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Ausgabe 50-2/1992

DAS TASCHENMESSER

HET ZAKMES

DAS TASCHENMESSER

Produktion: Bos Bros. Film-TV Productions, Niederlande 1991 – Regie: Ben Sombogaart – Buch: Sjoerd Kuijper – Kamera: Reinier van Brummelen – Schnitt: Herman P. Koerts – Musik: Karel von Kleist – Darsteller: Olivier Tuinier (Mees), Genio de Groot (Vater), Adelheid Roosen (Mutter), Verno Romney (Tim) u. a. – Laufzeit: 86 Min. – Farbe – Format: 35mm -Weltvertrieb: Bos Bros. Film-TV Productions, P.O. Box 5167, NL-1410 AD Naarden – Altersempfehlung: ab 6 J.

1989 lief beim Berliner Kinderfilmfest Ben Sombogaarts erster Spielfilm "Mein Vater wohnt in Rio", der auch prompt von der Kinderjury mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Im Mai letzten Jahres hatte dann auch ein größeres Publikum – dank der ZDF-Kinder- und Jugendredaktion – die Chance, in diesem ergreifenden Film mit Lisa auf die Suche nach ihrem Vater und den Geheimnissen der Liebe zu gehen, nachdem kein deutscher Verleih für den Film hatte gewonnen werden können.

Nach diesem erfreulichen Debüt waren denn auch die Erwartungen an seinen zweiten Spielfilm entsprechend hoch. Und sie wurden mit dem "Taschenmesser" beim diesjährigen Berliner Kinderfilmfest nicht enttäuscht.

"Das Taschenmesser" erzählt die Geschichte des sechsjährigen Mees, der sich auf die Suche begibt, seinen besten Freund Tim wieder zu finden, der nämlich ist in eine andere Provinz gezogen. Am letzten Tag vor seinem Umzug zeigt Tim in der Schulpause Mees das Abschiedsgeschenk der Nachbarn: ein sehr luxuriös ausgestattetes Taschenmesser. Da erscheint plötzlich die Lehrerin, und Mees steckt das Messer schnell in die Hosentasche. Erst abends beim Ausziehen entdeckt er es wieder und bekommt ein schlechtes Gewissen. Am nächsten Morgen will er es sofort zurückgeben, aber als er zu Tims Haus kommt, muss er feststellen, dass das Haus bereits leer und Tim weg ist. Eins ist für Mees klar: Er will und muss das Messer zurückgeben, also muss er Tim finden.

Bei der nun beginnenden Suchaktion geht der Sechsjährige vollkommen selbstständig vor, bittet weder Eltern noch sonstige Personen um Hilfe, sondern setzt all seine Phantasie ein, Mittel und Wege zu finden, wie er mit Tim zusammenkommen könnte. Er schreibt einen Brief, macht sich ohne Fahrkarte per Bahn auf den Weg, gibt eine Anzeige in der Zeitung auf, aber alles ohne Erfolg. Mees gibt trotzdem nicht auf. Die rettende Idee ist ein Fernsehquiz, in dem Kinder selbst getextete Lieder vorsingen sollen. Mees kramt seine Trommel hervor und textet: ein Lied über Tim, das Messer und seine Suche. Und richtig: Tim sieht die Sendung und kommt sofort ins Studio gefahren. Die Wiedersehensfreude ist riesig und dominiert eindeutig über der Spannung, ob Mees denn der beste Sänger war. Als er dann tatsächlich auch noch den ersten Preis bekommt, ist das gar nicht mehr so wichtig, denn sein Ziel hat er mit seinem Lied bereits erreicht: Er hat Tim gefunden und kann nun das Messer zurückgeben.

Struktur und Dramaturgie vom " Taschenmesser" erinnern in mancher Hinsicht an "Mein Vater wohnt in Rio". Beide Filme erzählen eine geschlossene Geschichte nach klassischem Muster mit einem eindeutigen Motiv am Anfang, einem Ziel, einer Absicht, die im Verlauf des Films mit Vorwärts- und Rückwärtsschritten angestrebt wird und einer Auflösung am Schluss. Beim "Taschenmesser" ist die Auflösung ein eindeutiges Happy ending, bei "Mein Vater wohnt in Rio" ist es eher ein zwiespältiges Ende, aber auch eins, das die Hauptfigur ein Stück hat reifen lassen. Beide Filme haben ein Kind zur Hauptfigur, das den Film trägt, das durch die Geschichte führt und mit dem der Zuschauer sich identifiziert. Die Geschichten sind beide frei von Nebenhandlungen und von der Hauptgeschichte ablenkenden Episoden, es ist im Gegenteil so, dass der Eindruck entsteht, man habe es in beiden Filmen jeweils mit einem Mikrokosmos zu tun, der fast wie ein Vakuum abgedichtet ist, in den kaum etwas von außen eindringt.

In beiden Filmen stellen sich die kindlichen Helden den Gegebenheiten und Anforderungen der (Erwachsenen-)Welt und agieren in ihr mit ihren eigenen kindlichen Mitteln, ihrer Phantasie und ihrem Einfallsreichtum, ohne Anleitung Erwachsener und ohne Skrupel oder Hemmungen. Ben Sombogaart nimmt seine kleinen Darsteller ernst und geht bei den Dreharbeiten auf ihre eigenen Anregungen ein, lässt sie am kreativen Entstehungsprozess teilhaben. Diese Kooperation ist in den Filmen spürbar, denn die Kinder verkörpern ihre Filmfiguren mit großer Sensibilität und vollkommenem Einfühlungsvermögen.

Auch die Erwachsenen in Ben Sombogaarts Filmen nehmen die Kinder ernst, bevormunden sie nicht, sondern lassen sie eigenständig aktiv vorgehen. Selbst die Familiensituationen in den Filmen "Das Taschenmesser" und "Mein Vater wohnt in Rio" sind vergleichbar – insofern, als beider Situationen nicht im herkömmlichen Sinn "normal" sind, man sich aber in beiden mit der jeweiligen Situation arrangiert und das Beste daraus macht. Im "Taschenmesser" ist der Vater Hausmann, die Mutter – von Beruf Sängerin – fast immer unterwegs. Wenn Mees mittags nach Hause kommt, steht der Vater am Herd, in einer ins Wohnzimmer integrierten Küche, in der es auch einen Fernseher und ein Videogerät gibt, in das Mees zuallererst eine Kassette mit der singenden Mutter einlegt. Er hat zu beiden Elternteilen ein herzliches, wenn auch nicht ganz konfliktfreies Verhältnis, besonders zur Mutter, die immer für einen Spaß zu haben ist. Der Vater ist mit einigen clownesken Zügen ausgestattet, sowohl in seiner Art sich zu kleiden, als auch im Verhalten. Diese sind aber keineswegs negativ dargestellt, sondern liebevoll, eben so, wie Erwachsene aus Kinderperspektive manchmal wirken.

Schade ist, dass der Film am Anfang, nachdem er sein Motiv dargelegt hat, nicht schnell genug in Gang kommt. Mehrmals kommt Mees aus der Schule, hockt sich vor das Videogerät und druckst herum. Hier wäre ein temporeicheres Voranschreiten, das die Handlung nach der Exposition schneller zu einem Höhepunkt geführt hätte, ein Gewinn gewesen. Auch einige sehr lange Schwarzblenden lassen den Zuschauer ein paar Mal – fast – in ein Loch fallen. Ansonsten ist "Das Taschenmesser" aber ein kurzweiliger, heiterer, auch komischer Film, der gerade die im Kino so oft zu kurz kommende sehr junge Altersstufe anspricht – aber nicht nur diese. Freund Tim ist übrigens ein schwarzes Kind und mit großer Selbstverständlichkeit Mees' Freund, ohne dass die Hautfarbe des Jungen im Film problematisiert werden müsste.

Eine Frage soll am Schluss dennoch nicht ungestellt bleiben – sie kam von einem achtjährigen Mädchen nach dem Film: "Warum sieht man immer nur, dass Mees Tim sucht und nicht auch umgekehrt, dass Tim Mees sucht? Schließlich muss Tim in seiner neuen Umgebung Mees doch auch vermissen, oder nicht?" Eine Frage, die berechtigt ist bei einem Film, der die Geschichte einer Freundschaft erzählt, zu der immerhin – mindestens – zwei gehören.

Dagmar Ungureit

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DAS TASCHENMESSER im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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