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Ausgabe 57-1/1994

DIE NACHT – AL LEIL

Produktion: Organisme national du cinéma / Maram for cinema / La Sept, Syrien / Libanon / Frankreich 1992 – Regie und Buch: Mohamed Malas, nach dem Roman "Leuchtreklamen über einer Stadt" von Mohamed Malas – Kamera: Youssef Ben Youssef – Schnitt: Kais Al Zubaidi – Darsteller: Sabah Jazairi, Fares Lahlou, Omar Malas u. a. – Länge: 115 Minuten – Farbe – Weltvertrieb: Hala Yakoub, B.P. 455, F-75527 Paris Cédéx 11 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Ein schwarzes Tuch fällt und enthüllt das protzige Denkmal eines Militärdiktators. Zwei Bilder weiter fällt ein schwarzer Schleier und verbirgt das traurige Gesicht einer gedemütigten Frau. Damit ist die lange Nacht des palästinensischen Volkes besiegelt. Wie die beiden Backen einer Zange umklammert dieses zweimal eingefügte Bild vom Imponiergehabe des Militärchefs, der 1949 durch einen Militärputsch die Macht in Syrien an sich riss, die Filmerzählung "Al Leil" von Mohamed Malas.

Zwei Spielfilme ("Ahlam el Medina" – "Träume von der Stadt" und "Al Leil" – "Die Nacht") sowie ein paar Kurzfilme (darunter der Dokumentarfilm "Al Manam" – "Der Traum" über die Nachtträume von palästinensischen Flüchtlingen im Libanon) hat der syrisch-palästinensische Filmautor Mohamed Malas bis heute realisiert. In seinen Filmen beschäftigt er sich mit der Geschichte und der Demütigung des palästinensischen Volkes in unserem Jahrhundert. Es sind Filme gegen das Vergessen. Von unten her, aus der Sicht und Erinnerung der Menschen, die unter der Politik Englands, Frankreichs oder Israels zu leiden hatten und haben, tritt Malas gegen die Absicht der Machthaber an, die erlebte Geschichte der Menschen auszulöschen und sie durch die im Interesse der Machthaber stehenden Geschichtsversionen und Geschichtsverzerrungen zu ersetzen.

"Al Leil" erzählt von der Suche des Sohnes nach seinem früh gestorbenen Vater, einem kompromisslosen Kämpfer für den aufrechten Gang des palästinensischen Volkes. Sein Grab liegt inmitten der von der israelischen Armee zerstörten Stadt Kuneitra. Das Kind ist Mohamed Malas; in seinem Film erinnert er sich an den Vater, an die Erzählungen seiner Mutter und an das Alltagsleben im Kuneitra der späten dreißiger und vierziger Jahre. Es ist die Zeit der weltpolitischen Machtspiele, des politischen Unvermögens der Kolonialmächte Frankreich und England und der Proklamation des israelischen Staates. "Al Leil" ist – wie schon Malas' erster Spielfilm "Ahlam el Medina" – aus der Erkenntnis gewachsen, dass Erlebtes und Geschichte, Privates und Politik untrennbar und womöglich unversöhnlich ineinander verflochten sind. Mohamed Malas fügt Elemente seiner Erinnerung und der Erinnerung anderer Menschen elliptisch zu einem Kaleidoskop aus archaischen Bildern und sinnlichen Tönen. Entstanden ist eine filmisch packende Hommage an den toten Vater, die historisch-politisches Gewicht erreicht, indem sie dem palästinensischen Volk seine Würde zurückgibt. Nicht die Väter stehen in diesem Film über eine vaterlos gemachte Gesellschaft im Vordergrund, sondern die Frauen und Mütter, die Malas von ihrem Joch befreit.

"Al Leil" ist gebaut wie ein Traum: Assoziativ löst Mohamed Malas Bilder und Töne aus dem linearen Ablauf der Ereignisse heraus und fügt sie zu einem neuen Kontext. Nicht die dokumentarische Nähe und Treue des Chronisten gegenüber den Ereignissen steht im Vordergrund, sondern die sinnliche Verdichtung des orientalischen Erzählers, der uns durch bildhafte, traumverwandte Überhöhungen seine Wahrnehmung von Geschichte und Gegenwart mitteilt. Dabei versteht Mohamed Malas die Mechanik und die Bedeutung des Traums im mythologischen Sinn, als Quelle kollektiver sinnlicher Wahrnehmung und Geschichtsschreibung. Vielschichtig in der Wahrnehmung von Geschichte ist "Al Leil" auch in den narrativen Sequenzen. Mohamed Malas Einstellungen sind sorgfältig konstruiert und zeichnen sich durch eine große Tiefenschärfe aus. In vielen Einstellungen spielen sich auf verschiedenen optischen Ebenen mehrere Handlungen ab, die manchmal zeitgleich und manchmal zeitverschoben zu interpretieren sind und unser westliches Zeit- und Kausalitätsverständnis in Frage stellen. In einer langen Plansequenz zu Beginn des Films sehen wir die Mutter des Erzählers zuerst durch das Fenster eines intakten Hauses schauen, daraufhin fährt die Kamera ins Haus, zeigt uns die Mutter im Innern des Hauses, dessen Böden von Gras bewachsen sind, dreht sich einer Mauer folgend zu einem anderen Zimmer, in das die Mutter jetzt anders bekleidet eintritt, um Zeugin der in sich zusammenfallenden Mauern zu werden.

Es spricht für die Qualität des Films, dass solche Einstellungen und Sequenzen – ob in ihrer Funktion narrativ oder beschreibend – trotz der arabischen Bildzeichen auch beim Publikum außerhalb des Orients präzise wahrgenommen werden. "Al Leil" ist ein Beweis dafür, dass ein packender Film sehr wohl kompromisslos in der kulturellen Identität eines Volkes verwurzelt sein soll und nicht mit international nivellierten Bildern arbeiten muss. Mohamed Malas' Film wirkt befreiend auf unsere vom medialen Einheitsbrei verunreinigten Sinne.

Robert Richter

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 57-1/1994 - Interview - "Das Gedächtnis ist das Ausgangsmaterial für meine Arbeit"

 

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