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Ausgabe 105-1/2006

PIETJE BELL UND DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HAND

Produktion: Shooting Star Filmcompany / Filmpool Film und Fernsehproduktion / KRO Televisie / Buena Vista International München; Niederlande / Deutschland / Belgien 2002 – Regie und Buch: Maria Peters – Kamera: Hein Groot – Schnitt: Ot Louw – Darsteller: Quinten Schram (Pietje Bell), Frensch de Groot (Sproet), Felix Strategier (Vater Bell), Rick Engelkes (Paul Velinga), Katja Herbers (Martha Bell), Stijn Westenend (Jozef Geelman) – Länge: 110 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: Stardust Filmverleih München, e-mail: info@stardust-filmverleih.de – Altersempfehlung: ab 6 J.

Pietje Bell ist mit seinen acht Jahren schon eine kleine Berühmtheit in Rotterdam: Seine Streiche bringen ihn regelmäßig auf die Titelseite der lokalen "Neuesten Nachrichten". Diese fröhlichen Schlagzeilen sind eine willkommene Abwechslung für die Menschen: Es sind die 30er-Jahre, Arbeitslosigkeit und Armut prägen das Leben. Pietje freundet sich mit Sproet, dem Neuen in der Schule, an. Sproets Familie ist sehr arm, sein skrupelloser Vater unterstreicht seine Verbitterung gerne mit Prügeln. Pietje beschließt, niemals arm zu werden und Sproet zu helfen – denn was man selbst zuviel hat, kann man abgeben. Er beginnt, als Zeitungsjunge zu arbeiten und gründet einen Zirkus, um mit Zaubertricks Geld zu verdienen. Die gehen allerdings gründlich schief. Pietje und Sproet fliehen vor dem aufgebrachten Publikum auf ein Boot, das dummerweise ein Versteck für Diebesgut ist. Sproet kann nicht widerstehen und steckt heimlich etwas Schmuck ein. Als die beiden Freunde wenig später von der Polizei aufgegriffen werden, schiebt Sproet feige den Diebstahl Pietje in die Schuhe.

Mit Pietjes Ruf geht es fortan bergab, zumal sein größter Erzfeind Jozef, der schmierige Apothekersohn, beim Zeitungsverleger Paul Velinga niederträchtige Lügen über ihn verbreitet. Pietje zieht sich empört in den "Untergrund" zurück: er gründet die geheime Bande der Schwarzen Hand, mit der er nach Robin Hood-Manier die "Vorräte" aus einer zufällig entdeckten Räuberhöhle an die Armen verteilt. Während die ganze Stadt rätselt, wer hinter der "Schwarzen Hand" steckt, hat Pietje allerhand um die Ohren: Der widerliche Jozef, der Pietjes hübscher Schwester Martha einen Heiratsantrag machen will, muss gestoppt, die echten Diebe und ein Oberbösewicht müssen zur Strecke gebracht werden. Und bei all dem erweist Pietje sich für Sproet, der mit seinem Vater auf die schiefe Bahn geraten ist, als echter Freund.

Mit fast vier Jahren Verspätung kommt "Pietje Bell und das Geheimnis der Schwarzen Hand" in die deutschen Kinos, nachdem er 2002 in den Niederlanden als "erfolgreichster Kinderfilm aller Zeiten" lief – es geht offenbar nicht mehr ohne solche Superlative, ebenso wenig ohne den Stempel "Family Entertainment", der sich gerne als Gütesiegel versteht und auch diesen Film ziert. Tatsächlich dürfte "Pietje Bell" vor allem jüngere Kinder ansprechen. Maria Peters, die sich mit "Taschendieb" (1995) und "Krümelchen" (1999) einen guten Namen beim Kinderfilm erworben hat, nahm sich des achtbändigen niederländischen Kinderbuchklassikers von Chris van Abkoude (1880-1960) an, der auch für "Krümelchen" die literarische Vorlage lieferte.

Um es vorwegzunehmen: Maria Peters hat daraus einen spannenden und lustigen Film gemacht. Dass dies bei dem gegebenen Umfang keine einfache Aufgabe war, trotz Fokussierung auf die beiden ersten Bücher, konstatiert sie selber. Und genau darin besteht das Grundproblem des Films: Zu ambitioniert ist zu vieles hineingepackt worden. Gleichrangige Geschichten und Episoden konkurrieren miteinander, lassen den Überblick gebenden roten Erzählfaden missen. Bei 110 Minuten Filmlänge ist ohnehin nicht nur die kindliche Aufmerksamkeitsspanne überschritten. Ich meine es durchaus nicht abwertend, wenn ich behaupte, an "Pietje Bell" ist ein schöner Mehrteiler verloren gegangen.

Aufwändig ausgestattet mit viel Liebe zum Detail entwirft der Film ein atmosphärisch stimmiges Rotterdam der 30er-Jahre und entführt den jungen Zuschauer in fremde Welten (Zeitung, Zirkus, "Räuberhöhlen"). Bis in die Nebenrollen sind die Figuren treffend besetzt, allen voran Quinten Schram, der als pfiffiger Pietje Bell sein Debüt gibt, und Frensch de Groot (Sproet), dessen sommersprossiges Gesicht im Gedächtnis bleibt.

Pietje Bell ist einfallsreich wie Tom Sawyer und selbstbewusst und mutig wie Pippi Langstrumpf. Seine harmlosen (und oft unbeabsichtigten) Streiche erinnern an Michel aus Lönneberga oder Dennis den Spinner. Da er alles wörtlich nimmt, entstehen urkomische Missverständnisse mit den Erwachsenen. Hintersinn, Slapstick und herrlich skurrile, stark überzeichnete Nebenfiguren sorgen für abwechslungsreichen Humor. Da kommt jeder einmal auf seine Kosten. Mit unbeirrbarem Gerechtigkeitssinn macht Pietje sich auch für die Schwachen stark. So werden Pietje und Sproet Freunde und wir lernen viel über Vertrauen, Miteinanderteilen und auch über Verrat.

Um diesen Freundschaftsplot winden sich nun viele weitere aufregende, witzige oder anrührende Geschichten mit zahlreichen Figuren und Schauplätzen: die konkurrierenden Zeitungen vom "guten" Paul Velinga und dem "bösen" Millionär Stark; die sich vergrößernde Diebesbande samt zweier Räuberhöhlen; der Besuch der geizigen Tante Cato mit der grässlichen Warze auf der Nase; der in der Stadt gastierende Zirkus Roncalli; der Zeppelin als Kulisse fürs actionreiche Finale, die zarte Liebesgeschichte zwischen Martha und Paul, die Untergrundbande der "Schwarzen Hand" natürlich – und vor allem der verschlagene Apothekersohn und Lehrer Jozef, der einfach nur Ekel erregend ist, wenn er Pietje bestraft und ihm dabei der Geifer aus dem Mund läuft oder wenn er hartnäckig um die hübsche und liebenswerte Martha buhlt.

Natürlich malt der Film schwarz-weiß; eben ganz so, wie es Pietjes Verständnis entspricht: Es gibt gute und schlechte Menschen, richtiges und falsches Verhalten. Schuldig machen sich die Erwachsenen, die die Kinder in ihre Welt voller Lügen und Fehler hineinziehen: Sproets Vater, der seinen Sohn rücksichtslos für seine krummen Touren einspannt, aber auch Paul Velinga, der Pietje für seine Schlagzeilen benutzt, um seine marode Zeitung vor dem Aus zu retten – ohne die Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Allein Pietje bleibt seinen Grundsätzen treu und ist damit stärker als alle Erwachsenen. Pietje Bell ist eben ein wahrer Held.

"Pietje Bell und das Geheimnis der Schwarzen Hand" ist im Grunde Abenteuer-Detektiv-Krimi-Action-Liebesfilm und Komödie in einem. Dass der Film funktioniert, steht daher bei aller Kritik außer Frage. Auf dem Kinderfilmfest in Münster 2005 ist er von der Kinderjury zum Besten Film gewählt worden. Es ist "Pietje Bell" zu wünschen, dass sich dieser Erfolg im Kino fortsetzt. Dann dürfen wir den zweiten Pietje Bell-Film von Maria Peters ("Pietje Bell – De jacht op de tsarenkroon", 2003) auch in Deutschland mit Spannung erwarten.

Ulrike Seyffarth

 

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