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Ausgabe 81-1/2000

DER ONKEL VOM MEER

Produktion: Silvia Filmproduktion / Tiger TV, Film- und Fernsehproduktion / SF DRS / SWR; Schweiz / Deutschland 1999 – Regie: Marie-Louise Bless – Buch: Marie-Louise Bless, Ralf Zöller – Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein – Schnitt: Regina Bärtschi – Musik: Hans Reffert – Darsteller: Ana Xandry, Robin Dreja, Agnes Dünneisen, Giselle Vesco u. a. – Länge: 89 Min. Farbe – Verleih: Buena Vista; in der Schweiz: Filmcooperative – Altersempfehlung: ab 14 J.

Anfang der 60er-Jahre in der deutschsprachigen Schweiz. Die elfjährige Lisa sitzt im Zug. Die Reise mit ihrem jüngeren Bruder Willy zum Schiff von Onkel Franz wird für Lisa zur Flucht vor den vielen Ereignissen dieses Sommers. Sie hat alle anderen zurückgelassen im Arbeiterquartier: die etwas verrückte Oma, die ins Altersheim soll, weil die Tochter, Lisas hübsche Mutter, die als Kellnerin arbeitet, den biederen Handwerker Albert heiraten will. Die Indianerbande aus der Nachbarschaft, bei der es Lisa schaffte, als einziges Mädchen aufgenommen zu werden. Auch der junge italienische Schuhmacher Antonio zählt dazu, der bei Lisa seltsame neue Gefühle geweckt hat: Das kesse Mädel hat Antonio nicht nur beim Baden heimlich beobachtet, sondern auf einem Tanzabend eine Schlägerei unter den Gästen und einen heftigen Streit mit der Mutter ausgelöst, als sie Antonio einfach zum Tanzen aufforderte. Was ihr jedoch noch lange zu schaffen macht, ist die Erinnerung an den früher bewunderten Onkel Franz, einen tüchtigen Seemann, der nur hin und wieder von seinen langen Reisen heimkam und den Duft der großen weiten Welt mitbrachte. Ausgerechnet Franz fällt jedoch eines Morgens nach einer solchen Rückkehr mit eindeutigen Absichten über das im Bett liegende Mädchen her. Im heftigen Handgemenge bekommt Lisa ein Messer zu greifen, das sie ihm in den Bauch stößt. Mit der tödlich endenden Notwehr schließt sich der Kreis zu der Bahnreise des Filmbeginns.

Die 1951 in Walenstadt geborene schweizerische Regisseurin Marie-Louise Bless hat nach einem Studium an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film vorwiegend als Regieassistentin gearbeitet und zwei Kurzfilme gedreht. Mit dem Familiendrama "Der Onkel vom Meer" hat sie nun ein beachtliches, stilsicheres Regiedebüt vorgelegt.

Die sorgfältige Ausstattung macht das ärmliche, aber auch geruhsame Leben der Familie in einem Arbeitermilieu anschaulich. Bis in die Nebenrollen hinein hatte Bless eine glückliche Hand bei der Besetzung, so etwa bei der kleinen Hauptdarstellerin, die mit ihren ausdrucksstarken Augen und ihrem zeittypischen Bubikopf die Großaufnahmen beherrscht. Heimlicher Star der sensiblen Inszenierung ist jedoch die Darstellerin der Oma, einer überzeugten Kommunistin, die mit ihren respektlosen Sprüchen immer wieder aneckt.

Bis zur gewaltsamen Schlusswendung mutet der eher nostalgisch gestimmte Film mit seinen schweizerdeutschen Dialogen wie eine deftig-burleske Familien- und Kindheitschronik an. Ob nun die kleinen Reibereien zwischen den Geschwistern, die distanzierte Haltung Lisas gegenüber Albert, die Spannungen zwischen Mutter und Tochter sowie zwischen Mutter und Großmutter oder die handfesten Rangeleien mit den Nachbarjungen, alles wird liebevoll und treffend aus der Kinderperspektive geschildert. Für humoristische Einlagen bzw. eine Portion Ironie sorgen vor allem der naive kleine Willy und die schrullige Oma, die gern zur Flasche greift und vor einem Mao-Foto an der Wand mit Inbrunst die Internationale anstimmt. Nur die traumhaften Aufnahmen des Mädchens, das glücklich über eine blühende Wiese läuft, und die Reflexionen Lisas am Zugfenster widersetzen sich dem Trend zur Idyllisierung. Den Schrecken, den diese beiden szenischen Elemente andeuten, enthüllt die Regisseurin, die zusammen mit Ralf Zöller das Buch schrieb, aber erst ganz am Schluss. Gerade im Hinblick auf jüngere Zuschauer ist das problematisch, entlässt sie der Film doch ohne eine Lösung des Konflikts oder wenigstens die greifbare Aussicht auf eine Bewältigung des traumatischen Erlebnisses.

Reinhard Kleber

 

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