beitragen, den Ruhm des Autors Thomas Brezina (34) auch hierzulande zu mehren, wo er trotz seiner vielen Bücher noch relativ unbekannt ist. Schon mit 15 Jahren gewann er den "Großen Österreichischen Jugendpreis" für seine Drehbücher zu einer Puppen-Fernsehserie. Mit 16 Jahren arbeitete er beim Österreichischen Rundfunk. Fernsehzuschauern in Süddeutschland ist er seit mehreren Jahren aus den Kindersendungen des ORF bekannt; anfangs als Moderator und Kollege von Vera Russwurm bei "am dam des", später mit der "Heißen Spur" und anderen Jugendsendungen. Brezina hat in fünf Jahren über 100 Jugendbücher geschrieben, die weltweit bereits eine Auflage von über 14 Millionen erreichten. Dass dabei Quantität auch Qualität sein kann, mag man daraus ersehen, dass Brezina 1994 vom Österreichischen Bundesminister für Unterricht und Kunst gleich für insgesamt 13 seiner Bücher die Auszeichnung "Das Goldene Buch" erhalten hat.

Wolfgang J. Fuchs

 

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