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Ausgabe 51-3/1992

"Ich betrachte das Schreiben von Geschichten für Kinder nicht als literarische Tätigkeit zweiten oder fünften Ranges"

Gespräch mit Otfried Preußler

(Interview zum Film DAS KLEINE GESPENST)

Im Rahmen des 10. Kinderfilmfests beim Filmfest München wurde Curt Lindas Verfilmung von Otfried Preußlers Buch "Das kleine Gespenst" uraufgeführt. Otfried Preußler war zu dieser Premiere eingeladen. Vor der Premiere ergab sich im Filmfestzentrum Gasteig die Gelegenheit zu einem Gespräch.

KJK: Herr Preußler, Sie haben ja nicht nur Kinderbücher geschrieben, die Kinder auch wirklich interessieren, sondern Sie haben sich auch wirklich dafür entschieden, Kinderbücher zu schreiben. Wie kam das?
Otfried Preußler: "Ja, da sind einige Dinge zusammengekommen: Ich hatte von zu Hause aus vor, Schriftsteller zu werden. Das war ein Berufswunsch, den ich schon als kleiner Junge hatte. Ich bin dann mit fünfjähriger Verspätung aus dem Krieg nicht nach Hause, sondern nach Bayern gekommen. Ich stamme aus Nordböhmen und meine Familie war vertrieben. Ich selbst war fünf Jahre lang Staatsgast bei Herrn Stalin als Kriegsgefangener gewesen. Der Anfang war in jeder Hinsicht sehr schwierig. Die fünf Jahre Verspätung ließen sich nicht ohne Weiteres aufholen. Ich bin also zunächst nicht Schriftsteller geworden, sondern habe eine Weile versucht, mich als Journalist über Wasser zu halten. Damals lag das Zeilenhonorar in der Provinz bei 2 Pfennigen. Dann bin ich Lehrer geworden, Volksschullehrer; das ist eine Tradition in unserer Familie gewesen. Als Lehrer hatte ich einen ganz unmittelbaren Kontakt mit Kindern, und dabei habe ich gemerkt, was Geschichten für Kinder bedeuten.
Also: Ich habe in der Schule einfach manchmal, um mir Ruhe zu verschaffen – ich sag's ganz ehrlich! – angefangen, den Kindern Geschichten zu erzählen. Da habe ich dann zweierlei gemerkt: Ich habe gemerkt, dass es den Kindern Spaß macht, und dass es mir Spaß macht. Der nächste Schritt war dann, dass ich zum Beispiel die Geschichte vom kleinen Wassermann aufgeschrieben habe und einen Verlag dafür zu finden versuchte, was nicht ganz einfach war. Aber ich war ja in der glücklichen Lage, inzwischen einen Brotberuf zu haben. Und so habe ich also mehr oder minder zufällig – wenn es Zufälle gibt! – mein Publikum gefunden."

Sie haben also ganz bewusst angefangen, für Kinder zu schreiben?
"Ja. Insbesondere weil ich finde, dass man gerade Kindern ein gutes Leseangebot machen muss. Ich habe beim Schreiben auch gemerkt, dass ich für mein Publikum, das ich gefunden hatte, nämlich für Kinder, einen unerhörten Fundus an Geschichten aus meiner eigenen Kindheit mitgebracht habe. Und so fügte sich eben eines zum anderen. Ich schreibe zwar nicht nur für Kinder, aber hauptsächlich und sehr gerne. Und ich betrachte das Schreiben von Geschichten für Kinder nicht als eine literarische Tätigkeit zweiten oder fünften Ranges, sondern ich glaube, dass Kinder ein Recht darauf haben, von den Leuten, die ihnen etwas anbieten – seien es Geschichten, seien es Bücher, seien es Theaterstücke – als Publikum für voll genommen zu werden. Ich stehe daher im Spannungsfeld zwischen dem, was ich mein literarisches Gewissen nenne, und auf der anderen Seite den ganz klar eingeschränkten rezeptorischen Möglichkeiten meines Publikums, und das kann zu einer sehr reizvollen Sache werden."

Haben Sie sich je im Wortschatz eingeschränkt, um sich auf den geringeren Wortschatz von Kindern einzustellen? Es soll ja Kinderbuchverlage geben, die ihren Autoren einen bestimmten Wortschatz vorgeben, den sie als kindgemäß ansehen.
"Wissen Sie, einfach schreiben ist ja nicht gleich simpel schreiben. Natürlich muss man sich auf die kindlichen Leser einstellen, aber Wortschatzgrenzen habe ich mir deshalb nie gesteckt. Ich finde, es kommt einzig und allein darauf an, wie man schwierige Sachverhalte Kindern erklärt. Die Möglichkeit gibt es immer. Es ist mir eigentlich nur einmal passiert, dass ein Lektor einen meiner Texte auf ein restriktives Vokabular umkorrigiert hat. Ich habe dann während eines langen nächtlichen Telefonats mit der Verlagsleitung wieder alles zurückkorrigiert."

Empfindet man als Kinderbuchautor eine besondere Verantwortung?
"Natürlich. Und aus diesem Grund habe ich immer Wert darauf gelegt, die Kinder, die meine Bücher lesen, ernst zu nehmen. Man darf Kinder nicht auf die Schippe nehmen, man darf sie nicht anlügen, und man muss ihnen vor allem Texte geben, die in sich stimmen, weil sie eine innere Logik haben."

Heißt das, Sie haben etwa bei Fortsetzungen der Hotzenplotz-Geschichten die früheren Bände daraufhin durchgesehen, dass in der Fortsetzung nichts steht, das nicht mit früheren Bänden übereinstimmt?
"Zwischen den Büchern lagen zum Teil Jahrzehnte, also musste ich wohl oder übel nachsehen. Aber ich sehe auch bei Büchern ohne Fortsetzung immer wieder nach, ob ich mich an das zu Anfang Vorgegebene halte. Ich schreibe ja so, dass ich zunächst in ein tragbares Gerät diktiere und später mein Diktat selbst abtippe. Das bietet schon eine erste Möglichkeit zur Korrektur. Und je weiter eine Geschichte voranschreitet, desto mehr Möglichkeiten zur Korrektur bietet sie. Ich korrigiere bei meinen Büchern noch bis hin zur Umbruchphase. Man muss ja zum Beispiel bei Texten für Kinder darauf achten, dass man keine Wiederholungen macht, dass man nichts Überflüssiges schreibt und notfalls den Text abspeckt."

Was sind für Sie die Grundvoraussetzungen der literarischen Arbeit für Kinder?
"Es gibt im Wesentlichen drei Dinge, die man beim Schreiben für Kinder beachten muss:
1. Man muss den Kindern etwas zu sagen haben.
2. Man muss das Handwerk beherrschen.
3. Man muss Kinder lieb haben."

Sie sind nicht nur Kinderbuchautor, sondern ein Kinderbuchautor, von dem viele Werke bereits verfilmt sind. Das ist nicht zuletzt auch der Grund dafür, dass Sie zum Filmfest gekommen sind. Gibt es denn eine Verfilmung eines Ihrer Werke, die Sie als die gelungenste ansehen?
"Das kann man so nicht sagen, da jede dieser Verfilmungen ihre eigene Problematik der Umsetzung hat. Hotzenplotz kommt aus der Tradition der Commedia dell'arte, umgemünzt auf Kasperltheater und muss deshalb anders dargestellt werden als zum Beispiel Krabat. Die 'Krabat'-Verfilmung fand ich übrigens deshalb sehr interessant, weil bei der Umsetzung der Geschichte zu einem Film einiges komprimiert wurde, so dass das Endergebnis unbewusst zum Ausgangspunkt, zum Kern der Geschichte zurückführte, nämlich zu der Vorlage, auf der ich aufgebaut hatte."

Haben Sie Curt Lindas Verfilmung des "kleinen Gespensts" schon gesehen?
"Ich habe bisher nur Ausschnitte gesehen, etwa wie das Gespenst angelegt ist, wie Eulenburg aussieht, wie die Hauptfiguren gestaltet sind. Ich bin schon sehr gespannt auf den kompletten Film."

Haben Sie selbst schon einmal ein Gespenst gesehen?
"Nun ja, als mir meine Großmutter die Kerngeschichte um das Gespenst und Torstensohn erzählte, da sah ich das Gespenst ziemlich lebendig vor mir, ja."

Wir unterhielten uns noch darüber, dass es Preußlers Geschichten auch auf Hörspielkassetten gibt, bei denen Ottried Preußler anmerkte, er habe zum Glück eine Produktionsfirma gefunden, die kindgerecht arbeite, also ohne große Geräuschkulissen, sondern primär mit einem Erzähler und mit Musik. Herr Preußler erwähnte auch die vielen Briefe, die ihm Kinder schicken, denen zu antworten ihm überaus wichtig ist. Er hat von Kindern auch schon Fortsetzungen zu Geschichten geschickt bekommen, die er selbst nicht fortsetzen will. Nach der Premierenvorstellung sagte Otfried Preußler über Curt Lindas Verfilmung "Das kleine Gespenst":
"Ich war von dieser Verfilmung sehr angetan. Wie jeder gute Film steigert er sich. Und ganz offensichtlich gefiel er auch den Kindern, denn die blieben in der Dunkelheit des Kinos völlig ruhig und gebannt sitzen. Curt Linda hat ja das eine oder andere dazu erfunden, um die Spielfilmlänge zu erreichen, und er hat dabei viel Komisches geleistet. Curt Linda ist nun einmal ein großer Könner, was für mich schon daraus hervorgeht, dass er stets bescheiden auftritt und nicht versucht, sich in den Vordergrund zu spielen."

Das Gespräch führte KJK-Mitarbeiter Wolfgang J. Fuchs

 

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