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Ausgabe 105-1/2006

DIE VILLA. GESCHICHTEN AUS DEM HEIM

Produktion: Känguruh-Film Berlin, Volker Ullrich, für WDR Kinderprogramm, Redaktion Jochen Lachmuth; Deutschland 2005 – Regie, Buch und Kamera: Calle Overweg – Schnitt: Barbara Gebler – Trickfilm: Roswitha Menzel – Musik: Stefan Lienenkämper – Länge: 82 Min. – Farbe – Kontakt: Känguruh-Film GmbH, Weimarische Straße 6a, 10715 Berlin, www.kaenguruh-film.de – Ansprechpartner: Volker Ullrich, Telefon 030—8532017, email: info@kaenguruh-film.de – Altersempfehlung: ab 12 J.

In der Villa Kunterbunt ist immer was los, laut und lebhaft geht es zu. Doch nicht Pippi Langstrumpf samt Äffchen und Pferd leben hier, sondern zehn Jungen und Mädchen, gemeinsam mit vier Erziehern plus Praktikanten: "Die Villa" ist ein Ostberliner Kinderheim im Stadtteil Karlshorst. Die Kinder und Jugendlichen stammen alle aus zerrütteten Familienverhältnissen, suchen und finden hier Zuflucht vor Vernachlässigung, Dauerstreit oder auch Missbrauch. Die Familie als erlebte Hölle und ihre Auswirkungen: Trickfilmsequenzen erzählen exemplarisch die (Vor-)Geschichten dreier Heimkinder. Wer in die Villa einzieht, hat Schlimmes hinter sich, ist fürs Leben psychisch und oft auch physisch geprägt. Vertrauen muss erst gelernt werden, nicht immer gelingt dies nachhaltig.

Das Heim als Schutzraum, seine Mitglieder Familienersatz: Einfach Kind sein dürfen, liebevolle Zuwendung und Zusammenhalt erleben, ist für viele eine ganz neue Erfahrung. Lydia, "die Neue" mit Heimvergangenheit, wird nach konfliktreicher Eingewöhnungsphase schließlich akzeptiert. Nico, mit 16 Jahren der Älteste, ist so etwas wie ein großer Bruder für seinen hyperaktiven Zimmergenossen Dominik. Die zerbrechliche Jule wiederum wirkt immer etwas abwesend. Die innige Freundschaft zwischen den schwer pubertierenden Mädchen Maria und Franzi zerbricht, als ein Junge ins Spiel kommt. Dave und Steven geben filmreife Showkämpfe zum Besten, ganz wie echte Stuntmen. So hat jedes Kind hier seine eigene Geschichte und Persönlichkeit, der selbst gesungene und gerapte Titelsong stellt sie und die Erwachsenen kurz und treffend vor. Alle Bewohner inklusive der Erzieher teilen die Aufregung und Nervosität, wenn eines der Kinder das Heim verlässt, um zur Familie zurückzukehren: Hat sich wirklich alles zum Guten verändert? Wird es dieses Mal dauerhaft funktionieren? Selbst wenn die Sehnsucht nach Mama, Papa oder Oma groß ist, fällt der Abschied von der Ersatzfamilie in der Villa schwer. Nicht jeder will gehen. Nico hat beantragt, ein Jahr länger als üblich im Heim bleiben zu dürfen – und er darf. Heimweh bekommt hier eine ganz eigene Bedeutung.

Was Regisseur Calle Overweg in knapp anderthalb Stunden dokumentiert, ist beileibe keine heile Welt. Der herrschende Ton in diesem schützenden Mikrokosmos ist rau, es fliegen Schuhe und Klamotten, es wird gemobbt, gerauft, gelogen und gehänselt. Die Erzieher greifen mit Strenge und strikten Regeln durch; das setzt den Kindern Grenzen, gibt gleichzeitig Halt und Orientierung. Nur so funktioniert das Zusammenleben im Heim und erst recht bei den seltenen Ausflügen in die "Außenwelt", etwa den Ferien auf dem Bauernhof in Parstein oder dem Besuch der Kartrennbahn.

Ursprünglich als drei Dreißigminüter für das Kinderprogramm des WDR konzipiert, hat der nur unwesentlich anders geschnittene und um eine kleine Szene ergänzte Dokumentarfilm den Vorteil, den Zuschauer in knapp 90 Minuten in die ganz eigene Atmosphäre des Heimalltags eintauchen zu lassen. Der Film konzentriert sich dabei ausschließlich auf die Heimkinder und ihre Sichtweise – ob nun Calle Overweg sie filmt oder sie auffordert, mit den mitgebrachten Kameras selbst aufzunehmen, was ihnen wichtig ist. Die Erzieher werden nur in Interaktion mit ihren Schutzbefohlenen gezeigt. Keine distanzierten Kommentare interpretieren und werten das Geschehen. Stattdessen kommen die Kinder selbst zu Wort, oft mit flapsigem und überraschend trockenem Humor – dass der Regisseur den Off-Kommentar im Interesse einer Verdichtung kreiert und mit den Kindern abgesprochen hat, mag man dem "O-Ton" verzeihen, da er unaufdringlich und authentisch wirkt.

Der Film verzichtet auch darauf, Reaktionen von Mitmenschen auf das Heim und seine Bewohner zu zeigen, was die Darstellung sehr einseitig macht. Selbst wenn die reine "Innensicht" beabsichtigt ist, um sich den gängigen Haltungen gegenüber Kinderheimen entgegen zu stellen, wäre der andere Blick von außen ein interessanter und bereichernder Kontrast gewesen. Dafür wird deutlich, dass es auffallend wenig Berührungspunkte außerhalb des Heims gibt, etwa mit Gleichaltrigen – die Kinder der Villa Kunterbunt bleiben lieber unter sich. Dass sie Calle Overweg überhaupt in ihre Welt hereingelassen haben, ist das große Verdienst des leidenschaftlichen Dokumentarfilmers. Misstrauen gegenüber Fremden/Erwachsenen ist schließlich verinnerlichter, notwendiger Selbstschutz. Man sieht dem Film nicht an, dass die Vorbehalte der Heimkinder gegen das Filmprojekt bis zum Schluss groß blieben und es manchen Rückschlag zu verbuchen gab.

"Die Villa" vermeidet unangestrengt Klischees, Kitsch und Sensationslust bei einem Thema, das durchgängig negativ in den Medien und der Gesellschaft behandelt wird. Es ist eine fremde und tabuisierte Welt, in die hier unterhaltsam und spannend hineingeleuchtet wird. Die Dokumentation ist ausdrücklich für Kinder ab zehn angelegt worden. Darum sind die beklemmenden und verstörenden Vorgeschichten der Kinder in abstrahierendem Trickfilm umgesetzt worden – ein Kunstgriff, der gelingt, ebenso wie die auflockernden Lieder mit ihren prägnanten Texten. "Die Villa" regt zum Nachdenken und Nachfragen an und schafft Verständnis, ohne zu moralisieren oder zu beschönigen.

Besonders für 5. bis 7. Schulklassen bietet sich der Film hervorragend zur Diskussion an. Vielleicht findet der Film nach seiner Ausstrahlung am Karfreitag in der ARD seinen Weg in die Schulen, wenn ihn trotz des feiertäglichen Überangebots an leicht(er) verdaulicher Fernsehkost hoffentlich viele aufgeschlossene Kinder, Eltern und Lehrkräfte sehen und weiterempfehlen werden.

Ulrike Seyffarth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 118-1/2009 - Interview - "Den sozialen Betroffenheitsfilm kann man Kindern nicht anbieten"
KJK 105-1/2006 - Interview - Unterhalten mit Welthaltigkeit

 

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Interviews

Claus, Richard - "Ich habe kein Problem mit dem Wort Kinderfilm ..."| Hailer, Thomas - "Den Begriff Kinderfilm nicht als Gefängnis für Produkte sehen"| Malberti, Juan Carlos Cremata - "Ich kann keine Lösung eines Problems anbieten, das nicht zu lösen ist"| Munzi, Francesco - "Es gibt leider nicht viele Saimirs"| Overweg, Calle und Volker Ullrich - Unterhalten mit Welthaltigkeit|


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