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Ausgabe 87-3/2001

ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE

ZAMANI BARAYE MASTI ASBHA

ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE

Produktion: Bahman Ghobadi B. H. Films; Iran 2000 – Regie und Buch: Bahman Ghobadi – Kamera: Saed Nikzat – Schnitt: Samad Tavazoi – Musik: Hossein Alizadeh – Darsteller: Ayoub Ahmadi (Ayoub), Amaneh Ekhtiar-Dini (Amaneh), Madi Ekhtiar-Dini (Madi) u. a. – Länge: 80 Min. – Farbe – Verleih: Kool Filmdistribution Freiburg (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Noch während der Vorspann läuft – weiße Schriftzeichen auf schwarzem Grund – erfahren wir durch die Stimme eines Mädchens die traurige Familiengeschichte: Da sind drei Brüder, zwei Schwestern, die Mutter ist bei der Geburt der jüngsten Schwester gestorben. Dann sehen wir auf einem Markt Menschen Lasten schleppen, Kinder um Arbeit betteln, schließlich werden einige Jungen – darunter der ca. zwölfjährige Ayoub – zum Warenschmuggel angeheuert. Die Kinder leben im kurdischen Gebiet vom Iran, an der Grenze zu Irak. Ayoub muss seit dem Tod der Mutter für seine Geschwister mit sorgen, für die kleine Schwester Amaneh, für den älteren kleinwüchsigen Bruder Madi. Das Leben in der unwirtlichen Bergwelt ist hart und ist zusätzlich bedroht durch Tretminen aus der Zeit des irakisch-iranischen Krieges. Einer solchen fällt Ayoubs Vater zum Opfer, das bedeutet für Ayoub noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Auch die kleine Amaneh, aus deren Sicht der Film erzählt ist, versucht ein bisschen mit zu verdienen, doch für die Medizin, die der behinderte und schwerkranke Madi braucht, reicht es kaum, geschweige denn für die lebensnotwendige Operation im Irak.

Hoffnung gibt die Verheiratung der älteren Schwester Rojine mit einem Iraker, der verspricht, sich um Madi zu kümmern. Doch als die Braut mit ihrem Bruder, der wie ein Paket am Pferd befestigt ist, bei der Familie ankommt, reagiert die Schwiegermutter unbarmherzig. So muss Madi zusammen mit Ayoub wieder zurück. Allen Widrigkeiten zum Trotz schließt Ayoub sich erneut einer Schmugglerkolonne durch die Schneewüste an. Es ist so bitterkalt, dass den Pferden als "Wegzehrung" mehrere Flaschen Alkohol ins Trinkwasser geschüttet werden – mit fatalen Folgen. Denn als der Zug in eine Falle der Grenzsoldaten gerät und überstürzt umkehren muss, sind die Pferde zu betrunken, um noch ihre Lasten tragen zu können. Nach all diesen Beschwerlichkeiten mutet das Schlussbild wie eine Erlösung an – Ayoub erreicht mit seinem kranken Bruder auf dem Rücken die Grenze und überquert den Stacheldraht im Schnee.

Das Spielfilmdebüt des kurdischen Regisseurs Bahman Ghobadi (geboren 1969 in Bané im Nordwesten des Iran) steht zwar in der Tradition der iranischen Kinderfilme mit seiner Dramaturgie des unablässigen Abmühens in einem harten Alltag, in dem die Kinder Pflichten aber kaum Rechte haben, versteht aber mit seiner "Reise der Hoffnung" den Blick zu weiten und starke emotionale Anteilnahme hervorzurufen. Besonders anrührend ist die Liebe und Zärtlichkeit, mit der sich die Geschwister, allen voran Ayoub, des behinderten Bruders annehmen. Das gibt dem Film eine unglaubliche Wärme, die wie ein Schutz gegen alle Ungerechtigkeit der Erwachsenen und Unbill der rauen Natur wirkt. Der fast dokumentarische Charakter, der sich nicht nur visuell ausdrückt, lässt eine große Nähe zu diesen Kindern entstehen. Das macht "Die Zeit der trunkenen Pferde" auch für ein junges Publikum sehenswert.

Erfreulicherweise hat der neue Verleih Kool Filmdistribution in Freiburg den Film gleich nach seiner deutschen Erstaufführung beim Kinderfilmfest Berlin übernommen und es ist zu hoffen, dass er damit bald einem breiten Publikum, Kindern wie Erwachsenen, zugänglich wird.

Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 87-3/2001 - Interview - "Wie ein Schrei"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.ZEIT DER TRUNKENEN PFERDE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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