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Ausgabe 51-3/1992

"Die gesamte Kinolandschaft und speziell der Markt für Kinderfilme ist sehr merkwürdig geworden"

Gespräch mit Wladimir Grammatikow

(Interview zum Film DAS SCHARLACHROTE BLÜMCHEN)

Beim Kinderfilmfest Berlin 1992 lief der Märchenfilm "Das scharlachrote Blümchen", eine Koproduktion von Russland, Deutschland und Dänemark. Regie führte Wladimir Grammatikow, am Drehbuch war William Aldridge beteiligt, mit dem Grammatikow bereits bei der vorangegangenen international produzierten Astrid-Lindgren-Verfilmung "Mio, mein Mio" zusammengearbeitet hat. "Das scharlachrote Blümchen" erzählt mit opulenten Bildern die Geschichte von Aljonuschka, das sich von seinem Vater, einem weit reisenden reichen Kaufmann, die schönste und einzigartige Blume wünscht. Die bekommt es zwar, doch der Preis dafür ist hoch. Das Mädchen kann mit seiner Liebe alles zum guten Ende bringen. – KJK sprach in Berlin mit Wladimir Grammatikow.

KJK: Hat Ihr Film "Das scharlachrote Blümchen", den wir hier beim Kinderfilmfest Berlin gesehen haben, einen russischen Verleih? Wo läuft er in Ihrem Land, nachdem sich alles verändert hat?
Wladimir Grammatikow: "Also die Weltrechte liegen bei Pathé-Nordisk Film, und die nationalen Rechte hat das Gorki-Studio. Der Verleih geschieht über dieses Studio und über Goskino, weil die Finanzierung noch über die alte Struktur lief. Goskino hat sich vor zwei Wochen noch mal umstrukturiert, und zwar ist es jetzt nicht mehr 'Goskino UdSSR', d. h. 'Staatliche Filmanstalt der Union der Sowjetrepubliken', sondern 'Goskino Russland'. Das neue Goskino also ist rein russisch. Die Premiere des Films ist Ende März in Moskau im Kino 'Mir', und im Fernsehen wird diese Premiere mit Filmausschnitten angekündigt."

"Das scharlachrote Blümchen" enthält sehr schöne folkloristische Szenen in einer russischen Wintermärchenlandschaft. Wo fanden diese Aufnahmen statt, wurde auch im Studio gedreht?
"Was die Folkloreszenen betrifft, da gibt's keine Studioaufnahmen, weil da im Augenblick die Qualität schlecht ist. Der russische Teil – die Szenen im Schnee und das alles – das wurde in Archangelsk gedreht, einer alten russischen Stadt im Norden. Die ganze 'Exotenabteilung' wurde in Marokko gedreht, und die Ruinenszenen sind in der zerstörten Königsberger Kathedrale entstanden."

Hat sich für den Filmregisseur jetzt finanziell etwas verändert, ist er an den Einspielergebnissen seines Films mitbeteiligt?
"Zunächst einmal muss man zwei Dinge auseinander halten: Früher war das allgemein staatliche, übergreifende 'Goskino UdSSR' der Verleiher mit allen Rechten etc., und jetzt ist es eben 'Goskino Russland'. Ich bekomme anteilmäßig Prozente aus dem Verleih, das ist für mich lukrativer geworden, und ich habe jetzt Einzelverträge, strukturell bedingt. Allerdings gibt es da auch die andere Seite: Weil die Inflation in einem solchen Ausmaß galoppiert, kann ich gar nicht im Voraus ausrechnen, welche Gage ich mir ausbedingen soll, um auf meine Kosten zu kommen. In den letzten eineinhalb Jahren ist der Produktionsaufwand um das Eineinhalbfache gestiegen, und deshalb ist das sehr schwer zu sagen."

Gibt es das Gorki-Filmstudio noch, arbeitet es noch?
"Ja, es arbeitet und funktioniert noch. Im Augenblick gibt es noch Verhandlungen über die Rechtsform, ob es eine Aktiengesellschaft wird."

Das Gorki-Studio hat ja früher primär Kinder- und Jugendfilme produziert. Gibt es jetzt eine Abteilung für Kinderfilm?
"Jetzt sieht es so aus, dass die Finanzierung immer 'freier' wird, man nach freien Finanziers suchen muss und Kinder- und Jugendfilme immer weniger gedreht werden. Die gesamte Kinolandschaft und speziell auch der Markt für Kinderfilm ist sehr merkwürdig geworden und schwer zu erklären. Es ist z. B. einerseits unmöglich, die Preise für Eintrittskarten zu erhöhen. Andererseits beliefen sich die Rechte für den amerikanischen Kinder- und Jugendfilm in Russland auf 3-4 Millionen Rubel, eine hohe Summe, und deshalb haben wir jetzt 80 Prozent amerikanische Produktionen. Im vergangenen Jahr 1991 hat es eine ganze Welle amerikanischer Kinderfilme gegeben, und wir können das gar nicht aufhalten."

Wer kauft in den GUS-Ländern die amerikanischen Filme, gibt es Verleiher?
"Im Prinzip hat jetzt jeder die Möglichkeit, an solche Rechte zu kommen. Es gibt ungefähr 400 Vereinigungen oder kleinere Firmen. Und der Staat gibt praktisch auf die Erwerbsrechte eine Bestätigung, dass es keine Pornographie gibt usw. Es sieht auch so aus, dass der amerikanische Markt interessiert ist, seine Werke auf diesem Markt los zu werden und dass die Lizenzgebühren dann etwas gedrückt werden, im Vergleich etwa zu italienischen Filmen oder anderen europäischen."

Wie viele Kinderfilme wurden in Russland im letzten Jahr produziert?
"Auf dem russischen Territorium nur drei, vier Filme! Auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR keine, und auf dem Gebiet Russlands drei, vier; allerdings nur Spielfilme, keine Trickfilme mitgezählt."

Eine Anstellung der Regisseure im Studio gibt es jetzt wohl gar nicht mehr?
"Ich bin noch Mitarbeiter vom Gorki-Studio, wenn das aber eine Aktiengesellschaft wird, sieht es wahrscheinlich anders aus. Innerhalb des Gorki-Studios habe ich noch meine eigene Abteilung namens 'Kontakt', die ich auch leite. Im Gorki-Studio gibt es vier unabhängige Abteilungen; 'Kontakt' ist eine, die hat im Wesentlichen Kinderfilme gemacht. Die Abteilungen – in meinem Fall 'Kontakt' – sorgen für die Finanzierung ihrer Produktion, ziehen die Finanziers heran und gehen dann zur übergreifenden Struktur, dem Gorki-Studio und stellen das Projekt vor. Wir planen schwerpunktmäßig europäische Filmserien-Produktionen, internationale Koproduktionen und bemühen uns gerade um die Rechte bei einem polnischen Schriftsteller. Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, sein Vater ist Tierwärter im Hamburger Zoo und für die Aufzucht der Tiere verantwortlich, die man auf der ganzen Welt zusammensucht. Der kleine Junge reist mit seinem Vater umher, aber er lässt die Tiere immer wieder frei. Also es ist auch eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Unser Plan sieht vor, für diese siebenteilige TV-Serie – je nach Handlungsort – praktisch mit dem jeweiligen Land, wo der Teil spielt, einen Vertrag über die Finanzierung der Dreharbeiten vor Ort abzuschließen."

Nachdem Sie auch das Nationale Kinderfilmzentrum im Rahmen von CIFEJ geleitet haben, unsere Frage: Gibt es eine Nachfolgeorganisation für dieses Nationale Kinderfilmzentrum?
"Rolan Bykow war mein Nachfolger und hat dort so ein Kinderkinozentrum aufgebaut. Früher war er eben der allsowjetische und jetzt ist er der allrussische Chef sozusagen. Dieses Zentrum hatte eine ziemlich lange Anlaufzeit, weil erst mal die Finanzfragen geklärt wurden, sie haben auch einen Film produziert, aber es läuft etwas schleppend an. Ich meine schon, dass die am Arbeiten sind und dass es vorwärts geht und auch perspektivenreicher ist als die Struktur des Nationalen Kinderfilmzentrums vorher. Früher ging es mehr über gesellschaftliche Kommunikationskanäle in Zusammenhang mit Unesco, jetzt läuft die gesellschaftliche Kommunikation mehr über die Marktwirtschaft, oder jedenfalls geht die Tendenz dahin, und von daher wird es auch abgelöst durch eine effektivere, kleinere Struktur."

Was gibt es in den anderen Ländern, weiß man z. B., was der turkmenische Kinderfilm-Regisseur Usman Saparow macht?
"Es ist alles zusammengebrochen, und das ist schlimm. Weil die Nationalismen und Eigeninteressen sehr krass sind. Was Drehort usw. betrifft, das klappt, man kann sich frei bewegen, aber was die nationale Koproduktion betrifft, da spielt sich im Moment gar nichts ab."

Welche Strukturen wünschen Sie sich?
"Ich sehe den Unterschied für die Lage des Films überhaupt, oder für das Gorki-Studio; am liebsten würde ich das Gorki-Studio nicht zu einer AG umgestalten, sondern eher in der staatlichen Nähe lassen, weil einfach die Finanzierungsfrage doch zu schwer ist und staatlicherseits schon Zusagen und auch Interessen bestehen, da eine verlässliche Finanzierung aufzubauen. Weil es einfach eine Frage der sogenannten Freiheit ist. Im Moment haben alle noch den Ansprach, unabhängig zu sein. Aber allmählich zeichnen sich auch wieder Gegenbewegungen ab, die deutlich machen, dass es andere Abhängigkeiten gibt."

Interview: Christel Strobel

 

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