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Ausgabe 74-2/1998

"Ein Kind auf der Suche nach dem Vater"

Gespräch mit René Heisig, Drehbuchautor und Regisseur

(Interview zum Film PAULS REISE)

KJK: Liegt Ihrem Film "Pauls Reise" ein Originalstoff zugrunde?
Rene Heisig: "Der Film beruht auf eigenen Erfahrungen. Ich bin in meinem Bekanntenkreis auf das Thema 'Krebs' gestoßen und habe dabei festgestellt, dass viele Familien an dieser Krise zerbrechen bzw. es für sie schwierig ist, gemeinsam einen Weg zu finden, dieses existenzielle Problem zu lösen. Außerdem wurde ich auch durch die Organisation 'Herzenswünsche' angeregt, die schwerkranken Kindern Wünsche erfüllt, die unter normalen Umständen nicht erfüllbar wären. 'Pauls Reise' beruht aber auch auf persönlichen Recherchen in den entsprechenden Krankenhäusern. Dabei war ich vor allem von der Atmosphäre in den Krankenstationen, vom Engagement der Ärzte, dem Verhalten der Eltern und von der Ernsthaftigkeit der Kinder angetan, die manchmal sogar ihre Eltern trösten und mit dem Schicksalsschlag besser zurechtkommen. Die Stärke der Kinder hat mich besonders beeindruckt. Die Krankheit bildet also den Hintergrund für das Hauptthema: 'Ein Kind auf der Suche nach dem Vater'."

Wie brachten Sie die einzelnen persönlichen Erfahrungen in ein Drehbuch bzw. in den Film?
"Ich wollte von dem Wunsch und der Kraft eines Kindes erzählen, das in der Lage ist, die Dinge in seinem Sinn zu verändern. Ein Kind, das sehr viel mehr in der Gegenwart lebt als die Erwachsenen. Weiter ging es mir darum, in eine Familienkonfliktsituation reinzuschauen und vor allem einen Jungen zu beschreiben, der versucht, seinen Vater zurückzubekommen, den er bereits aufgrund der Familienverhältnisse verloren hatte. Das Tröstliche an der Geschichte ist, dass es dem Jungen gelingt, seinen Wunsch zu realisieren, dass er mit seinem Vater etwas erlebt, was ihnen niemand mehr nehmen kann. Eine Erinnerung, die über den Moment hinausragt."

Für welche Adressaten ist der Film besonders geeignet?
"Ich habe bei der Umsetzung der Geschichte nicht daran gedacht, welche Zuschauerschichten besonders angesprochen werden können. Ich bin an die Realisation des Films mit dem Bewusstsein gegangen, darzustellen, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene mit solchen Schicksalsschlägen umgehen bzw. fertig werden können, wie Kinder sich mit dem Tod beschäftigen. Es gab also keinen speziellen Adressaten. Die Geschichte hat mich interessiert. Der Film hat ein Erfolgspotenzial, weil er auf unsentimentale Weise eine emotional ergreifende Geschichte erzählt. Aber es ist insgesamt ein ruhiger Film, der in langsamen Schritten eine Annäherung zwischen Vater und Sohn beschreibt. Ob das Publikum sich darauf einlässt, werden die öffentlichen Aufführungen zeigen. Es ist ein Film, der Kinder, Jugendliche und Erwachsene in gleicher Weise ansprechen kann, der eine Familiengeschichte erzählt; Familien, die auseinander brechen, Kinder, die ihre Väter suchen, Kinder, die mit ihrer Rolle nicht fertig werden, die weglaufen und wiederkommen. Es ist ein allgemein gültiges Thema.

"Pauls Reise" ist ein Familienfilm, ist es auch ein Kinderfilm?
"Die Frage ist, was man unter einem Kinderfilm versteht. Nachdem aus der Sicht eines Kindes erzählt wird, ist es auch ein Kinderfilm. Gleichaltrige Kinder können sich mit der Hauptfigur identifizieren, z. B in dem Punkt, wo der Junge um die Aufmerksamkeit seiner Eltern kämpft. Die Krankheit ist zwar ein Thema, aber das Hauptthema ist die Suche eines Kindes nach seinem Vater. Durch Krankheit bekommt die Suche eine 'tragische Größe'. Es gibt zwei Arten, wie man den Film anschauen kann: aus der Sicht des Kindes, das alle Hebel in Bewegung setzt, um seinen Traum zu erfüllen, und aus der Sicht des Vaters, der zunächst mit der Situation nicht zurechtkommt, sich verweigert, bis er selber merkt, dass er seinen Sohn liebt, dass er als Vater gebraucht wird. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Es gibt also zwei Perspektiven: die des Sohnes und die Vaters."

Wie entstand der Film?
"'Pauls Reise' ist mein Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), München. Weil er größer angelegt war, als es normalerweise der Fall ist, wurde der Film wesentlich außerhalb der Hochschule entwickelt. Ich habe angefangen, das Buch zu schreiben und habe dann eine erste Fassung an der Hochschule vorgelegt. Aufgrund der Geschichte war damals schon klar, dass das kein Kurzfilm wird. Über die HFF kam der erste Kontakt zum SWF zustande. Nach einer Koproduktionszusage des SWF stellte ich einen Antrag an das Kuratorium junger deutscher Film, und nach dieser Zusage war klar, dass das Buch umgeschrieben werden musste. Das habe ich ziemlich allein getan, in Zusammenarbeit mit dem SWF und einem begleitenden freien Drehbuchautoren, der zu bestimmten Phasen dazu gezogen worden ist. Die Beteiligung des Drehbuchautoren geschah auf privater Initiative. Die Abfassung des Drehbuchs nahm zwei Jahre in Anspruch. Zu einem späteren Zeitpunkt kam die Produktionsgesellschaft AVISTA FILM (Rimbach) hinzu. AVISTA FILM ist dafür bekannt geworden, dass sie Erstlings- und Abschlussfilme mitproduziert. Später kamen noch der BR, FilmFernsehFonds Bayern, Filmförderung Baden-Württemberg und Arte hinzu. Die gesamten Produktionskosten beliefen sich auf ca. zwei Millionen Mark."

Welche Vorstellungen hatten Sie für die Besetzung der Rollen?
"Für die Hauptrolle hatte ich von Anfang Peter Lohmeyer im Auge, der den Vater spielen sollte, der auch schließlich zugesagt hat. Eine ideale Besetzung für diese Rolle. Er spielt den Vater aus einer Mischung von Laxheit und Ernsthaftigkeit. Wesentlich schwieriger war es, den Jungen zu besetzen. Dazu habe ich verschiedene Filme gesehen, die ähnliche Kindheitsgeschichten zum Inhalt hatten, z. B. 'Sie küssten und sie schlugen ihn' von François Truffaut oder 'Gestohlene Kinder' von Gianni Amelio. Ich habe ca. 200 Kinder getestet. Wir haben alle Möglichkeiten (Agenturen, Zeitungsanzeigen etc.) genutzt, um die Hauptfigur zu finden. Den Jungen haben wir durch einen Aufruf im BR gefunden. Ein wichtiger Schritt war auch zu prüfen, ob die Hauptdarsteller miteinander zurechtkommen. Peter Lohmeyer hat bereits mit Kindern gedreht. Er hat auch einen Bezug zu der Rolle entwickelt, die er zu spielen hatte."

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten?
"Gedreht haben wir im Spätsommer 1997. Der Junge Nico kommt aus der Nähe von München und ist Internatsschüler. Trotzdem er Legastheniker ist, war er sehr textsicher. Ein Kind spielt nicht, es kann sich mehr oder weniger selber spielen. Der Junge hatte keine schauspielerischen Vorerfahrungen. Dadurch ist er sehr natürlich. Ein Drittel der Drehzeit arbeiteten wir in Deutschland und zwei Drittel in Frankreich. Mit den Eltern sind wir übereingekommen, dass es besser für das Kind ist, wenn die Eltern bei den Dreharbeiten nicht direkt dabei sind. Außerdem wurde der Junge durch eine Kinderbetreuerin ganztägig betreut. Für Nicos Entwicklung waren die Dreharbeiten ein wichtiger Schritt zur Selbstständigkeit. Wir haben auch sehr darauf geachtet, dass er später keine schulischen Schwierigkeiten hatte."

Wie haben Sie das Problem der "Arbeitszeit" gelöst?
"Das Kind wurde erst an den Drehort geholt, nachdem die Szene drehfertig war. Die Textproben gingen wir abends im Hotel beim Abendessen durch. So wurde die Beanspruchung von Nico auf das Notwendigste beschränkt."

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?
"Ich warte den Start meines Filmes ab. Danach plane ich konkret weiter."

Interview: Hans Strobel

 

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