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Ausgabe 99-3/2004

DAVIDS WUNDERSAME WELT

WONDROUS OBLIVION

Produktion: APT Films; Großbritannien 2003 – Regie und Buch: Paul Morrison – Kamera: Nina Kellgren – Schnitt: David Freeman – Musik: Ilona Sekacz – Darsteller: Sam Smith (David Wiseman), Emily Wood (Ruth Wiseman), Stanley Townsend (Vicor Wiseman), Leonie Elliott (Judy Samuels), Delroy Lindo (Dennis Samuels), Angela Wynter (Grace Samuels) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – FSK: ab 6 J. – Verleih: Senator – Altersempfehlung: ab 8 J.

Großbritannien gilt heute als multikulturelle Gesellschaft, in der Menschen aus der ganzen Welt und insbesondere aus dem ehemaligen Commonwealth in Frieden miteinander leben. Dass auch diese Gesellschaft sich erst entwickeln und zu einem toleranten Umgang mit anderen finden musste, darauf verweist Paul Morrison in seinem zweiten Spielfilm anhand der Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen. Der Film spielt zu Beginn der 60er-Jahre in einer Arbeitersiedlung im Londoner Süden, als es eine große Einwandererwelle aus der Karibik nach Großbritannien gab und in London sogar Rassenunruhen ausbrachen.

Der zwölfjährige David Wiseman und seine Eltern sind die einzigen Juden in der Straße. Davids Vater arbeitet Tag und Nacht in seinem kleinen Laden, die seinerzeit aus Nazideutschland geflohene Mutter führt ihrem Mann ergeben den Haushalt und der nicht minder scheue und unsportliche David hat sich in seiner Phantasie ganz in seine Fotosammlung berühmter Cricketspieler verkrochen, nachdem er mangels praktischer Fähigkeiten in dieser Sportart von der eigenen Schulmannschaft zum Gespött gemacht worden ist. Da ziehen neue Nachbarn in das Haus neben den Wisemans; die Samuels sind die ersten Schwarzen im Viertel. Misstrauisch werden sie von den Anwohnern beäugt, David wird der direkte Umgang mit ihnen untersagt. Doch als die Schwarzen ihren Hinterhof in ein kleines Cricketfeld umwandeln, überwindet David seine Scheu und bittet Dennis Samuels und seine Tochter Judy, die in seinem Alter ist, ihn in die Technik des Cricketspiels einzuweisen. Auch Davids Mutter fühlt sich von der Stärke und Hilfsbereitschaft der Nachbarn angezogen. Unterdessen formiert sich unter einigen Anwohnern Hass und Widerstand, der sich schließlich in der Brandstiftung auf das Haus der Samuels entlädt. David kann seine neuen Freunde gerade noch rechtzeitig warnen. Aber da er sich zuvor sehr schäbig gegenüber Judy verhalten und sie von seiner Geburtstagsfeier ausgeschlossen hatte, muss auch er zusammen mit den Nachbarn erst noch lernen, um Vergebung zu bitten.

Die nicht speziell als Kinderfilm konzipierte Tragikomödie im Stil von "Billy Elliot" und "East is East" ist dennoch überwiegend aus der Sicht und der Erfahrungswelt der beiden zwölfjährigen Kinderfiguren erzählt. Selbst die Szenen, die eher eine Erwachsenensicht wiedergeben, wie etwa die aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Davids Mutter und Dennis, werden in ihrem Bedeutungszusammenhang mühelos von Kindern erfasst. Das haben auch die Vorführungen und Diskussionen beim Kinderfilmfest der Berlinale 2004 gezeigt, das diesen Film zur Eröffnung brachte.

Obwohl die Handlung historisch eindeutig in den frühen 60er-Jahren verortet ist, wirkt die Geschichte über den Umgang mit dem Fremden selbst eher zeitlos und universell. Alle Hauptfiguren lernen etwas, entwickeln sich zum Positiven hin, David gar vom schüchternen Außenseiter hin zu einem selbstbewussten, mutigen Jungen. Ohne dabei zu verharmlosen, sind auch die Szenen mit den fremdenfeindlichen Übergriffen sehr behutsam inszeniert und somit bereits Kindern zumutbar. Die Botschaft von Toleranz und Verständigung zwischen Rassen, Kulturen und Religionen ist eindeutig, voller Humor und Sensibilität vermittelt, mit ansprechenden Bildern und guten Darstellern inszeniert, vielleicht ein wenig zu optimistisch und geschönt präsentiert, in jedem Fall aber sehenswert.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 99-3/2004 - Interview - "Am meisten fühle ich mich von ganz normalen Menschen überall auf der Welt inspiriert"

 

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"Zwei kleine Helden"|


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