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Ausgabe 128-4/2011

THE YEAR DOLLY PARTON WAS MY MOM – ALS DOLLY PARTON MEINE MUTTER WAR

Produktion: Palomar; Kanada 2011 – Regie und Buch: Tara Johns – Kamera: Claudine Sauvé – Schnitt: Jean-François Bergeron – Musik: Luc Sicard – Darsteller: Julia Sarah Stone (Elizabeth Gray), Macha Grenon (Marion, Adoptivmutter), Gil Bellows (Phil, Adoptivvater), Rebecca Windheim (Belle) u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Weltvertrieb Mongrel Media, 1028 Queen St West, Toronto, Ontario, MGJ 1H6 Canada, Tel. +1 416 516 9775, e-mail: info@mongrelmedia.com – Altersempfehlung: ab 10 J.

Im Film von Tara Johns fühlt man sich überzeugend in die 70er-Jahre zurückversetzt. Die elfjährige Elizabeth Gray lebt behütet und bürgerlich mit ihren Eltern in einer gepflegten kanadischen Kleinstadt und beschäftigt sich mit dem Erwachsenwerden, auf das sie hofft und vor dem sie gleichzeitig Angst hat. Die Sorgen der Mutter drehen sich hauptsächlich um den Kauf von Tapeten, als eines Tages die vermeintlich heile Welt zusammenbricht. Elizabeth entdeckt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sein können – die Blutgruppen passen nicht zusammen, sie muss adoptiert worden sein. Die Mutter – die Adoptivmutter, wie sie also erfahren muss – versucht noch zu leugnen, aber es geht nicht mehr. Dem Vater ist es ohnehin schon zu viel – zu viel Lüge und Verheimlichung. Elizabeths Welt jedenfalls, geordnet und ritualisiert wie sie war, löst sich auf – alles, was gewiss schien, ist zweifelhaft. Auch durch die Ehe der Eltern wird ein Riss offenbar, der zuvor verdrängt und nicht thematisiert wurde. Und dann gibt es die rettende Phantasie, dass die erträumte "Wirklichkeit" viel besser ist als die Realität. Statt fehlbarer anwesender Eltern ist es – das wissen wir seit Freud – doch ungleich attraktiver, das weggegebene und sehr vermisste Kind einer Prinzessin zu sein. Dies ist in dem Film Dolly Parton, die Country-Sängerin mit der üppigen Haarmähne, der warmen Stimme und dem großen Herzen. Elizabeth hofft, dass sie, die Bewunderte, ihre "wahre" Mutter sein könnte.

Nun beginnt eine Reise mit lustigen, komischen Elementen auf der Suche nach der Sängerin, aber es ist auch eine Reise in eine neue Welt – Elizabeth stellt die Beziehung zu ihrer Adoptivmutter in Frage. Und diese stellt sich der Realität. Nun, da es Fragen gibt, kommen auch Antworten. Die Beziehung trägt. Dies alles spielt in der großen Weite kanadischer Landstriche mit blassblauem Himmel, die Elizabeth erst auf einem Bonanza-Fahrrad und später mit der Mutter durchquert, die sich emanzipiert und in Schlangenlinien fahrend das Autofahren erprobt. Auch das ist ein Thema des Films: Emanzipation, Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Themen, die mühelos in den Hauptstrang einfließen.

Am Ende entscheidet sich Elizabeth für ihre Adoptivmutter; es ist eine bewusste Wahl. Das ist der einzige Moment im Film, in dem dieser eine kleine Gefahr läuft, zu idealisierend zu werden. Denn ihre leibliche Mutter lernt Elizabeth als reale Figur gar nicht kennen; Dolly Parton kann es jedenfalls nicht sein – das erfährt sie. Es ist also eine Wahl, wenngleich eine ohne echte Alternative. Denn zu der Zeit, in der der Film spielt, hatten Adoptierte noch keine Möglichkeit, Informationen über ihre Wurzeln zu erhalten. In der Schlussszene wird dies wieder realistisch verarbeitet: So sieht man hier Elizabeth, wie sie, unterstützt von ihren Eltern, für die Rechte Adoptierter plädiert, ihre biologische Herkunft kennenzulernen – ein Kampf gegen die Behörden, der tatsächlich ja erst einige Jahre später Erfolg haben sollte.

Der zentrale Satz kommt gegen Ende. Die Mutter sagt weinend: "Ich konnte dich erst nicht anfassen, drei Wochen lang; dann kam ein Tag, da sahst du mich an, es war so ein tiefer Blick, der mir sagte: Du kannst mir vertrauen! Und in dem Moment hattest du mich als deine Mutter angenommen, und seit dem Tag habe ich Sorge, dass du das rückgängig machen könntest." So oft wird rund um das Thema Adoption ausgeklammert: Aggression und Ambivalenz. Es wird nicht gesagt, was nicht sein darf. Die Wut und Enttäuschung, die es auslösen kann, kein "eigenes" Kind zu bekommen, die Sorge, dass das angenommene Kind einen wieder verlassen könnte, die Unsicherheiten, mit denen die Beziehung in schwierigen Momenten immer wieder behaftet sein kann. Dies wird jedoch offen behandelt in Tara Johns hervorragendem Film, in dem kein falscher Ton gesetzt wird. Die Ehrlichkeit mag weh tun, aber sie bringt voran, wenn sie von Liebe getragen ist. Und das ist auch zentral: Die Liebe ist da, die Liebe zwischen Elizabeth und ihren Eltern. Nicht die "reine Liebe" mit der "einzig richtigen Wahl" steht hier im Vordergrund, sondern normale menschliche Gefühle. Und die sind meistens alles andere als klar, sondern auch mal ziemlich durcheinander. Das ist nicht allein Thema von Adoptionen. Bei Adoptionen können wir sie nur wie durch ein Vergrößerungsglas oft noch deutlicher sehen. Es ist ein allgemein menschliches Thema: Die Suche nach der "Identität", die Frage nach Zugehörigkeiten. Am Ende wissen wir alle ein wenig mehr als zuvor: Ambivalenz ist normal, und es ist gut, sie zu akzeptieren. Wir müssen manchmal die Wahrheit im Sinne einer realistischen Wahrnehmung zulassen, auch wenn sie weh tut. Oft wird es dann trotzdem besser als davor. Und wir Zuschauer sind zutiefst berührt von diesem wunderbaren Film.

Celina Rodriguez Drescher

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 128-4/2011 - Kinder-Film-Kritik - "Als Dolly Parton meine Mutter war"

 

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