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Ausgabe 70-2/1997

TEMPO

Produktion: DOR-Film; Österreich 1996 – Regie und Buch: Stefan Ruzowitzky – Kamera: Andreas Berger – Schnitt: Britta Burkert – Darsteller: Xaver Mutter (Jojo), Nicolette Krebitz (Clarissa), Dani Levy (Bernd), Simon Schwarz (Bastian) – Länge: 91 Min.

Der Debütfilm des Österreichers Stefan Ruzowitzky begeisterte das Publikum beim 18. Max Ophüls-Preis in Saarbrücken und erhielt u. a. den Förderpreis der Jury. Der 34-jährige Regisseur, der seine Fingerübungen bei Werbespots und Musikvideos machte, spricht mit seinen schnellen Schnitten, der skurrilen Story und der Techno-Musik (u. a. von Patrick Pulsinger) vor allem jugendliche MTV-Zuschauer an.

Das Leben des 18-jährigen Jojo, der von zu Hause abgehauen ist, findet hauptsächlich auf den Straßen Wiens statt; er jobbt als Fahrradkurier. Wenn er auf seinem Drahtesel Briefe, Blumen oder Videokassetten transportiert, geht oft die Phantasie mit ihm durch, da mutiert der Empfänger eines nur in seiner Vorstellung existierenden Pornovideos zum perversen Politiker und entpuppt sich in der Realität dann als gemütliche Oma, die sich über harmlose Bilder von der Kindstaufe freut. Als er vom arroganten Yuppie Bernd mit Brief und Rose zur schönen Clarissa geschickt wird, beginnt ein Abenteuer, das ihn mit Haut und Haaren frisst. Nicht nur "das erste Mal" mit einer Frau bringt ihn zum Schwitzen, auch homoerotische Annäherungen, schlagkräftige Ganoven oder halbtote Mafiosi sorgen für Aufregung. Und auch mit der Polizei, die seinen Wohngenossen, einen liebenswerten Kleinkriminellen, auf dem Kieker hat, muss sich der Jungmann auseinander setzen. Der Alltag wächst Jojo fast über den Kopf, zumal er plötzlich entdeckt, dass er zum tödlichen Drogenkurier missbraucht wurde.

Dennoch gewinnt er dem Ganzen am Ende etwas Positives ab: "Ich hab mein erstes Geld verdient, meine erste eigene Wohnung gehabt und zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen."

"Tempo" handelt vom Lebensgefühl einer Generation, die im Hier und Jetzt genießen, das Glück nicht auf unbestimmte Zeit verschieben will. Hintergrund für die Story um erste Liebe und Freundschaft ist Rave, die neue Jugendkultur. Ruzowitzky und sein junges Team aus Werbung, Musik- und Jugendmedien realisierten einen "Teenie-Film" mit zeitgenössischer Ästhetik, einen riesigen Clip, bei dem die wichtigsten DJs der österreichischen Techno- und House-Szene zur Mitarbeit gewonnen werden konnten und ein "Großrave" in einer bekannten Wiener Location authentische Atmosphäre vermittelt. Der coole Held mit Hang zur Schüchternheit steht für eine junge Generation, die erste Erfahrungen mit Sex, Liebe, Drogen und Musik macht und sich auf Raves Sehnsüchte aus dem Bauch tanzt. Die unter 25-Jährigen kommen bei Tempo voll auf ihre Kosten. Der Soundtrack, der von elektronischen Salsa-Rhythmen über Sphärenklänge bis zum klassischen Techno-Gewummer reicht, ist ein weiterer Anziehungspunkt für Jugendliche. Aber auch "ernste" Themen werden in lockerer Form behandelt, beispielsweise Vorurteile über Homosexualität, Unverständnis im Elternhaus, der schmerzhafte Prozess des Erwachsenwerdens.

Margret Köhler

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 74-2/1998 - Interview - "Tempo steht für Rave-Kultur"

 

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