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Ausgabe 50-2/1992

MØV UND FUNDER

MØV OG FUNDER

Produktion: Per Holst Film A/S, in Koproduktion mit Det Danske Filminstitut, Dänemark 1991 – Regie: Niels Gråbøl – Buch: Niels Gråbøl, Per Daumiller – Kamera: Jacob Banke Olesen – Schnitt: Grita Beckendorff – Musik: Fuzzy – Darsteller: Kasper Andersen (Møv), Allan Winther (Funder), Ditte Knudsen (Møvs Mutter), Kristine Horn (Rikke). – Laufzeit: 70 Min. – Farbe – Format: 35mm – Weltvertrieb: Egmont Audio Visual Group, Dortheavej 71, DK-2400 Kopenhagen NV – Altersempfehlung: ab 10 J.

Eine Straßenszene in einem heruntergekommenen Viertel Kopenhagens. Schmutzig-dunkle Häuserfronten, eine vergammelte Kneipe, die sich "Zum Affen" nennt, davor eine Gang von jungen Kids. Die Aura des Schauplatzes erinnert flüchtig an die weniger vornehmen Schauplätze amerikanischer Städte. In dieser Gegend lebt der zwölfjährige Møv mit seiner Mutter. Die Eltern sind geschieden; Møv wartet auf den Vater, der mit ihm das Wochenende verbringen möchte. Während der Junge packt, poltern aus einer Sporttasche mehrere Maschinenpistolen aus Plastik, unter seinen Ärmeln wölben sich Strümpfe zu Muskeln, an der Wand prangt ein "Schwarzenegger"-Poster – kurze, spotartige Einstellungen, die seine Wunschwelt andeuten: Møv sehnt sich nach Stärke, er möchte etwas bedeuten in einer Umgebung, in der er sich eigentlich verloren fühlt.

Der Vater versetzt den Jungen. Von einer Telefonzelle aus versucht Møv, ihn zu erreichen. In diesem Moment knallt ein blutverschmiertes Gesicht gegen die Zellenscheibe, rutscht langsam nach unten: Es ist Funder, der vor dem "Affen" in eine Schlägerei geraten ist. Schockiert flieht Møv. Doch er trifft Funder wieder. Der jugendliche Kriminelle hat sich schwer verletzt in den Keller von Møvs Mietshaus geflüchtet – er wird wegen Messerstecherei von der Polizei gesucht. Møv entdeckt ihn beim Müllausleeren. Aus seiner anfänglichen Furcht vor dem Outlaw erwächst ganz spontan und doch zurückhaltend Zuneigung, intuitiv entdeckt er in Funder eine Seelenverwandtschaft mit sich selbst und erkennt, dass Funder, obwohl er in einer ganz anderen Welt lebt, ähnlich einsam ist wie er. Møv versorgt den Verletzten mit dem Notwendigsten. Mit beinahe stummem Staunen beobachtet er den Fremden und steigert sich dafür umso begeisterter in seine Rolle des Helfers. Die Nähe der beiden wirkt nie plakativ, sondern zeigt sich verhalten in zarten Andeutungen. Vor allem dem älteren Funder fällt es schwer, sich in seiner rüden Art emotional zu artikulieren. Als Funders Wunde immer heftiger eitert, suchen die beiden im strömenden Regen nach einem Arzt – Funder versteckt sich in einem Leiterwagen, den Møv mit dem Fahrrad zieht. Die verzweifelte Aktion endet erfolglos. Møv nimmt Funder mit zu sich in die Wohnung und lässt ihn in seinem Bett schlafen. Am nächsten Morgen entdeckt die Mutter den Fremden. Trotz ihrer Verwirrung will sie Funder helfen. Doch da entdeckt Rikke, Møvs Freundin, den Gesuchten und holt die Polizei, die ihn im Krankenwagen abtransportiert.

Niels Gråbøls Film signalisiert eindeutig, wie sehr er sich am wahren Leben orientieren will, ohne zu beschönigen. "Møv und Funder" war einer der Wettbewerbsbeiträge auf dem Berliner Kinderfilmfestival. Dort stach er klar als ein realistischer Gegenwartsfilm hervor: Brutale Szenen bleiben nicht ausgespart, die Sprache gibt sich unverblümt und derb und die Beziehungen der Figuren untereinander entwickeln sich stockend und erzählen von menschlicher Scheu. Auch in dem abrupten Non-Happy End zeigt sich der Wahrheitswillen des Films. Die ausweglose Flucht Funders über Treppenhaus, Speicher und Dach kann nicht gelingen, auch wenn Møv verzweifelt versucht zu helfen. Authentizität und kraftvolle Bilder faszinieren an "Møv und Funder".

Die elterliche Kritik (so geschehen auf der Berlinale), für Kinder (zwischen neun und vierzehn) sei der Film zu brutal, lässt der Regisseur nicht gelten – zumal er ja aus der Sicht eines Zwölfjährigen schildert. Gråbøl, der sich immer noch besessen von seiner eigenen Kindheit fühlt, will unbedingt Filme für die "Kinder in uns selbst" machen. Er möchte die Filme machen, die er selber sehen möchte. "Møv und Funder" ist sein erster Spielfilm. Mit einer Situationskomik, die sich leicht über die Tragik der Geschichte erhebt, mit einer Detailversessenheit und einer sehr beweglichen Kameraführung gelingt dem Regisseur der große Fang einer bewegenden Geschichte, die ihre Gefühle lieber aus dem Verborgenen denn aus dem Offensichtlichen zieht. In einer Szene, als Møv und Funder ins mütterliche Bad schleichen, um sich zu waschen, bündelt sich die raue Poesie des Films. Erst fließt Blut aus Funders Wunde in den Abfluss, doch dann sieht man die beiden in fröhlicher Ausgelassenheit unter der Dusche stehen – ein Bild, das sich wie ein Symbol der Zusammengehörigkeit einprägt.

"Møv und Funder" macht einem jungen und erwachsenen Publikum Mut zu diffiziler Freundschaft – selbst in desolater Situation. Er ist gerade wegen seiner Ungeschminktheit ein sehr wichtiger Film – eben für Zuschauer, die etwa im selben Alter von Møv sind und seine Reaktionen nachvollziehen können. Dass das tatsächlich möglich ist, ist dem Hauptdarsteller Kasper Andersen zu verdanken, der in seiner ungekünstelten Darstellung Emotionen in allen Nuancen überzeugend ausdrücken kann.

Katja Nele Bode

 

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