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Ausgabe 81-1/2000

Zehn Jahre nach dem Mauerfall – Drei deutsche Filme

HELDEN WIE WIR – in der SONNENALLEE und in Zschopau, wo es heißt: WIR MACHEN WEITER

(Hintergrund zum Film WIR MACHEN WEITER, zum Film SONNENALLEE und zum Film HELDEN WIE WIR)

20. August 1968: Draußen dröhnen sowjetische Panzer vorbei in Richtung Prag, drinnen im Gasthof presst eine Frau ihr Kind auf die Welt. Eine Hoffnung wird zerschlagen, eine andere geboren. Klaus heißt der Knabe, dessen Geschlecht bei der Geburt nicht richtig zu erkennen ist. Diese Verklemmung zieht sich durch das Leben des Kindes. Klaus Uhltzscht wächst in einem Plattenbau Berlin-Ost als Einzelkind einer emotional unterentwickelten Hygieneinspektorin auf, die beim kleinsten Krümel mit ihrem spuckefeuchten Taschentuch zur Stelle ist, und eines Bier trinkenden, maulfaulen Vaters, der bei der Stasi arbeitet. Aber das weiß das Kind noch nicht, wie vieles andere nicht. Warum es beispielsweise eine Ohrfeige bekommt, nur weil es notiert hat, was im Haus gegenüber vorgeht. Oder weil es ihm in der Hose kribbelt, wenn die hübsche Lipsi-Sängerin im Fernsehen auftritt. Er fragt nichts, passt sich an, und fällt doch auf – weil er nicht richtig schwimmen kann und auch nicht richtig weit pinkeln. Demütigende Momente in einem Alltag, der bunt ist wie ein Orwo-Film: Da leuchtet nichts. Als Yvonne in die Klasse kommt, verändert sich das Leben des kleinen Klaus, bekommt Farbe. Yvonne träumt vom Land der Windmühlen und Tulpen – aber davon darf man nicht träumen, denn Holland ist ein blaues Land, feindliches kapitalistisches Ausland. Nur rote Länder sind gute Länder, weiß Klaus aus dem Schulunterricht. Yvonne pfeift darauf, also malt Klaus für sie die Landkarte um. Nach den großen Ferien ist Yvonne nicht mehr da – fortgezogen.

Klaus wird irgendwie groß ohne dem Leben etwas abzutrotzen. Dem Angebot der Stasi hat er nichts entgegen zu setzen. Die Aussicht, als "Romeo" tolle Nato-Sekretärinnen im Ausland zu erobern, beflügelt seine verschwiemelte sexuelle Fantasie. Der Stasi-Arbeitstag ist eine Farce: beobachten, notieren, und gar nicht wissen, wen und warum. Das kindliche Hobby ist Beruf geworden. Mit dem Satz "Jedes Blatt Papier ist ein potenzielles Flugblatt" macht er unerwartet Furore. Erst bei der Stasi, dann bei Yvonne, die er zufällig wiedergetroffen hat und die der Dissidentenszene angehört. Klaus knüpft an die Kinderfreundschaft, bringt Tulpen, spricht über Gefühle – und seinen Beruf. Yvonne wendet sich ab. Als sie und ihre Freunde im U-Bahnhof festgenommen werden sollen, wird Klaus Uhltzscht zum Helden. Endlich! Es passiert noch einiges bis zum märchenhaften Filmende: Klaus und Yvonne im Land der Windmühlen, in einem bis zum Horizont reichenden Tulpenfeld, so rot war vorher noch kein Land.

Sebastian Petersons Regiedebüt (er kommt aus Hamburg) "Helden wie wir" nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von Thomas Brussig (Ostberlin) ist nicht so wie die Filmwerbung suggeriert, dass da ein Alltagsheld allein mit seinem Penis die Mauer geöffnet hat. Die Szene, die zur Erstarkung von Klaus' Männlichkeit führt, ist bizarr, fällt irgendwie heraus aus diesem Film über die Deutsche Demokratische Republik, die seit zehn Jahren nicht mehr existiert. Wo jeder seinen Platz hatte. Auch Klaus, der sich in einem Vakuum zurechtzufinden versucht, der mitläuft, weil er gar nichts Anderes kennt. Die Szenen der Kindheit berühren, legen eigene Empfindungen frei, Ausstattung und Drehorte stimmen. Der Regisseur verzichtet darauf, das System und die mitlaufenden Spießer lächerlich zu machen, sondern zeigt den Staat in seiner Lächerlichkeit, denunziert nicht, sondern lässt Klaus, dem Helden, seine Würde auch in unwürdigen Situationen.

Klaus ist keiner aus der "Sonnenallee" (so der Titel des anderen Berlin-Films von Leander Haußmann), wo all die schrägen, schrillen Typen wohnen, die das System durchblicken und sich darüber lustig machen. Die sich nach Allem sehnen, was nach Westen aussieht, riecht oder anhört. Sie haben's schon drauf, das zweigeteilte Leben, das realsozialistische und das private. Wie die Eltern, die diese Spaltung zur Perfektion gebracht haben: Zu Hause Westfernsehen und über den Staat meckern, offiziell zu Munde reden und schön tun. Doch Mischa, Mario, Wuschel und Brötchen haben noch Träume – erotische feuchte Sehnsuchtsträume nach Miriam, dem blonden Engel aus der Nachbarschaft, oder Sabrina, die freizügige Dunkelhaarige. Im Jugendklub ist die Clique der Siebzehnjährigen ziemlich dicht dran an den Traummädels. Aber dann kommt der Supermann aus Westberlin, cool, mit langen Haaren, verwaschenem T-Shirt und echten Jeans, vor der Tür parkt das Cabrio. Miriam ist hin – aber nicht weg. Denn das kann sie nicht, wie all die Anderen in der Sonnenallee, einer Straße, die durch die Mauer in Ostberlin zur Sackgasse geworden ist.

Theaterregisseur Leander Haußmann, Star der Volksbühne in Ostberlin, hat in seinem ersten Spielfilm einen Mikrokosmos der Berliner Grenzsituation aus östlicher Sicht hingebaut, formal nicht ganz richtig, aber emotional stimmig. Busse mit Ausländern kommen in den Osten, Händler, Dealer, Rockmusikfälscher, beargwöhnt von einem Abschnittsbevollmächtigten in Vopo-Uniform, der für die Clique natürlich das Objekt des Spotts ist. Thomas Brussig hat an dem Drehbuch mitgeschrieben, ist dann aber vom fertigen Film "Sonnenallee" abgerückt, nicht aber von "Helden wie wir".

"Sonnenallee" spielt in den 70er-Jahren, eine Nummernrevue in wechselnden Kulissen, ein zorniges, buntes, (selbst)ironisches Spektakel. Aus den Fugen geratene Partys, spießige Wohnzimmer, aufregende Straßenlandschaften, Schulszenen mit internationalen Freundschaftsdemonstrationen. Wir sehen Heranwachsende und deren ganz persönlichen Nöte, die an den einengenden Lebensbedingungen abprallen. Für Ostdeutsche, die damals jung waren, ist "Sonnenallee" ein witziger Kinospaß und melancholische Rückbesinnung. Für Westdeutsche ein Vergnügen, das zeigt, auch im Osten konnte man leben. Der wilde Osten – ein spannender Ort mit all den Schikanen und Widersprüchen, denen Mario und Sabrina den Existenzialismus der 60er entgegen setzen, freie Liebe, freies Denken. Hier war das wirklich sensationell. Mischa, kommentierende Hauptfigur des Films, bekommt zum Schluss seine Miriam. Als die Beiden im Bett liegen, gibt es nichts Anderes mehr um sie herum. Der letzte Satz im Film schlittert am Kitsch vorbei und trifft ins Herz: "Es war die schönste Zeit unseres Lebens. Denn wir waren jung und wir waren verliebt."

Wolfgang Ettlichs Dokumentarfilm "Wir machen weiter" beginnt, wo "Sonnenallee" und "Helden wie wir" aufhören: Im November 1989 mit dem Mauerfall. Nicht Berlin war das Ziel der Münchner Filmemacher, sondern Zschopau, jener Ort, der Berlinreisenden über Jahrzehnte geläufig war, "Plaste und Elaste aus Zschopau", die Reklame an der Autobahn. Durch Zufall lernte Ettlich die Familie Schütze kennen. Vater Jürgen war da noch Leiter eines HO-Ladens für Obst und Gemüse und einer der ersten, der die "freie Marktwirtschaft" als große Chance begriff. Sein Ziel war Geld verdienen im eigenen Laden "Frucht Schütze". Mit Enthusiasmus gingen Karin und Jürgen Schütze an die Arbeit, kauften Südfrüchte im Westen, verkauften sie noch vor der Währungsreform in Zschopau für Westgeld. Nach dem ersten Wochenendverkauf das große Glücksgefühl: Die Kasse voller Geld und Schützes im Rausch wie Onkel Dagobert, der im Geld schwimmt. So glücklich sollten sie nie wieder sein. Von nun an hieß es immer am Ball bleiben. Es wurden Kredite aufgenommen, der Laden modernisiert, ein anderer kam dazu, ein Haus wurde gekauft, Schützes mussten rechnen – es musste sich rechnen. Rechnete sich aber nicht. Wie auch, wenn Jürgen Schütze immer wieder die Preise runtersetzte, um die Kundschaft von der Konkurrenz wegzulocken. Rückschläge häuften sich, Zeit fürs Privatleben blieb nicht, die kleine Tochter wurde vernachlässigt.

Eine schwierige Situation auch für die Filmemacher, denen oft angst und bange wurde, wenn sie erfuhren, worauf die Schützes sich wieder eingelassen hatten, um aus dem Schuldenberg herauszukommen. "Wir machen weiter", sagen die Schützes, weil sie gar nicht anders können.

Diese Langzeitdokumentation über zehn Jahre vermittelt mehr über die Unterschiedlichkeit der beiden deutschen Staaten als es jeder Spielfilm kann. Die Freude, mit der sich das Ehepaar in die freie Marktwirtschaft stürzt, ist von entwaffnender Naivität. Das kann nicht gut gehen. Schützes werden ausgenutzt, übers Ohr gehauen, betrogen – nicht nur von den "Wessis". Auf die Idee, einen ausgetüftelten Konkurs hinzulegen, kommen die Schützes nicht. Sie ackern weiter, der Preis, den sie zahlen, ist hoch. Zu hoch. Zehn Jahre in 108 Minuten, das ist faszinierend, allein die sichtbare Veränderung. Anfangs die fröhliche Unbeschwertheit, die Freude am neuen Auto, am Motorrad, am neuen Outfit. Dann der Stress als Kleinunternehmer. Es entsteht Mitgefühl mit diesen Helden des Alltags, die sich nicht unterkriegen lassen. Man wünscht ihnen einfach nur Ruhe und Glück.

"Ausgerechnet Bananen" ist der Titel des ersten Films über die Schützes, der die Jahre von 1989 bis 1991 umfasst (ebenfalls im Verleih). Wolfgang Ettlich hat nicht vor, seine Filmarbeit in Zschopau fortzusetzen. Eine gute Entscheidung, denn zu ausgedehnte filmische Langzeitdokumentationen verlieren an Kraft und Ursprünglichkeit, wie die jüngsten Geschichten der "Kinder von Golzow" von Winfried und Barbara Junge zeigen.

"Helden wie wir", "Sonnenallee", "Wir machen weiter" – alle drei Filme sind "Deutschstunden" wie sie kein Lehrbuch bieten kann, lebendig, authentisch, überzeugend visualisiert – jeder auf seine Weise.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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