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Ausgabe 50-2/1992

DAS SOMMERALBUM

Produktion: Ottokar Runze Filmproduktion, in Koproduktion mit Dom Produktions und Vertriebs GmbH, Odessa / NDR, Hamburg, Bundesrepublik Deutschland / Litauen 1991 – Regie: Kai Wessel – Buch: Beate Langmaack – Kamera: Achim Poulheim – Schnitt: Sabine Jagiella – Musik: Igor Wassiliewitsch Katjukow – Darsteller: Eva Mattes (Mutter), Hanna Mattes (Josefine), Wanja Mues (Zacharias), Jan Hinrichsen (Bartholomäus), Micha Lampert (Vater) u. a. – Laufzeit: 95 Min. – Farbe – Format: 35mm – Altersempfehlung: ab 8 J.

Im Sommer 1905 verbringt die elfjährige Josefine ihre Ferien zusammen mit ihren beiden älteren Brüdern und der Mutter an der Ostsee. Die beiden Jungs ziehen sich in einen Schuppen zurück, um an einem geheimen Projekt zu basteln. Josefine bleibt allein zurück und fährt gelegentlich heimlich mit dem Rad zur nahen Küste. Erst als der Vater, ein viel beschäftigter Fotograf, von einer Expedition aus dem Nahen Osten zurückkehrt, wird sie aus der Langeweile erlöst: Er schenkt ihr seine alte Kamera und bringt ihr das Fotografieren bei. Obwohl er schon bald wieder abreisen muss, hat sie bereits so viel gelernt, dass sie bei ihren Streifzügen rund um das Sommerhaus ihre Eindrücke und Begegnungen mit Einheimischen auf Zelluloid festhalten kann.

Plötzlich brauchen die Brüder nun doch ihre Hilfe und weihen sie notgedrungen in ihr Geheimnis ein, von dem die Mutter vorerst nicht wissen darf, weil sie sonst ohnehin nur nein sagen würde. Ein gutmütiger Diener bringt die drei mit einem alten Vehikel zu einer Wanderdüne hoch über dem Meer. Zwar klappt das gewagte Unternehmen nicht so, wie sie sich das gedacht haben, aber Josefine kann es zumindest auf einem Erinnerungsfoto mit einem Montagetrick erfolgreich aussehen lassen. Auf der Heimreise überrascht sie die Familie mit einem dicken Album mit Fotos über die Erlebnisse dieses denkwürdigen Sommers.

Der zweite Spielfilm des 1961 geborenen Hamburger Regisseurs Kai Wessel, der für seinen Erstlingsfilm "Martha Jellneck" (1988) einen Bundesfilmpreis erhielt, überrascht durch eine für einen Beinahe-Debütanten erstaunliche handwerkliche Qualität der Inszenierung. Beim diesjährigen Saarbrücker Max Ophüls-Festival des deutschen Filmnachwuchses stach die deutsch-litauische Produktion durch die exzellente Fotografie hervor. Wie der Regisseur in einem Interview erklärte, wurden die warmen Farben dieses heiteren Sommerfilms durch ein spezielles Bleichbad erzielt. Gedreht wurde in der frisch renovierten früheren Sommerresidenz des Schriftstellers Thomas Mann auf der Kurischen Nehrung in Litauen. Die herrlichen Landschaftsaufnahmen lassen die Mann'sche Vorliebe für diese anscheinend weitgehend naturbelassene Küstenregion verständlich werden.

Der beschauliche Familienfilm vertraut anfangs zu stark auf die idyllische Atmosphäre, die von Robert Schumanns Kinderszenen-Musik noch verstärkt wird. Erst mit der Ankunft des Vaters kommt er richtig in Schwung. Auf manche Zuschauer dürfte die altmodische Dialogsprache gekünstelt und papieren wirken. Andererseits bezieht die historische Geschichte, die sich zum Teil auf die Lebenserinnerungen eines bekannten französischen Fotografen stützt, gerade daraus einen eigentümlichen nostalgischen Reiz. Besonders reizvoll spielt die junge Hanna Mattes, im Film wie im Leben die Tochter der Schauspielerin Eva Mattes, als Josefine. Während die Mutter als steife Gesellschaftsdame zu verhalten agiert, weiß die Tochter auf ihrer Entdeckungsreise ins Reich der fotografischen Bilder durch ihre unbekümmerte Darstellung mitzureißen. Da sehen die beiden Brüder, deren Rollen allerdings auch wenig Raum zur Entfaltung bieten, alt aus.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 50-2/1992 - Interview - "Dieses Sommer-Sonne-Wind-Urlaub-Gefühl überspringen lassen"

 

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