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Ausgabe 50-2/1992

JANA UND JAN

Produktion: DEFA Studio Babelsberg GmbH / ZDF, Bundesrepublik Deutschland 1991 – Regie und Buch: Helmut Dziuba – Kamera: Helmut Bergmann – Schnitt: Monika Schindler – Musik: Christian Steyer – Darsteller: Kristin Scheffer, René Guß, Karin Gregorek, Peter Sodann u. a. – Laufzeit: 92 Min. – Farbe – Format: 35mm – Weltvertrieb: Progress Film GmbH, Burgstr. 27, 0-1020 Berlin – Altersempfehlung: ab 14 J.

"Der Kleene is süß, den mach' ich zum Mann", wettet Jana, als Jan, der Neue, im Jugendwerkhof auftaucht. Für die Mädchen ihrer Gruppe wird die Beobachtung des Verführens zum Gaudium im tristen Ambiente: Sie lugen durch die Fenster des Duschraums, feixen über die gespielte Zuneigung. Wenig später aber ist es Jana plötzlich ernst; sie hat sich in den schweigsamen, rauen 15-Jährigen verliebt. Von nun an treffen sie sich regelmäßig auf dem Dachboden des verfallenden Schlosses, das als Erziehungsheim dient.

Wieder drehte Helmut Dziuba einen Film, in dem eine Liebesgeschichte zwischen jungen Leuten zugleich Spiegel gesellschaftlicher Umstände ist. In "Erscheinen Pflicht" (1984) skizzierte er auf diese Weise die Widersprüche zwischen postulierten Zielen des "realen Sozialismus" und der von Lüge und Selbstbetrug geprägten Wirklichkeit; in "Verbotene Liebe" (1990) beschrieb er die "amour fou" einer 12- und eines 18-Jährigen und die Konflikte, die sich daraus für Eltern, Lehrer und vor allem für das Paar selbst ergaben. Nun geht es ihm um die Bewahrung eines Ideals unter den extremen Verhältnissen einer Erziehungsanstalt: Jan und Jana fühlen – der Junge eher instinktiv, das Mädchen erst über den Umweg eines zur Abtreibung vorbereiteten Operationssaales –, dass ihr gemeinsames, noch ungeborenes Kind eine Chance für ihr eigenes Leben bedeutet: Verantwortung als Hoffnung, selbst besser sein zu können als die Generation der Eltern. Jan: "Dann weiß ich endlich, warum ich auf der Welt bin."

Der Film hat seine stärksten Momente, wenn er diesen Erkenntnis- und Reifeprozess in den Alltag des Jugendwerkhofs einbettet. Dziuba erfasst beispielsweise außerordentlich genau dessen Hierarchien: Jedes Zimmer hat seinen "Boss", der die Regeln innerhalb der kleinen Gemeinschaft zum Teil mit brutalem Durchsetzungsvermögen bestimmt; die Erzieher nutzen das, um eine tönerne Disziplin aufrecht zu halten. Zum authentischen Gestus solcher Szenen trägt unter anderem bei, dass der Regisseur die Darsteller der "Lady" und des "Sir" aus Heimen für straffällig gewordene Jugendliche holte: Corinna Stockmann und Dirk Müller spielen sich gleichsam pur.

Jana, deren Biografie nur äußerst bruchstückhaft angedeutet wird, läuft in ihrer Gruppe Spießruten: Liebe und Schwangerschaft bedeuten im rauen Klima des Werkhofs unerwünschte Ausnahmen. So rächen sich denn die gleichaltrigen Mädchen für diese "Erhebung": das geht bis hin zu einer Rasur von Janas Schamhaaren, die der Film in einer suggestiven Sequenz, quälend und zornig zugleich, vorführt. Kristin Scheffer als Jana, im "Privatleben" Rinderzüchterin, überzeugt durch den trotzigen Mut, den sie vor allem mit Hilfe stummer Blicke zeigt. Auch René Guß als Jan (der über die Mauer in den Westen fliehen wollte) wirkt wie ein Fels. Doch hinter Sprödigkeit und scheinbarer Unnahbarkeit macht der Akteur (der demnächst eine Lehre als Maler beginnt) frühe Verletzungen deutlich.

So subtil "Jana und Jan" die Werkhof-Atmosphäre rekonstruiert, so problematisch ist das allzu vordergründige Einbeziehen der sogenannten Wende und des deutschen Vereinigungsprozesses in die Handlung. Zunächst dringen die sich überstürzenden Ereignisse der DDR-Endzeit nur über den Bildschirm in die Welt des Heims ein. Später, in den allgemeinen Wirren, verlassen Jana und Jan ihr unwirtliches Domizil – doch nun stürzt der Film in eine Symbolik, die ihm kaum gut tut. Janas Wehen beginnen ausgerechnet in einem Wachturm, die Kamera schwenkt über die öde Grenzlandschaft, Jan sagt den so bedeutungsvollen wie hilflosen Satz: "Links is wat, rechts is wat, und wir sind mittendrin", und Janas Schrei schließlich liegt über der nächtlichen Totale des Mauerstreifens. Ein offener, merkwürdiger Schluss, ein Indiz für die – verständliche – Unsicherheit der Filmemacher angesichts existenzieller politischer Umbrüche.

Ralf Schenk

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 131-2/2012 - Interview - Es gibt nichts Berührenderes als Einfachheit
KJK 48-2/1991 - Interview - Freiheit kann auch Einsamkeit sein

 

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