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Ausgabe 83-3/2000

DIE KLEINE VERKÄUFERIN DER SONNE

LA PETITE VENDEUSE DU SOLEIL

DIE KLEINE VERKÄUFERIN DER SONNE

Produktion: Waka Film, Cépheide Productions, Maag Daan; Senegal / Schweiz / Frankreich 1999 – Regie und Buch: Djibril Diop Mambéty – Kamera: Jacques Besse – Schnitt: Sarah Taouss Matton – Musik: Wasis Diop – Darsteller: Lissa Baléra (Sili), Tairou M'Baye, Oumou Samb, Moussa Baldé u. a. – Länge: 45 Min. – Farbe – Verleih: EZEF; Evangelische Medienzentrale Baden-Württemberg (16mm und Video) – OmU – Altersempfehlung: ab 8 J.

Eines Morgens in Dakar, der Hauptstadt des Senegal: Die Kamera streift eher unruhig durch die Straßen, hält sich ein wenig auf dem Markt und dort bei einer blinden Frau auf. Außerdem werden wir Zeuge, wie ein Mann eine Frau als Diebin beschuldigt, diese sich das nicht gefallen lässt und von der Polizei abgeführt wird. Während man sich noch fragt, was das soll, befinden wir uns auf einmal in einem Slum vor der Stadt, wo ein junges Mädchen namens Sili (irgendwo zwischen 10 und 13 Jahren) auf Krücken einen Jungen bequatscht, sie trotz Verbots mit seinem Pferdefuhrwerk in die Stadt mitzunehmen. (Ländliche Fuhrwerke haben eben in einer modernen, westorientierten afrikanischen Großstadt nichts verloren.) Hier begibt sie sich zu einem großen Verlagshaus und überredet die Angestellten, ihr – wie all den Zeitungsjungs – ein paar Exemplare des "Le Soleil" zu überlassen, die sie auf der Straße verkaufen will.

Eigentlich keine große Sache, doch Zeitungsverkauf war bisher Jungensache und manche von denen sehen das gar nicht gerne, dass jetzt auch noch ein weiblicher Krüppel in ihre Männerdomäne eindringt. Erst recht nicht, als ihr gleich am ersten Tag von einem reichen Mann alle Exemplare abgekauft werden. Geld, das sie unter anderem dazu verwendet, ihrer Großmutter (das war nämlich die Blinde auf dem Markt) einen Sonnenschirm zu kaufen. Doch bevor sie dazu kommt, erregt der große Geldschein die Aufmerksamkeit eines Polizisten, der das Mädchen wegen Diebstahlverdachts zur Wache bringt. Sili lässt sich nicht einschüchtern. Das macht sie schon auf dem Weg klar: Nicht der Polizist führt sie ab, sondern sie treibt ihn hin und auf der Wache angekommen, legt sie die Quittung für die Zeitungen vor, die ihre Unschuld beweist; eine sehr afrikanische Quittung übrigens, denn da Sili nicht schreiben kann, hat sie eine Sonne ("Soleil" heißt Sonne) als Unterschrift genommen. Der Wachhabende lässt sie gehen. Sili besucht ihre Großmutter und macht weiter ihren Job; auch wenn ihr die Zeitungsjungs das Leben schwer machen. Da kann ihr auch ihr neuer Freund, ein älterer Kollege des Konkurrenzblattes "Le Sud", kaum weiterhelfen. Aber Sili wird sich von den Jungs nicht unterkriegen lassen, was immer die auch versuchen werden.

"La petite vendeuse du soleil" ist der letzte Film des großen senegalesischen Filmemachers Mambéty, der am 23. Juli 1998 im Alter von 53 Jahren während des Schnitts am Film verstarb. Insofern ist nicht zu sagen, ob die Tonschwankungen sowie der ein oder andere etwas unvermittelte Schnitt Absicht oder Zufall sind. Dennoch ist deutlich zu erkennen, dass hier einer am Werk war, der etwas von Inszenierung und filmischer Verdichtung versteht, was man nicht von allen afrikanischen Filmemachern sagen kann. Und das ist sicherlich keine Frage des Geldes.

Mambéty war stets ein eigenwilliger Filmemacher: Schon "Touki Bouki" von 1973, einer seiner ersten Filme, sorgte ob seiner eigenwilligen Ästhetik und Thematik für allerlei Aufregung. Auch später hat Mambéty immer wieder das Neue gewagt. So adaptierte er Dürrenmatts Klassiker "Der Besuch der alten Dame" und machte daraus 1992 mit "Hyènes" (Hyänen) eine sehr afrikanische Parabel. In den letzten Jahren widmete er sich ganz seiner Trilogie "Histoires des petits gens" (Kleine Leute-Geschichten). Der erste war der 1994 entstandene "Le franc", eine grotesk-komische Parabel über die Sehnsucht nach dem Glück, in dem sich schon so manches Motiv findet, das jetzt auch "La petite vendeuse ..." kennzeichnet. Nach diesem zweiten Film wird die Trilogie jedoch wegen Mambétys Tod unvollendet bleiben.

Zuallererst ist der Film eine Hommage an ein ungemein starkes Mädchen das trotz widriger Umstände seinen Weg geht. Zudem ist Mambéty eine allgemeingültige Geschichte gelungen, die so oder ähnlich in jeder Großstadt unter Straßenkindern spielen könnte. Aber Mambéty pflegt keinen miserabilistischen Realismus. Seine Filme enthalten immer auch märchenhaft-fantastische, ja utopische Elemente. So ist die Szene, in der sich die Kleine gegenüber der Polizei behauptet, natürlich in keiner Weise realistisch, aber sie ist eine Aufforderung, sich nicht einschüchtern zu lassen und zumindest zu versuchen, auf seinen Rechten zu bestehen. Dass die Szene trotz ihres märchenhaften Charakters in hohem Maße glaubwürdig ist, liegt vor allem an der enormen Präsenz der jungen Hauptdarstellerin.

Wie so oft bei Mambéty zählen auch hier die Details: Da trägt der Junge, der sie mit dem Fuhrwerk in die Stadt bringt, ein T-Shirt mit der Inschrift "Pour la scolarisation massive des filles" (Für den massiven Schulbesuch von Mädchen); da spiegelt sich der wirtschaftliche Niedergang ebenso in den Schlagzeilen der Zeitungen ("Weitere Abwertung des CFA", das ist der afrikanische Franc, LG) wie Mambétys Lösungsvorschlag ("Afrika verlässt die Franc-Währungszone"). Und wie schon in "Le franc" ist sein Zugriff auf die zuweilen bittere Realität durchaus von bissiger Ironie geprägt. Als ihr der Kollege erklärt, "Le Sud" verkaufe sich besser, weil es eine Zeitung des Volkes sei, derweil "Le Soleil" ein Regierungsblatt darstelle, meint Sili nur: "Ich verkaufe weiter 'Le Soleil', so nähert sich die Regierung dem Volk an."

Es ist vor allem die kunstfertige, dennoch nie selbstverliebte Inszenierung, die Mambétys letztem Film Überzeugungskraft verleiht. Er verwendet Stilmittel des Dokumentarfilms genauso souverän wie Einstellungen modernen Fantasykinos und was sein Musiker-Bruder Wasis Diop zum Film beigesteuert hat, sucht im afrikanischen Kino seinesgleichen: In einem Soundtrack zwischen klassischem Song und modernem Sounddesign entwirft er die Stadt und ihre Menschen auf der Tonspur noch einmal und leistet so seinen kongenialen Beitrag zu Mambétys kleinem Meisterwerk. Von daher ist es besonders schade, dass die deutsche Untertitelung alle Lieder komplett ausspart, so dass man nicht sagen kann, inwiefern sie den Handlungsablauf kommentieren. Da allerdings Mambéty selbst die meisten Texte dazu schrieb, kann man eigentlich davon ausgehen, dass die Lieder die Handlung mehr als nur begleiten.

"La petite vendeuse du soleil" ist als letzter Film Mambétys unverhofft zu dessen Vermächtnis geworden und zeigt den enormen Verlust, den der Tod dieses Filmemachers für den gesamten afrikanischen Film bedeutet.

Lutz Gräfe

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE KLEINE VERKÄUFERIN DER SONNE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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