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Ausgabe 54-2/1993

INTO THE WEST

Produktion: A Little Bird Production / Majestic Films International / Miramax Film Corp. / Film Four International / Newcomm und Parallel Films, Irland/Großbritannien 1992 – Regie: Mike Newell – Buch: Jim Sheridan – Kamera: Tom Sigel – Schnitt: Peter Boyle – Musik: Patrick Doyle – Darsteller: Gabriel Byrne (Papa Riley), Ciarán Fitzgerald (Ossie), Ruaidhrí Conroy (Tito), Ellen Barkin (Kathleen), David Kelly (Großvater) u. a. – Länge: 102 Min. – Farbe – Verleih: Concorde Film (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Am Stadtrand von Dublin, in einer heruntergekommenen Sozialwohnung, haust der arbeitslose Papa Riley mit seinen Söhnen Tito und Ossie. Eigentlich ist er ein Traveller, eine Art irischer Nomade, doch seit dem tragischen Tod seiner Frau will Riley vom Leben auf der Straße nichts mehr wissen. Als der kauzige Großvater von einem Ausflug ans Meer einen wundervollen Schimmel mitbringt, schließen die Kinder sofort Freundschaft mit dem Tier, das einstweilen in der Wohnung untergebracht wird. Doch die missgünstigen Mieter des Hochhauses sorgen dafür, dass es bald wieder abtransportiert wird. Durch zwielichtige Machenschaften kommt das Pferd in die Hände eines reichen Rennstallbesitzers, der mit ihm viel Geld verdient.

Als die beiden Jungs den Schimmel zufällig im Fernsehen bei einem Pferderennen entdecken, entführen sie ihn und fliehen querfeldein in Richtung Westküste. Ein großes Polizeiaufgebot bleibt ihnen stets auf den Fersen. Auch der Vater sucht mit wachsender Verzweiflung nach ihnen. Hilfe suchend wendet er sich an seinen alten Traveller-Clan. Nach einigem Zögern begleiten ihn die hübsche Kathleen und ihr Bruder in die abgelegene Bergwelt. Am Grab von Rileys Frau treffen schließlich alle Beteiligten zusammen; am benachbarten Strand kommt es zur entscheidenden Auseinandersetzung zwischen Polizei und Landfahrern.

Mike Newells Film beginnt mit herrlichen Aufnahmen von der wilden irischen Küste, wo der Großvater zum ersten Mal dem temperamentvoll herumtollenden Pferd begegnet. Eine melancholische Harfenmelodie und ein in Sopranlage gesungenes Lied stimmen den Zuschauer auf einen romantischen Familienfilm ein, der vor allem durch grandiose Landschaftsaufnahmen fesselt.

Von Mike Newell, der vor allem als Fernsehregisseur bekannt wurde, sind in diesem Frühjahr gleich zwei Spielfilme in den deutschen Kinos zu sehen. Er führte auch bei "Verzauberter April" Regie, einer Filmkomödie um vier englische Damen, die in den zwanziger Jahren für vier Wochen aus dem kalten London ans Mittelmeer fliehen. Auch dort plädiert er für Toleranz gegenüber eigenwilligen Lebensentwürfen.

"Into the West" gewährt Einblicke in archaische Lebensformen im ländlichen Irland, die vielen Deutschen und Mitteleuropäern kaum oder gar nicht bekannt sind. Dabei zeigt er offen die Probleme der Landfahrer, die von der sesshaften Bevölkerung misstrauisch beäugt und von Polizisten und Behördenvertretern drangsaliert werden. Ohne zu beschönigen, versucht er Verständnis für die gesellschaftlichen Außenseiter zu wecken, die an ihrer traditionellen Lebensweise festhalten wollen. Die Konfrontation zwischen Riley und seinen früheren Kameraden offenbart dabei, dass Vorurteile auf beiden Seiten das Zusammenleben unnötig erschweren.

Zwar gibt es in "Into the West" auch einige brutale Szenen um den zuweilen rüden Vater, der sich in einer feindseligen Umwelt behaupten muss; diese sind aber psychologisch plausibel gestaltet und ins dramatische Geschehen eingebettet, so dass sie auch jüngere Kinobesucher kaum überfordern dürften.

"Into the West" ist "eigentlich eine ganz einfache Abenteuergeschichte", meint der Regisseur bescheiden. Das ist richtig, sie ist aber kunstvoll gebaut und gefühlvoll inszeniert. Und außerdem gut gespielt. Hinreißend ist insbesondere der jüngere der beiden Kinderdarsteller, der immer wieder mit seinen trockenen Sprüchen überrascht. Das ausgezeichnete Drehbuch stammt von Jim Sheridan, der vor einiger Zeit mit "Mein linker Fuß" auf sich aufmerksam gemacht hat. Zu den Bildern der rauen Küstenlandschaft passt die stimmungsvolle irische Folk-Musik von Patrick Boyle ausgezeichnet. Alles in allem großes Gefühlskino, das beschwingt und bereichert.

Reinhard Kleber

 

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Ausgabe 54-2/1993

 

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