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Ausgabe 52-4/1992

"Heute braucht man fünfmal so viele Nüsse"

Gespräch mit Pedro Pimenta, Mozambique

Interview

Als Filmland ist das südostafrikanische Mozambique hierzulande nahezu unbekannt. Als einen der in seiner Heimat bekanntesten Filmproduzenten darf man dagegen Pedro Pimenta bezeichnen. Außer etlichen Dokumentationen für das Fernsehen Mozambiques hat er seit 1985 drei lange Spielfilme mit europäischen Partnern koproduziert: "Die Zeit der Leoparden" (1985) mit Jugoslawien, "Die Ernte des Teufels" (1988) mit Frankreich und "Das Kind aus dem Süden" (1990) mit Großbritannien. Der letzte Film dreht sich um eine Frau aus Südafrika, die nach 20-jährigem Exil zurückkehrt und sich in Rückblenden an ihre Kindheit erinnert. Bereits mehrfach haben sich Pimentas Produktionen mit dem Schicksal von Kindern in Mozambique befasst, die am meisten unter dem nun schon 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg leiden. Ob der Anfang Oktober geschlossene Friedensvertrag zwischen Regierung und RENAMO-Rebellen das Land, das ohnehin zu den ärmsten der Erde zählt, zur Ruhe kommen lässt, bleibt abzuwarten.

Pimenta nahm im Juni 1992 zusammen mit sieben weiteren afrikanischen Filmschaffenden an der Tagung "Kinderfilm und Afrika" in Bernried teil, bei der es vor allem um Möglichkeiten künftiger Kinderfilmkoproduktionen zwischen Afrika und Europa ging.

KJK: Worum geht es in Ihrem jüngsten Film?
Pedro Pimenta: "Es ist ein zehnminütiger Dokumentarfilm für das Schweizer Fernsehen. In diesem besonderen Fall haben wir uns mit einer der Haupteinnahmequellen Mozambiques, dem Export von Cashew-Nüssen, beschäftigt. Die Idee war, dem gesamten Prozess vom Baum und den Erntearbeitern über die Verarbeitung in der Fabrik bis zum Export in die Schweiz zu folgen, wo man die Nüsse im Laden kaufen kann. Indem wir diesen Weg beschreiben, stellen wir die Frage: Wie fair ist der Handel zwischen Nord und Süd? Vor etwa fünfzehn Jahren brauchte man eine gewisse Menge von Cashew-Nüssen, um eine bestimmte Menge an Fertigwaren zu importieren. Heute braucht man fünfmal so viele Nüsse, um die gleiche Menge an Fertigprodukten zu erhalten. Es gibt also ein Ungleichgewicht. Das bedeutet: Jemand wird ärmer ..."

Wie schätzen Sie die Perspektiven für mehr Kinderfilmkoproduktionen zwischen afrikanischen Filmemachern und europäischen Partnern ein?
"Ich glaube nicht, dass es beim Kinderfilm eine besondere Lage gibt. Die Frage von Kinderfilmen muss im allgemeinen Rahmen von Koproduktionen zwischen Europa und Afrika gesehen werden. Schwierigkeiten und Probleme gibt es auf beiden Seiten. Man muss realistisch sein und einsehen, dass das Problem größer ist als das des Kinderfilms. Es geht um die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Nord und Süd."

Ist Ihre Produktionsgesellschaft noch staatlich dominiert?
"Nein, sie ist zu 100 Prozent privat. Sie besteht aus mir und drei Filmregisseuren. Wir haben sie vor zwei Jahren (1990) gegründet. Davor haben wir in einer halbstaatlichen Gesellschaft gearbeitet, waren dort aber nicht sehr zufrieden. Jetzt können wir unsere Projekte in einer eigenen Gesellschaft entwickeln."

Es hat ja in den vergangenen Jahren erhebliche politische Veränderungen gegeben. Wie haben sich diese auf das System der Filmproduktion ausgewirkt?
"Sehr ernst. Als die politischen Entscheidungen getroffen wurden, in die Richtung einer sogenannten freien Wirtschaft zu gehen, haben Weltbank und Internationaler Währungsfonds der Regierung zur Auflage gemacht, kulturellen Aktivitäten wie dem Film keine Priorität einzuräumen. Deshalb ist jetzt nur sehr wenig Geld für Filmproduktionen verfügbar. Andererseits erlaubt es den Filmemachern eine größere Unabhängigkeit, erlaubt es ihnen, sich auf ihre Arbeit zu verlassen und nicht auf irgendwelche Entscheidungen von Bürokraten."

Wann haben diese Veränderungen begonnen?
"Ich denke, etwa 1986. Ungefähr zur gleichen Zeit mit Gorbatschow. Zunächst ging es langsam. Aber jetzt haben wir eine total freie Art von kapitalistischer Wirtschaft mit einem Mehrparteien-System, Verfassung, Rede- und Versammlungsfreiheit."

Wie sieht das Fernsehsystem in Mozambique aus?
"Es gibt nur einen Kanal, der dem Staat gehört. Er sieht genauso aus wie jede andere afrikanische TV-Station. Wie eine große Kiste, in die viele Dinge aus der ganzen Welt hineinpassen und nur wenige lokale. Es ist ein Spiegel für den Rest der Welt. Das ist nicht völlig schlecht, denn die Zuschauer kommen in Kontakt mit dem Rest der Welt, aber es schafft eine Art Entfremdung. Denn durch diesen Spiegel können wir uns selbst nicht sehen, unsere Probleme und Fragen. Wie bei allen afrikanischen TV-Stationen stammen 70 bis 80 Prozent des Programms aus dem Ausland. Und dieses ausländische Programm wird normalerweise kostenlos geliefert."

Zeigt diese TV-Station auch regelmäßig Filme aus Mozambique?
"Nein. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen wollen sie nichts zahlen. Sie bekommen ja aus anderen Quellen Gratisprogramme. Aber selbst wenn wir imstande sind, ihnen unsere Filme kostenlos zu geben, schätzen sie unsere Produkte nicht sehr hoch ein. Es ist auch eine Frage des Bewusstseins der Bürokraten, die das Programm zusammenstellen. Für sie ist es leichter, etwas zu senden, das schon fertig abgepackt ankommt. Außerdem haben diese Programmgestalter die Vorstellung, dass einheimische Produkte ganz nett für besondere Tage wären. Wenn zum Beispiel der nationale Gedenktag ansteht, kommen sie und fragen, ob wir nicht einen Film haben, den sie senden können. Wir sind der Ansicht, dass unsere Filme nicht nur für besondere Tage, sondern für das ganze Jahr geeignet sind."

Wer betreibt denn jetzt die Kinos in Mozambique?
"Vor etwa einem Jahr wurde eine Privatisierung von Verleih und Vorführung erlaubt. Seitdem sind einige private Unternehmer in das Geschäft eingestiegen. Früher gab es ein Staatsmonopol. Alle Filme wurden damals vom nationalen Filminstitut an die verschiedenen Vorführstellen verteilt. Damals betrieb man eine Verleihpolitik, indem man eine Balance zwischen verschiedenen Arten und Herkunftsländern der Filme anstrebte. Die privaten Geschäftsleute kümmern sich unglücklicherweise kaum um Filmkultur, sie wollen schnell Geld verdienen."

Woher kommen die meisten Kinofilme?
"Hauptsächlich aus den USA, aus Indien und Hongkong. Kung Fu, indische Soap Operas, Rambo, Van Damme, Exterminator usw. All das wird von einem portugiesischen Verleih hereingebracht, der die portugiesische Sprachfassung all dieser Filme hat."

Wie viele Kinos gibt es in Mozambique?
"75, davon 17 in der Hauptstadt Maputo. Die meisten Kinos gehören mittlerweile Privatleuten."

Koproduzieren Sie auch mit anderen afrikanischen Ländern?
"Wir haben einige Erfahrung mit Angola und Zimbabwe, die ja Nachbarn sind, was einiges leichter macht. Wir haben außerdem Filmemachern in Tanzania und Zimbabwe mit Geräten ausgeholfen. Wir haben aber inzwischen ein neues Konzept ausgearbeitet. Statt zu versuchen, die Staaten, die zur Zeit nicht sehr interessiert am Film sind, zu irgendeiner Form von Kooperationsstruktur zu bewegen, versuchen wir jetzt, eine Vereinigung von unabhängigen Produktions- und Verleihgesellschaften aufzubauen. Sie besteht im Moment aus unserer Gesellschaft, einer in Zimbabwe, Südafrika, Namibia und Angola. Sie heißt 'Southern African Communication of Development'. Das Konzept bezieht nicht nur den Film ein, sondern auch Kommunikation allgemein. Wir haben bereits Unterstützung aus Kanada bekommen, so dass ein zentrales Koordinierungsbüro in Johannesburg eingerichtet werden konnte. An verschiedenen Orten haben wir Workshops abgehalten. Wir bauen jetzt ein Verleih-Netzwerk auf, mit italienischer Unterstützung."

Hat diese Vereinigung auch schon eigene Projekte entwickelt?
"Wir haben ein Produktionsprojekt mit Bezug auf Kinder. Es heißt 'Kinderansichten der Zukunft'. In jedem Land soll ein Film hergestellt werden, der sich mit Kinderproblemen befasst. Diese fünf Filme sollen als Serie finanziert und gezeigt werden."

Welche Projekte wollen Sie selbst als nächstes realisieren?
"Wir leben von Projekten. Wenn wir keine mehr haben, sterben wir. Zurzeit laufen bei uns 22 Filmprojekte zugleich in unterschiedlichem Entwicklungsstand. Es ist eine einfache statistische Folgerung: Wenn man 22 Projekte betreibt, werden vielleicht ein oder zwei tatsächlich realisiert. Bei zweien bin ich optimistisch. Eines davon ist ein 15-minütiges Dokumentardrama. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der von seiner Mutter mit dem letzten Geld der Familie zum Markt geschickt wird, um Essen zu kaufen. Auf dem Markt wird das Kind bestohlen. Ohne Geld und Essen hat es Angst zurückzugehen. Durch die Augen des Kindes versuchen wir die Gesellschaft zu zeigen, in der sie überleben müssen."

Mit Pedro Pimenta sprach Reinhard Kleber

 

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