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Ausgabe 59-3/1994

HERKULES UND DIE SANDLOT-KIDS

THE SANDLOT

Produktion: Dale de la Torres/William S. Gilmore, USA 1994 – Regie: David Mickey Evans – Buch: David Mickey Evans, Robert Gunter – Kamera: Anthony B. Richmond – Schnitt: Michael A. Stevenson – Musik: David Newman – Darsteller: Tom Guiry (Scotty), Mike Vitar (Benny) u. a. – Länge: 101 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Twentieth Century Fox (35mm)

Zu Beginn der Sommerferien 1962 zieht der zwölfjährige Scotty mit seiner Mutter und seinem baseballbegeisterten Stiefvater in ein US-Provinznest. Der Nachbarjunge Benny gewinnt Scotty rasch als Mitglied für seine Baseball-Mannschaft, die jeden Tag auf einem verlassenen Sandplatz trainiert. In einem Baumhaus hört Scotty von seinen neuen Freunden zum ersten Mal vom grantigen Schrottplatzbesitzer Mr. Mertle, der auf seinem Grundstück neben dem Sandplatz eine Bestie hält. Die Schauergeschichten über das grässliche Ungeheuer und das Furcht erregende Grunzen hinter dem hohen Bretterzaun hielt die Jungs bisher davon ab, verschlagene Bälle aus dem Reich des Riesenhundes zurückzuholen. Als jedoch eines Tages ein handsignierter Ball der Baseball-Legende Babe Ruth über den Zaun fliegt, den Scotty aus der Trophäensammlung seines Vaters "geliehen" hat, müssen die Kids handeln. Nach etlichen originellen, aber erfolglosen Versuchen, den wertvollen Ball zurückzuholen, nimmt sich der schnelle Benny ein Herz: Für seinen Freund Scotty springt er über den Zaun.

In seinem Regiedebüt zeichnet David Mickey Evans, der bislang über zwanzig Drehbücher geschrieben hat, ein nostalgisches Porträt einer verschworenen Jungengemeinschaft. Dazu lässt er Scotty die Geschehnisse in diesem denkwürdigen Sommer aus dem Off kommentieren. Am Ende erzählt er uns auch, was aus den Jungen später geworden ist. Leider bleiben die wenigen Erwachsenen ziemlich flach: Sie wirken allesamt wie Typen statt wie Charaktere.

Auch wenn kindliche Unterhaltungsbedürfnisse etwa mit Verfolgungsjagden und erfindungsreichem Technikeinsatz gegen die Bestie durchaus befriedigt werden, so sind die Handlungsmuster doch zumeist klischeehaft. Ein Beispiel für diese ungelenke Dramaturgie: Die angeblich so gefährliche Bestie ist in Wirklichkeit bloß ein großer Mastiff-Hund, der sich schließlich als harmloser und treuer Wächter erweist, der seinem jungen Retter sogar das Gesicht abschleckt. Man mag diese schrittweise Enthüllung zwar als Metapher für die Überwindung kindlicher Ängste oder als fruchtbare Konfrontation zwischen Phantasie und Realität deuten; alles in allem läuft die lärmige Sommerkomödie jedoch zu glatt und mit vorhersehbaren Wendungen ab.

Wenig Anklang dürfte der Film insbesondere bei Mädchen finden, die hier – wie übrigens auch in dem afrikanischen Fußballer-Film "Der goldene Ball" – mal wieder kaum eine Rolle spielen. Einzige Ausnahme ist ein blondes Dummchen von Schwimmlehrerin, in die sich einer der Jungs, ein spleeniger Brillenträger, verknallt hat. In den deutschen Kinos wird es diese geradezu penetrant amerikanische Produktion außerdem schon deshalb schwer haben, weil Baseball hierzulande eine exotische Sportart ist und insofern die kultische Verehrung von Sportlergrößen der 20er-Jahre dem jungen Publikum hierzulande wenig bedeuten dürfte. Symptomatisch für diesen überzogenen Baseball-Kult ist der hanebüchene Schluss, als sich der vermeintliche Bestienbesitzer nicht nur als menschenfreundlicher Zeitgenosse erweist, sondern auch noch als ehemaliger Team-Kollege des legendären Babe Ruth.

Reinhard Kleber

 

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Ausgabe 59-3/1994

 

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