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Ausgabe 52-4/1992

SCHNEEWITTCHEN UND DAS GEHEIMNIS DER ZWERGE

Produktion: Omnia Film / Eurokim, in Zusammenarbeit mit ZDF, Reteitalia, TVE, Bundesrepublik Deutschland / CSFR 1992 – Regie: Ludvík Ráza – Buch: Bernd Fiedler – Kamera: Frantisek Uldrich – Schnitt: Gisela Haller – Musik: Petr Hapka – Darsteller: Natalie Minko (Schneewittchen), Gudrun Landgrebe (Königin Mutter), Eberhard Feik (Pater), Alessandro Gassmann (Narr), Dietmar Schönherr (König), Sandor Köleseri (Schwarzer Ritter) u. a. -Länge: 90 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: atlas film + av (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Die neueste Märchenverfilmung aus der internationalen Koproduktionsreihe hält sich an das bewährte Konzept: ein altes Märchen, in diesem Fall von den Gebrüdern Grimm, wird neu erzählt.

Bei Schneewittchen kommt – wie der Untertitel andeutet – den Zwergen eine neue Rolle zu. Diese Zwerge sind erstens nicht zu siebt und zweitens keine putzigen Wichtelmännchen mit Zipfelmützen und Laternen, die im Bergwerk fröhlich singend nach Erz suchen, sondern kleine, kluge Menschen in futuristisch anmutenden Kapuzengewändern und einem Leuchtfeld auf der Brust. Ihre Spezialität ist die Feinmechanik, das Nachformen menschlicher Gestalten mit beweglichen Gelenken. Sie haben nicht den Stein des Weisen gefunden, sondern den der Wahrheit, in Form einer phosphorisierenden Kugel. Der achte Zwerg, mit dem wunderschönen Kopf und den melancholischen Augen, wird mit der Mission betraut, dem guten, fernen König die Kugel als Geschenk zu überbringen, auf dass er noch gerechter sein Land regieren kann, zum Wohle der Menschen. In einer von den Zwergen konstruierten Ritterrüstung, die seinen kleinen Körper verbirgt, ihn unverletzbar und groß macht, reitet er zum Schloss, in dem sich Hofstaat, Narr und Schneewittchen tummeln und wo die schöne wie kaltherzige Königin (überzeugend gespielt von Gudrun Landgrebe) das Regiment übernommen hat. Der Heilsüberbringer ist fasziniert von der Frau, die ihn anherrscht: "Der König bin ich!" Andererseits ist er fassungslos, dass sie sich nur für eine Wahrheit interessiert – und dann kommt auch schon das berühmte "Spieglein, Spieglein an der Wand ...". Schneewittchen, das reizende, liebliche Kind, wird aufs Land verbannt, dem Schulunterricht entzogen, begleitet von dem jungen bildschönen Hofnarren, hinter dessen Späßen man schon den wahren Prinzen ahnt. Als der Narren-Prinz beim Kurzweilspiel auf Wiesen und Feldern Schneewittchen den ersten zarten Kuss gibt, sieht die Wahrheit für die Stiefmutter anders aus. Da verkündet erstmals der Spiegel, dass Schneewittchen tausendmal schöner sei.

Im weiteren Verlauf hält sich der Film wieder an das Märchen: Schneewittchen kann das Herz des bestellten Mörders erweichen. Er lässt sie laufen und sie findet Zuflucht bei den sieben Zwergen. Der achte weilt noch immer am Hofe, im Bann der schönen, reifen Frau, für die er sogar an der Wahrheit herum manipuliert, ohne Rücksicht auf den drohenden Verfall seiner Ritterrüstung. Auch bei der Szene von Schneewittchens Ankunft im Zwergenheim wird klar, was der Regisseur meint, wenn er sagt: "Es ist ein Märchen, das in dieses Jahrhundert passt." Schneewittchen bringt nicht etwa sofort den Haushalt der sieben fraulosen Gesellen in Ordnung, sondern im Gegenteil: Sie schafft ein Durcheinander, kann weder kochen noch putzen und hat auch keinerlei Respekt vor den feinmechanischen Instrumenten im Haus. Und dass die Zwerge nicht in herzigen Holzkistchen schlafen, sondern in schillernden Wasserbetten, sei nur am Rande erwähnt. Es gibt mehrere solcher Gags, die Kinder entzücken mögen, der erwachsenen Rezensentin aber ein nachsichtiges Lächeln abverlangten.

Und die Moral kommt auch nicht zu kurz, die da heißt: Die Wahrheit ist keine Ware, die man erfinden und verschenken kann, sondern etwas, das man nur in sich selbst hat, ebenso wie Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Schau in den Spiegel und mache dir kein falsches Bild.

"Schneewittchen und das Geheimnis der Zwerge", professionell gestaltet und großzügig ausgestattet, reicht nicht an die Qualität der "Frau Holle" (Regie: Juraj Jakubisko) oder "Aschenputtel" (Regie: Karin Brandauer) heran, gehört aber zu den guten Produktionen dieser Reihe. Der Film hat durchaus seinen Reiz in der Kombination von alt und neu. Auch wenn die Kinder die Philosophie, die in ausgefeilten Sätzen nahe gebracht wird, in ihrer vollen Tragweite nicht verstehen mögen – der Inhalt wird durch Handlung und Bilder transportiert, durch die Hauptakteure. Vor allem durch Schneewittchen und den Prinzen, denen man ihr Spiel glaubt. Der Eineinhalbstundenfilm wirkt an keiner Stelle zu lang. Die vielen kleinen, liebevoll im Detail gestalteten Szenen sind kein Selbstzweck, sondern ergeben ein buntes Ganzes, zusammengehalten auch von Musik und Geräuschen. Wie neuerdings üblich, gibt es auch einen eindringlichen Titelsong, der jedoch erst im Abspann erklingt.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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