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Ausgabe 83-3/2000

CRAZY

Produktion: Claussen + Wöbke Filmproduktion; Deutschland 2000 – Regie: Hans-Christian Schmid – Buch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutman, nach dem gleichnamigen Roman von Benjamin Lebert – Kamera: Sonja Rom – Schnitt: Hansjörg Weißbrich – Musik: Christoph Kaiser – Darsteller: Robert Stadlober (Benjamin), Tom Schilling (Janosch), Oona Devi Liebich (Malen), Julia Hummer (Marie), Dagmar Manzel, Jörg Gudzuhn u. a. – Länge: 97 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Constantin (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der 16-jährige Benjamin wird von seinen zerstrittenen Eltern ins Internat geschickt. Es ist bereits seine fünfte Schule, aber hier soll der halbseitig gelähmte Junge endlich die achte Klasse und danach auch das Abitur bestehen. Fürs Leben lernt Benjamin aber mehr außerhalb als im Unterricht. So feiert er mit dem Zimmergenossen Janosch und einer Jungen-Clique am Lagerfeuer, erkundet das Dorf und unternimmt einen heimlichen Ausflug in ein Striplokal. Obwohl sich der etwas linkische Junge das 'erste Mal' herbeiwünscht, finden ihn die Mädchen meist nur seltsam. Und ausgerechnet bei der hübschen Klassenkameradin Malen kommt er dem coolen Janosch in die Quere.

Nur fünf Monate nach Erscheinen des Bestsellerromans "Crazy" des 17-jährigen Autors Benjamin Lebert drehte Hans-Christian Schmid am Originalschauplatz, Internat Neubeuern, eine atmosphärisch dichte Filmadaptation. Für die autobiografischen Erzählungen der Erlebnisse eines behinderten Internatschülers fand der 35-jährige Regisseur in seinem dritten Kinofilm dank erstklassiger Besetzung eine angemessene filmische Form, einige Unebenheiten eingeschlossen.

Sehnsüchte und Träume, die Tücken des Erwachsenwerdens und die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, dieser Themenkomplex scheint zurzeit im Kino en vogue zu sein. "American Pie" hat's erfolgreich vorgemacht und die "Harten Jungs" haben's clever nachgemacht. Das ambitionierte Pubertätsdrama von Schmid, der das Drehbuch wie schon bei "Nach fünf im Urwald" und "23" mit Michael Gutman schrieb, hat es mit seinem verhaltenen Humor schwer, gegen den Spaßfaktor jener klamaukigen Annäherungsversuche an die Freuden und Nöte blauäugiger Schuljungs anzukommen.

Das fällt vor allem bei der Exposition mit den holprigen Off-Kommentaren des Ich-Erzählers auf, die zwar vom Respekt gegenüber der literarischen Vorlage zeugt, aber nur schleppend in den Film einführt. Überhaupt ist die jüngste Claussen + Wöbke-Produktion ungeachtet der MTV-gewohnten Teenager-Zielgruppe von einem eher gemächlichen Tempo geprägt. Zudem wirken manche Dialoge der Jungs doch etwas altklug, während Benjamins Eltern sich mit ihrem klischeehaften Eifersuchtszirkus geradezu kindisch aufführen.

Wie schon bei Franka Potente und August Diehl in den vorherigen Filmen Schmids beweisen er und die Jugend-Casting-Spezialistin Nessie Nesslauer wiederum ein exzellentes Gespür für talentierte Nachwuchsdarsteller. Robert Stadlober, der zuletzt als Wuschel in der "Sonnenallee" auffiel, absolviert die schwierige Rolle mit Bravour und auch Tom Schilling ("Schlaraffenland") macht seine Sache ausgezeichnet. Dagegen bleiben die Mädchenfiguren zu blass, als dass sich die Kinodebütantin Oona Devi Liebich und Julia Hummer ("Absolute Giganten") profilieren könnten.

Ingesamt werden die pubertätstypischen Probleme psychologisch stimmig und sensibel geschildert und von der improvisationsfreudigen Kamerafrau Sonja Rom souverän fotografiert. Ein ironisches Schmankerl offeriert Hans-Christian Schmid schließlich noch den Cineasten, indem er die Jungschauspieler in "lebenden Bildern" einen kitschigen Fotoroman nachstellen lässt.

Reinhard Kleber

 

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Ausgabe 83-3/2000

 

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