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Ausgabe 81-1/2000

SCHLARAFFENLAND

Produktion: Hager Moss Film / Seven Pictures / Babelsberg; Deutschland 1999 – Regie: Friedemann Fromm – Buch: Christoph Fromm – Kamera: Jo Heim – Schnitt: Eva Schnare – Musik: Manu Kurz – Darsteller: Heiner Lauterbach (Mark Popp), Franka Potente (Mona Wendt), Jürgen Tarrach (Wolfi Berner), Roman Knizka (Michi Holzner), Ken Duken (Laser), Susanne Bormann (Lana) u. a.- Länge: 114 Min. – Farbe – FSK: ab 16 – Verleih: Buena Vista – Alterseignung: ab 16 J.

Ein riesiges Einkaufszentrum dient in Friedemann Fromms erstem Kinospielfilm "Schlaraffenland" als paradiesische Spielwiese für sieben Jugendliche, die sich am Weihnachtsabend auf der Suche nach dem ultimativen Party-Kick einschließen lassen, um so richtig zu schlemmen und auf die Pauke zu hauen. Was sie bei ihrer wilden Konsumorgie nicht wissen können: Die Einnahmen des Weihnachtsgeschäfts wurden wegen eines technischen Defekts nicht abgeholt. Deshalb treffen bald mehrere Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes ein, die den Konsumtempel über's Wochenende bewachen sollen. Als Popp, der Chef der Wachleute, vom Treiben der jungen 'Einbrecher' erfährt, entwickelt er einen tückischen Plan: Zusammen mit einem jungen Assistenten will er die Millionen aus dem Tresor rauben und die Tat den Jugendlichen in die Schuhe schieben. Rasch kommt es zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Friedemann Fromm versteht "Schlaraffenland", dessen Buch sein älterer Bruder Christoph schrieb, als "einen kompromisslosen Kinostoff – aktuell in seiner Auseinandersetzung mit der Entstehung von Gewalt und brisant als Porträt einer Generation". So bricht der Kampf in der Spielzeugabteilung denn auch aufgrund einer Fehlinformation aus: Die Kids greifen zwei der Schwarzen Sheriffs mit Waffengewalt an, weil sie glauben, dass das Mädchen Pia durch deren Schuld vom Dach des Zentrums zu Tode gestürzt ist.

Fromm, der zuvor sieben TV-Filme gedreht hat, wollte in seiner streckenweise rasanten Inszenierung "deutlich machen, dass auch die Täter Opfer der Gewalt sind, die sie lostreten". Grundsätzlich rühre Gewalt vor allem "aus der Unfähigkeit her, mit schmerzhaften Gefühlen umzugehen" sagte der 36-Jährige in einem Interview. Speziell für Jugendliche biete sie eine "Fluchtmöglichkeit". In der Inszenierung schaukele sich, so Fromm weiter, die Gewalt zu dem durch Einflüsse der Gruppendynamik hoch: "Das ist wie eine Lawine, die sie nicht mehr stoppen können." Im Gegensatz dazu kommt die Gewalt bei den Erwachsenen im Film vorwiegend "aus der Gier und der Abstumpfung gegenüber Gewalt".

Bei allem Verständnis für das gut gemeinte Anliegen – das Endprodukt, ein überzeichnetes und unglaubwürdiges Porträt fehlgeleiteter Kids und vom großen Geld verleiteter Wachmänner, wird dem Anspruch in keiner Weise gerecht. Statt Struktur und Herkunft der gesellschaftlichen und individuellen Gewalt zu analysieren, erliegt Fromm selbst der Faszination der dargestellten Gewalt. Schon das Drehbuch des hochgeputschten Action-Streifens mit einer platten Konsumkritik enthält grobe Fehler. Die zumeist hölzernen und krampfhaft auf jugendlich getrimmten Dialoge erreichen ihren Tiefpunkt, als Laser seine krebskranke Mutter im Krankenhaus besucht und ihr auch noch Geld stiehlt. Besonders ärgerlich ist die klischeehafte Dämonisierung des Popp, den Heiner Lauterbach als grenzenlos hinterlistigen Bösewicht spielen muss.

Schlimmer noch: Von der Anlehnung an eine oberflächliche Videoclip-Ästhetik und dem lärmigen Soundtrack einmal abgesehen, verhindert Fromm systematisch eine Identifizierung mit den jungen Protagonisten, indem sie nach dem Prinzip der zehn kleinen Negerlein nach und nach – überspitzt ausgedrückt – 'ausgeknipst' werden. Der sich hochschaukelnden Gewaltwelle fallen sechs Menschen zum Opfer, nur fünf Beteiligte überleben das Gemetzel. Skandalös ist vor allem die Schluss-Szene: Da zündet Laser, der Anführer der Kids, einen Haufen Geldscheine an, die um den schwer verletzten Oberbösewicht Popp herum liegen. Während das bewegungsunfähige Opfer wohl bei lebendigem Leibe verbrennt, zieht Laser die Metalltür zu. Die überlebenden Jugendlichen und Mona sehen tatenlos zu. Angesichts dieses frappierenden Zynismus braucht man sich nicht zu wundern, wenn innerlich ungefestigte junge Zuschauer dies als Aufforderung zur Lynchjustiz verstehen.

Da fragt man sich doch: Wie konnte das passieren? Haben die Filmförderer von Filmstiftung NRW, FFF Bayern, Filmboard Berlin-Brandenburg, FFA und EU-Media II die offensichtliche Gefahr der Gewaltverherrlichung schlicht übersehen? Oder haben sie das Drehbuch nicht bis zu Ende gelesen? Und wie kommt die Filmbewertungsstelle dazu, das Prädikat "besonders wertvoll" zu vergeben? Mit einem Budget von rund elf Millionen Mark war Fromms Kinodebüt einer der teuersten deutschen Filme des Jahres 1999. Auch ein finanzstarker Verleih wie Buena Vista konnte nicht verhindern, dass dieses hoch spekulative und bezeichnenderweise erst ab 16 Jahren freigegebene Produkt an der Kinokasse scheiterte: Mit 138 Kopien im November gestartet, war "Schlaraffenland" schon nach zwei Wochen und mit nur knapp 33.000 Besuchern gottlob von den Leinwänden verschwunden. Das Positive daran: Der grandiose Flop beweist einmal mehr, dass sich die Zuschauer, vor allem die jungen, doch nicht so leicht für dumm verkaufen lassen.

Reinhard Kleber

 

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