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Ausgabe 105-1/2006

ROLLTREPPE ABWÄRTS

Produktion: SceneMissing; Deutschland 2005 – Regie: Dustin Loose – Buch: Matthias Jochmann, Martin Backhaus, nach dem Roman von Hans-Georg Noack – Kamera: Robert Slomke – Musik: Manuel Rösler – Darsteller: Timo Rüggeberg, Ben Unterkofler, Jürgen Haug, Giselheid Hönsch – Länge: 79 Min. – Farbe – Verleih: Zorro / Filmwelt – Altersempfehlung: ab 12 J.

In der Regel bereiten Bücher, die einem verordnet werden, die man lesen muss, nicht allzu viel Freude. Man denke nur an das leidige Thema Schullektüre. Nur weil der Deutschlehrer einen bestimmten Stoff für den Unterricht passend findet, müssen sich anschließend ein paar Dutzend Schüler durch die sogenannten Meisterwerke eines Schiller, Goethe oder Lessing quälen. Es geht aber auch anders. Man nehme zum Beispiel Hans-Georg Noacks "Rolltreppe abwärts". Die Geschichte des 13-jährigen Jochen, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände auf die schiefe Bahn gerät, hat auch drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nichts von seiner Aktualität verloren. Das dachten sich auch der 17-jährige Dustin Loose und der zwei Jahre ältere Christopher Zwickler, die wie Millionen anderer Schüler auch dieses Buch lesen "mussten". Allerdings waren die beiden von dieser Lektüre derart angetan, dass sie daraufhin die Produktionsfirma "SceneMissing" gründeten, sich die Rechte an dem Roman sicherten und daraufhin versuchten, eine Leinwand-Adaption auf die Beine zu stellen. Trotz ihrer extremen Jugend gelang es den beiden tatsächlich, neben Noack auch noch zahlreiche weitere wichtige Personen aus der Kinobranche von ihrer "Filmreife" zu überzeugen.

So entstand zum Jahreswechsel 2004/2005 an nur elf Drehtagen der Film "Rolltreppe abwärts". Und der hält sich im Wesentlichen an die Vorlage, auch wenn Figuren weggelassen und manche Rollen leicht umgeschrieben wurden. Im Zentrum aber steht von Anfang an Jochen, der gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen hat. Er hat wenige Freunde, seine Mutter kümmert sich kaum um ihn und deren neuer Freund ist ein wahrer Kotzbrocken. Eines Tages wird Jochen bei einem Kaufhausdiebstahl erwischt. Als er kurz darauf auch noch gegen einen Mitschüler gewalttätig wird, weiß sich die Mutter nicht anders zu helfen und lässt ihren Sohn – nicht zuletzt auf Anraten des Jugendamtbeauftragten – in ein Fürsorgeheim einweisen.

Dort lernt Jochen nur zu bald den rauen Alltag einer Besserungsanstalt kennen. Hier ist alles verboten und nichts erlaubt, man hat zwar jede Menge Pflichten, aber keine Rechte. Und über alledem thront der selbstgefällige, aufbrausende und ungerechte Erzieher Hamel, der – welche Erniedrigung! – jedem seiner Schützlinge eine Hunderasse zuordnet. Klar, dass Jochen nicht wie ein Tier behandelt werden will und nur an eines denkt: Wie komme ich hier schnellstmöglich wieder raus? Doch seine Mutter ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und nicht in der Lage, die Hilferufe ihres Sohnes richtig zu deuten. Da bietet ihm ausgerechnet Maria, die Krankenschwester der Anstalt, einen Ausweg. Sie verspricht, ihm "draußen" eine Lehrstelle zu besorgen, natürlich vorausgesetzt, er werde sich in nächster Zeit nichts zu schulden kommen lassen. Aber nur wenig später wird Jochen in Zusammenhang mit einer gemeinen Hunde-Entführung gebracht. Ein gefundenes Fressen für Anstaltsleiter Hamel, der nun zu immer drakonischeren Bestrafungsmaßnahmen greift.

"Rolltreppe abwärts" ist schlicht, schnörkellos und unaufwändig inszeniert. Mehr ist auch nicht notwendig, denn allein die Geschichte und ihre Figuren sind schon stark genug. Man denke nur an ähnlich gelagerte Werke wie François Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn" oder auch Wolfgang Beckers "Kinderspiele", die ebenfalls sehr direkt, authentisch und ohne Umschweife vom traurigen Schicksal eines Heranwachsenden berichten.

Zwar merkt man den jugendlichen Hauptdarstellern an, dass sie kaum oder gar keine Filmerfahrung haben, denn die Dialoge gehen ihnen doch zuweilen arg hölzern über die Lippen. Dennoch gelingt es ihnen erstaunlich gut, ihre Charaktere mit Leben zu füllen. Die professionellen Erwachsenendarsteller halten sich dagegen wohltuend zurück, spielen mit den Kids auf Augenhöhe, setzen aber dennoch klare Akzente, wie Jürgen Haug als gestrenger Erzieher oder Giselheid Hönsch als Zärtlichkeit spendende Ersatzmutter Maria. Glaubwürdigkeit wird groß geschrieben bei diesem Projekt, für das ein paar Dutzend Jugendliche ihre Freizeit, ihr Herzblut geopfert haben. Mit Erfolg, denn man spürt, dass die Macher ganz nah dran sind an ihren Figuren, deren Aktionen verstehen, nachvollziehen können.

Auch Autor Hans-Georg Noack, der sich jahrelang gegen eine Verfilmung gesträubt und Angebote "älterer" Produzenten abgelehnt hatte, ließ sich von der Begeisterungsfähigkeit und dem heute kaum noch bekannten Idealismus dieser Jugendbande anstecken und unterstützte die Unternehmung nach Kräften. Leider wird Noack die Früchte dieser Arbeit nicht selbst miterleben können. Denn er verstarb im November 2005 im Alter von 79 Jahren.

Thomas Lassonczyk

 

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Ausgabe 105-1/2006

 

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