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Ausgabe 83-3/2000

GEORGE WASHINGTON

Produktion: Youandwhatarmy Filmed Challenges / Blue Moon Productions; USA 2000 – Regie und Buch: David Gordon Green – Kamera: Tim Orr – Schnitt: Steven Gonzales, Zene Baker – Musik: Michael Linnen, David Wingo, Andrew Gillis, Brian McBride, Mazinga Phaser – Darsteller: Candace Evanofski (Nasia), Donald Holden (George), Damien Jewan Lee (Vernon), Curtis Cotton III (Buddy), Rachael Handy (Sonya), Paul Schneider (Rico Rice), Eddie Rouse (Damascus) u. a. – Länge: 89 Min. – Farbe – Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek (35 mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Bekanntlich war George Washington der erste Präsident der USA. Doch was könnte diese Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit heutigen Jugendlichen in einer ländlich geprägten, amerikanischen Kleinstadt gemeinsam haben, die ohne soziale Vorbilder – weitgehend sich selbst überlassen – aufwachsen? Genau dieser Frage ging der erst 25-jährige David Gordon Green in seinem emotional beeindruckenden und formal bestechenden Debütspielfilm nach und er kam dabei schon vorher zu dem Schluss, dass Washington als Jugendlicher wohl die gleichen Sorgen, Niederlagen und Wutanfälle wie die meisten anderen auch hatte.

Aus der Sicht der elfjährigen Schwarzen Nasia erzählt "George Washington" eine zeitgemäße Geschichte vom Erwachsenwerden, von erster Liebe und Enttäuschung, von alltäglicher Gewalt in den amerikanischen Städten, von Idealen und Schuldgefühlen und dem Bemühen, wie man Verantwortung für sich und das eigene Leben übernehmen kann. Nasia hat sich gerade von ihrem Freund Buddy getrennt, weil er ihr noch zu kindisch erscheint, gerade auch im Vergleich zu den Beziehungen ihrer älteren Schwestern. Sie verliebt sich stattdessen in den bereits reifer wirkenden George, der darunter leidet, dass sich sein Fontanelle im Kopf noch nicht geschlossen hat. Zum Schutz muss er daher ständig einen Baseballhelm tragen. Ihre Freizeit verbringen die leicht verwahrlosten Jugendlichen – Schwarze und Weiße – gemeinsam in einem kleinkriminellen Mikrokosmos, der ihnen Schutz gewährt, aber auch Perspektivlosigkeit vermittelt. Nur George möchte aus seinem Leben etwas machen und träumt davon, später einmal Präsident zu werden.

Bei einem Einbruch stirbt eines Tages ein Freund von ihnen, weil er nach einer Rangelei auf dem Toilettenboden ausrutscht und unglücklich auf dem Hinterkopf landet. Aus Angst vor Bestrafung und möglicher Mordanklage beseitigen sie die Leiche zunächst auf einem verlassenen Grundstück. Der Vorfall verändert ihr Leben dramatisch. Getrieben von Schuldgefühlen beginnen sie, sich plötzlich Fragen nach dem Leben und ihrer Zukunft zu stellen, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatten. Die einen entkommen bei einem Unfall mit einem gestohlenen Auto nur knapp dem Tode; ein weißes Mädchen, das am wenigsten in der Lage war, ihre Gefühle zu äußern und Mitleid zu empfinden, muss teuer dafür bezahlen, und George entwickelt sich zum spleenigen Superhelden, der keine Gelegenheit auslässt, anderen zu helfen ...

Regisseur David Gordon Green hat diese verblüffend realistisch, fast dokumentarisch wirkende und doch komplett inszenierte Sozialstudie mit seinem Kameramann Tim Orr in Cinemascope gedreht. Das wertet nicht nur die Charaktere und Schicksale der Protagonisten auf, mit denen sich sonst kaum ein Hollywood-Film beschäftigen würde. Es schafft auch "Raum" für eine von der Musik und den inneren Monologen der jungen Erzählerin unterstützte, meditative Grundstimmung des Films und es verdeutlicht visuell den Kontrast zwischen äußerer und innerer Schönheit bzw. Hässlichkeit. Da erfolgt beispielsweise eine hochromantische Liebeserklärung am Rande einer riesigen Wasserpfütze vor dem Hintergrund einer unansehnlichen Industrielandschaft. So etwas wirkt in seiner Tiefenstruktur tatsächlich nur in Breitwand.

In seiner Klarheit und dem bewussten Verzicht auf spektakuläre Szenen der allgegenwärtigen Gewalt erinnert der Film auch etwas an die europäischen "Dogma"-Filme. Hinter der ästhetischen Konzeption steckte bei Green jedoch die Idee, experimentelle und dokumentarische Erzählformen miteinander zu verbinden und "die Charaktere und einzelnen Handlungsstränge des Drehbuchs mit dem wirklichen Leben der jungen (Laien-)Schauspieler, ihren eigenen Ideen und den Beziehungen zu verweben, die sie untereinander entwickeln würden". So sind die Spannungen und Konflikte unter den Jugendlichen während der Dreharbeiten unmittelbar in den Film eingeflossen, ohne dabei voyeuristisch zu wirken. Auch das macht sicher die Authentizität und Stärke dieses bemerkenswerten Erstlingswerks aus.

Holger Twele

 

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Ausgabe 83-3/2000

 

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