Zum Inhalt springen

Ausgabe 87-3/2001

WIE FEUER UND FLAMME

WIE FEUER UND FLAMME

Produktion: X Filme Creative Pool GmbH, in Zusammenarbeit mit dem ZDF; Deutschland 2001 – Regie: Connie Walther – Drehbuch: Natja Brunckhorst – Kamera: Peter Nix – Schnitt: Ewa J. Lind – Musik: Rainer Oleak u. a. – Darsteller: Anna Bertheau (Nele), Antonio Wannek (Captain), Tim Sander (Hacki), Aaron Hildebrand (Meise), Michael Krabbe (Tremmel), Andreas Hoppe (Neles Vater), Hermann Beyer (Captains Vater), Kathrin Waligura (Captains Mutter) u. a. – Länge: 94 Min. – Farbe – FSK: ab 12, ffr. – Verleih: X Verleih (35 mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der Film wird in einer Rückblende aus dem New York von 1989 zur Zeit des Mauerfalls in Berlin erzählt und führt zurück in das Jahr 1982: Die 17-jährige Nele aus Westberlin verliebt sich bei ihrem ersten Kurzbesuch im Ostteil der Stadt Hals über Kopf in den Ostberliner Punk Captain. Ihre Liebe ist zunächst ohne Zukunft, niemand außer ihnen selbst gibt dieser Beziehung mitten im Kalten Krieg eine Chance. Als die Staatssicherheit der DDR auch noch offen Jagd auf die Punks macht, die als Staatsfeinde betrachtet werden, versucht man mit allen Mitteln, diese "unerwünschte" Liebe zu diskreditieren und zu unterbinden. Captain wird verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Er soll seine Freundin verraten und als Drahtzieherin eines Infiltrationsversuchs aus dem kapitalistischen Westen brandmarken. Unterdessen versucht Nele, über einen mit Bauschutt beladenen Frachtkahn illegal über die deutsch-deutsche Grenze zu gelangen, um ihrem Freund zu helfen und die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Wieder abgeschoben in den Westen, hört sie einige Zeit später von Captains Vater, sein Sohn sei "gestorben". Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende ...

Eine weitgehend überzeugende und ästhetisch einfallsreich umgesetzte deutsch-deutsche Liebesgeschichte aus dem geteilten Berlin, gedreht nach einer authentischen Begebenheit, die von Natja Brunckhorst, seinerzeit herausragende Hauptdarstellerin des Drogenfilms "Die Kinder vom Bahnhof Zoo", recherchiert und in ein Drehbuch umgesetzt worden ist. Der Film wurde versehen mit einem ansprechenden Soundtrack, der die Gefühle Jugendlicher zwischen Rebellion und ihrem Recht auf eigene Lebensgestaltung widerspiegelt und trotz des historisierenden tragikomischen Blickes auf deutsche Vergangenheit auch genügend Gegenwartsbezug herstellt.

Glaubwürdig gespielte Liebesgeschichten kommen bei Jugendlichen immer gut an, vor allem, wenn sich die Liebe gegen äußere Widerstände durchsetzen muss. Hier sind es nicht nur die Eltern oder restriktive gesellschaftliche Moralvorstellungen, gegen die sich die Liebenden durchsetzen müssen, sondern in höchster Potenz ausnahmsweise sogar ein ganzer Staat, ein diktatorischer Regierungsapparat. Angesichts der derzeitigen Betonung privater Glücksmomente und der Politikverdrossenheit unter Jugendlichen (siehe Shell-Studie 2001) bzw. der Überzeugung, von Politikern wäre heute wenig Hilfe bei der Bewältigung typischer Jugendprobleme zu erwarten, ein Umstand, der bei der Zielgruppe sicher positive Identifikationsmuster auslöst. Hinzu kommt, dass die Punk-Bewegung unabhängig von persönlicher Sympathie und jeweiligem Musikgeschmack unter Jugendlichen emotional bis heute eher positiv besetzt ist und allgemein mit gewaltloser Rebellion gegen unerwünschte gesellschaftliche Zustände und dem Recht auf persönliche Freiheit assoziiert wird. Auch hier kommt der Film jugendlichen Bedürfnissen entgegen, ohne sie nur kommerziell auszuschlachten. Schließlich wirbt der "Mauerfilm" auch noch um ein besseres Verständnis und den Abbau von Vorurteilen zwischen ostdeutschen und westdeutschen Jugendlichen. Im Gegensatz etwa zur populären und von der Realität völlig abgehobenen Pubertätskomödie "Sonnenallee" ist "Wie Feuer und Flamme" dabei um größtmögliche Authentizität bemüht, was bei Jugendlichen, die den ostdeutschen Staat bzw. insbesondere die zum Klischee erstarrte Überwachungsmentalität und die grotesken Grenzkontrollen nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen, Erstaunen bzw. sogar den Vorwurf des "Unrealistischen" hervorrufen könnte. Ein Film kann Realität immer nur widerspiegeln und je ernster er es damit meint, desto schwerer hat er es oft im Kino. Die Filmemacher waren sich dessen offenbar bewusst und darum gibt es die Liebesgeschichte und den Punk.

Holger Twele

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.WIE FEUER UND FLAMME im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

Permalink fr Verlinkungen zu dieser Seite Dauerhafter, direkter Link zu diesem Beitrag


Ausgabe 87-3/2001

 

Filmbesprechungen

ALMOST FAMOUS – FAST BERÜHMT| CATS & DOGS – WIE HUND UND KATZ'| DURCH WÜSTE UND WILDNIS| NEWENAS WEITE REISE| PINKY UND DER MILLIONENMOPS| DAS SAMS – DER FILM| SHREK – DER TOLLKÜHNE HELD| SONNY DER ENTENDETEKTIV| SPOT| DIE STEINERNE BLUME| VERSPRECHEN – PROMISES| WIE FEUER UND FLAMME| ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE|

Interviews

Ghobadi, Bahman - "Wie ein Schrei"| Junkersdorf, Eberhard - Animation für die ganze Familie| Strigel, Claus - "Kinder müssen lernen dürfen"|

Kinder-Film-Kritiken

Heidi| Ikingut| Tainah – Ein Abenteuer am Amazonas| Die grüne Wolke| Eine Hexe in unserer Familie| Der König der Falken| Ein toller Sommer|


KJK-Ausgabe 87/2001

 

Anzeigen:

Einzelne Ausgaben:

Filmtitel nach Alphabet:

Zusatzmaterialien:

Volltext-Suche:

 

 


Sonderausgaben bestellen!