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Ausgabe 60-4/1994

"Ich fragte mich, muss es denn so niedlich sein?"

Gespräch mit der schwedischen Regisseurin Johanna Hald (Jahrgang 1945) beim Filmfest München Ende Juni 1994, wo sie ihre neueste Lotta-Verfilmung ("Lotta zieht um") vorstellte

(Interview zum Film LOTTA AUS DER KRACHMACHERSTRASSE und zum Film LOTTA ZIEHT UM)

KJK: Sind Sie mit Astrid-Lindgren-Kinderbüchern aufgewachsen?
Johanna Hald: "Nicht mit Lotta, aber mit Kalle Blomquist und natürlich mit Pippi Langstrumpf."

Wer hat Sie engagiert?
"SF, Svensk Filmindustri, die Firma, die alle Astrid-Lindgren-Filme produziert. Sie hatten mich als Drehbuchautorin engagiert für kleine, halbstündige Stücke von Astrid Lindgren. Da Lasse Hallström nicht mehr zur Verfügung stand, suchten sie neue Leute."

Wie kamen Sie zum Kinderfilm?
"Ich weiß nicht, wie es in Deutschland läuft, aber in Schweden ist es normal, dass man mit Kinderfilmen anfängt. Das ist die Startrampe, von der aus man weitermacht. Früher oder später dann wird man ermuntert, nun auch etwas für Erwachsene zu machen. Es kann aber auch hier passieren, dass man festgelegt ist und hängen bleibt. Aber das ist sicher überall auf der Welt so ..."

Und wie kam es zu "Lotta"?
"Nach diesen zwei kurzen Astrid-Lindgren-Filmen stand 'Lotta' an, und dann kamen die Leute von Svensk Filmindustri zu mir."

Was meinte Astrid Lindgren dazu?
"Astrid Lindgren hat großen Einfluss auf das Buch, ich meine auf das Drehbuch, aber nicht auf den Regisseur, nicht auf die Dreharbeiten, dieses ganze Drum und Dran passiert ohne sie. Aber sie hat immer sehr, sehr eng mit dem Produzenten von SF gearbeitet, so dass sie ihm vertraut. Und wenn er sagt, Johanna Hald ist geeignet, vertraut sie dem Mann."

Was haben Sie vorher gemacht?
"Ich komme nicht von einer Filmhochschule, ich war Standfotografin bei vielen Produktionen, habe aber auch einige Kurse besucht, einen Cutting-Kurs zum Beispiel. Dann arbeitete ich als Regieassistentin, Drehbuch-Co-Autorin, 'learning by doing' heißt das. Ich wählte diesen Weg, nicht den akademischen."

Welche ist Ihre liebste Tätigkeit beim Film?
"Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Wenn ich ein Manuskript schreibe, dann ist das ein wichtiger Vorgang. Ich stecke in jede Phase der Arbeit viel Energie. Ich schreibe gern die Drehbücher. Der Schneideraum ist auch einer meiner Lieblingsplätze. Alles ist wichtig, und jedes hat eigene Dimensionen für mich. Aber eigentlich ist es doch der Schneideraum. Da liegt es an mir, das Beste aus dem Material zu machen. Das ist eine Herausforderung für mich."

Wer hat Grete Havnesköld für die "Lotta" ausgewählt?
"Ich. Und das ist sehr interessant. 'Lotta' ist ein überaus beliebtes Kinderbuch in Schweden. Man muss dem Bild treu bleiben, das sich die Leser von Lotta gemacht haben. Ich wollte das auch. In den Büchern ist Lotta pummelig und kräftig, hat braune Haare, so ist sie auch auf den Illustrationen abgebildet. Dann sah ich Grete Havnesköld und habe mich in dieses Kind verliebt."

Astrid Lindgren belässt Lotta in einer heilen Welt, die Familien-Idylle ist der Hintergrund für kleine Konflikte. Sie halten sich an die Buchvorlage. Es ist kein Kitsch herausgekommen, sondern etwas sehr Ehrliches, Authentisches ...
"Es freut mich sehr, dass Sie das so sehen. Das entspricht auch meinen Intentionen. Niemals könnte ich etwas Verlogenes machen."

Wenn Sie gekonnt hätten, wie Sie wollten – wäre der Film dann anders geworden?
"Ich denke ja. Bevor ich anfing zu schreiben, sah ich mir die letzten Verfilmungen von Lasse Hallström an. Da dachte ich: Muss es denn so niedlich sein? Meine ursprüngliche Vorstellung von Lotta war, dass sie 'tougher' ist, mehr verwegen. Gern hätte ich auch andere Eltern gewählt. Bei uns gibt es einen Hockeyspieler, der wie ein Räuber ausschaut. Den hätte ich gern als Vater genommen. Aber das ging nicht. Meine Vision war viel rüder als das, was raus kam."

Und wer hat das Dorf als Drehort ausgesucht?
"Es ist extra für den Film gebaut worden. Alles ist sehr idyllisch geworden. Aber was konnte ich tun? Das war der Drehort. Sie haben das Geld und damit das Sagen."

Werden Sie weitere Lotta-Filme machen?
"Nein, denn es gibt keine Lotta-Geschichten mehr zum Verfilmen. Alles, was vorhanden ist, ist in den Filmen enthalten. Neues wird Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) nicht mehr schreiben."

Gibt es noch Unverfilmtes von Astrid Lindgren, das Johanna Hald gern verfilmen würde?
"Ja, 'Småland', kleines Land, das sind Geschichten aus der Kindheit von Astrid Lindgren, wunderbare Sachen, der Stierkampf auf Småland zum Beispiel. Ein kleiner Stier wird wütend und haut ab. Die ganze Gesellschaft wird miteinbezogen, ein kleiner Junge ist die Hauptperson, eine sehr, sehr gute Story ist das. Ich habe das Drehbuch geschrieben, bevor ich 'Lotta' machte. Eigentlich war alles geregelt für den 'Bullen von Småland'. Doch dann hat Astrid Lindgren nein gesagt zum Drehbuch. Und ich bekam die 'Lotta'."

Hat sie gesagt, was ihr nicht gefallen hat?
"Nein, ich weiß es wirklich nicht. Niemand versteht das, keiner kann mir sagen, was los ist. Auch der Produzent nicht, der so eng mit ihr verbunden ist."

Wie hat Astrid Lindgren Ihr erster "Lotta"-Film gefallen?
"Ich weiß nur, dass ihr eine Szene ganz und gar nicht gefallen hat, die, in der sich die Eltern unter der Decke küssen. Vorher streiten die Eltern, die Kinder gehen weg, die Eltern versöhnen sich wieder. Bei Astrid Lindgren gehen die Eltern schlafen, bei mir küssen sie sich. Das hat sie total abgelehnt."

Ist Astrid Lindgren eine prüde Frau?
"Nein. Sie kann ganz locker sein, aber es ist wohl ambivalent. Sie sagte ganz klar: Es ist meine Geschichte, und ich wünsche nicht, dass Dinge über den Köpfen der Kinder geschehen, Dinge, die Kinder überfordern würden."

Kam es darüber zur Auseinandersetzung?
"Im Grunde genommen bin ich mit ihr einer Meinung. Als Drehbuchschreiberin und Autorin kann ich ihre Haltung gut akzeptieren, das leuchtet ein. Aber wenn man einen Film macht, wo sich die Ebenen vermischen, stellt sich die Frage: Wo ist die Grenze?"

Was ist Ihr nächstes Projekt?
"Ich schreibe zurzeit an einem Script. Es sind meine eigenen Ideen, eins ist für Kinder, das andere für Erwachsene. Entschieden ist noch nichts."

Mit Johanna Hald sprach Gudrun Lukasz-Aden

 

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