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Ausgabe 59-3/1994

"Die letzten kalten Tage"

(Film in der Diskussion zum Film DIE LETZTEN KALTEN TAGE)

Die letzten kalten Tage eines "Großen Krieges". Kasachstan 1945. Bilder, die immer wiederkehren: Ein Frontsoldat wird erschlagen – Heimkehrer – der Rucksack geraubt; frische Särge auf einem kamelbespannten Karren; ein Stück Brot wird vom Teller gerissen – Mundraub. Entsetzte Kinderaugen ... Die Bilder sind erschreckend. Unsagbarer Hunger, gnadenloser Kampf ums "täglich Brot", ums nackte Überleben, zwingt Kinder, Normen und Gesetze zu vergessen. Bilder und Gesichter, die man nicht vergisst.

Vladik und Mascha – ein Geschwisterpaar – sind vor den heranrückenden Armeen der faschistischen Wehrmacht aus Minsk (Belorussland) ins ferne Kasachstan, damals noch eine Völkergemeinschaft, evakuiert worden. Der Vater ist an der Front gefallen. Die Mutter liegt im Krankenhaus. Vladik und Mascha müssen sich allein durchschlagen. Ins Kinderheim wollen sie nicht, hoffen auf baldige Genesung der Mutter. Mascha hat die Brotkarten verloren – unabdingbare Lebensgrundlage in Zeiten des Krieges – und das gesamte Geld. Hunger bis zur Ohnmacht. Vladik, als Schakal beschimpft und gejagt, geht ständig auf Betteltour und Raub, und an die Mutter schreiben sie Briefe: Mach Dir keine Sorgen, uns geht es gut, die Tante hat uns mit Sülze vollgefüttert ... Lüge um des Lebens willen. Als Vladik den letzten Brief ins Krankenhaus bringt, erfährt er vom Tod der Mutter. Er muss seinen Schmerz allein tragen. Da ist Maschinka, die kleine Schwester, und die darf vom Tod der Mutter nichts erfahren. Vladik ist am Ende.

Akehzan – gleichaltriger Kasache, hat noch Haus und Mutter, war Zeuge des Brotraubes damals – hat harte Fragen an Vladik und bietet Freundschaft. Kindliche Solidarität und Hilfe: der Russe, der Kasache ... Und die kleine Mascha erinnert sich an einen warmen Sommerregen in Minsk, will auf keinen Fall das Bügeleisen auf dem Markt gegen Brot eintauschen. Wie soll denn dann die Mutter Vladiks Hosen bügeln und ihr Kleid? ... Kindliche Hoffnung. Starker Glaube an die eigene Kraft und an die Zukunft.

Die Siegesfeier ist bescheiden. Harmonikamusik. Ein Frontheimkehrer wird von Frauenarmen in die Luft geworfen. Mascha und Vladik werden ins Kinderheim aufgenommen. Frieden! Der Speisesaal im Dorf ist leer und kalt. An den nackten Holztischen sitzen sich zwei gegenüber: Akehzan und der Junge mit den großen hungrigen Augen. Akehzan löffelt den Rest der Suppe, sein Gegenüber hat seine Schüssel schon leer und giert nach den Kanten Brot in Akehzans Hand: "Lass etwas übrig ... Wenn Du kannst ..." Da ist Hoffnung, Verzweiflung, Forderung und Bitte. Akehzan teilt das Brot.

Die letzten kalten Tage eines "Großen Krieges". "Was ist der Mensch schon ohne seine Kindheit?" – das sagt ein alter Mann, wehrdienstuntauglich, der Kinderporträts malt, für die "Ehrentafel der Besten" oder für die Friedhofskreuze auf dem Totenacker. Was ist der Mensch ohne seine Kindheit. Die Kindheit prägt das Leben des Menschen.

"Die letzten kalten Tage" ist ein ungewöhnlicher Film, "schwarz-weiß" gedreht, auf leicht eingefärbtem Material, karg und spröde in der Handlung, allein über Stimmungen und Bilder erzählt, dokumentarisch fast, in der Bildtradition russischer Filme der 30er-Jahre, mit emotional genauen "kindlichen" Dialogen, die weh tun, die unter die Haut gehen. Alles in diesem Film widerspiegelt den Zustand der Helden, ihre Sicht auf das Mensch-Sein, auf das Mensch-Werden. Ob diese Erzählweise Konzeption war oder Folge eines zu geringen Budgets im Umbruchland Kasachstan, war auf der Pressekonferenz beim diesjährigen Kinderfilmfest in Berlin, wo der Film vorgestellt wurde, nicht zu klären und ist unerheblich. Es ist ein harter, kantiger Film entstanden mit Aitmatowscher Poesie. Ein "anderer Film", der sich in die Reihe "Iwans Kindheit" (Tarkowski), "Serjosha" (Daneli/Talantkin) und "Engelchen, mach' Freude" (Saparow) einfügt. Man kann sich seinen Stimmungen und Bildern nicht entziehen.

Was hat Dir an dem Film gefallen? "Die Wahrheit über den Krieg" (Paul Haschke, 11 Jahre), "... dass gezeigt wurde, wie Menschen in Armut und Krieg leben und doch versuchen, glücklich zu sein" (Katharina Mazko, 13 Jahre), "... wie die drei Kinder sich angefreundet haben" (Daniela Brose, 11 Jahre).

Ein Film für Kinder? Stilistisch und von der Erzählweise für Kinder ungewöhnlich, neuartig, aber wie die Festivalpraxis in Berlin belegt, vom Publikum angenommen. Und inhaltlich? Es ist schon wichtig für Kinder zu begreifen, dass "Gut und Böse" seine Ursachen hat, nicht einfach zu benennen ist wie "Schwarz und Weiß". Und was soll der Zweifel, ob solche Art Film für Kinder "erlaubt" und "zugänglich" sei ... Das fragen Erwachsene immer, wenn ein Film sie betroffen macht, wenn er Fragen an sie stellt, auf die sie nicht so einfach eine Antwort finden können. Ihre Zweifel sind Heuchelei. Ist doch das Kind in seiner alltäglichen gesellschaftlichen Realität auf der Straße, "in Elternhaus und Schule", überall, gleich schwierigen Problemen ausgesetzt und meist alleingelassen von den ehrenwerten Erwachsenen der Gesellschaft, die vorgibt, "ungeborenes Leben" schützen zu wollen, das "geborene Leben" aber sich selbst überlässt.

Kinder sind sensibel, begreifen und werten ihre Welt genauer, als die Erwachsenen ihnen zugestehen wollen! Kriege finden überall statt. "Die letzten kalten Tage" – ein Film auch für Kinder.

Helmut Dziuba

 

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