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Ausgabe 57-1/1994

"Plötzlich bewegen sich die Figuren, werden lebendig. Das ist das Faszinierende an unserer Arbeit."

Gespräch mit Barbara Kirchner und Alexandra Schatz, die das Buch von Helga Knüppel "Luzie taucht unter" für die Leinwand animiert haben

(Interview zum Film LUZIE TAUCHT UNTER)

Der zehnminütige Zeichentrickfilm wird beim 17. Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele Berlin 1994 uraufgeführt. Das Gespräch führte KJK-Mitarbeiterin Irene Schoor kurz vor Vollendung des Films im Trickfilmatelier von Alexandra Schatz in Hannover.

KJK: Wie entstand die Idee zum Film?
Alexandra Schatz: "Beim WDR lernte ich Helga Knüppel kennen, die mir den Rohentwurf ihres Buches zeigte. Die Geschichte von Luzie, dem kleinen Krokodil, gefiel mir auf Anhieb. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass ich schon 20 Filme für die 'Sendung mit der Maus' gemacht hatte, wo sehr viele Bärchen und Kuscheltiere vorkamen. Krokodile fallen da schon aus dem Rahmen. Ich habe dann die Filmrechte gekauft, ohne zu ahnen, auf welches Abenteuer ich mich einlasse."

Welche Bedeutung hatte die Buchvorlage für die weitere Arbeit?
Barbara Kirchner: "Im Grunde ist unser Film eine Zeichentrickadaption des Buches. Trotzdem ist der Film ein eigenes Medium. Das fängt schon bei der Figurenentwicklung an. Man muss das an Gehalt herausholen, was in den Figuren steckt, um eigenständige Protagonisten entwickeln zu können."

Da spielen dann auch Bewegung sowie Sprache und Musik entscheidende Rollen ...
B.K.: "Ganz sicher. Luzie, das Krokodil, und auch die Ratten bewegen sich auf jeweils eigene Art. Sie sind individuelle Charaktere, die wir durch ihre Körpersprache zum Ausdruck bringen wollten."
A.S.: "Wir haben den Tieren auch keine Kleider angezogen, sondern fanden es viel faszinierender, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Einige Charaktere haben wir auch im Vergleich zum Buch verändert. Luzie war uns zu weinerlich. Wir wollten aus dem Stoff eine Abenteuergeschichte machen.
B.K.: "Wichtig war uns, kein bebildertes Hörspiel zu machen, sondern Worte und Sprache so weit wie möglich zu reduzieren. Die Sprachaufnahmen wurden übrigens sehr früh gemacht, weil wir die Szenen lippensynchron entwickelten. Alles wird ausgezählt. Damit wird auch die Dramaturgie des Films in gewissem Grad bestimmt. Als Sprecherin konnten wir Elke Heidenreich gewinnen, die sowohl als Erzählerin wie auch in allen anderen Rollen überzeugt."

Und die Musik, "stimmt" die auch?
A.S.: "Die Musik war für uns zunächst ein großer Unsicherheitsfaktor. Diese Arbeit mussten wir vollkommen aus der Hand geben. Mit dem Komponisten Tobias Becker habe ich schon in der Arbeit für den WDR sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben ihn früh in unsere Planungen mit einbezogen, ihm Szene für Szene zugeschickt. Wir sind mit der Musik sehr zufrieden."

Und wie sah die Zusammenarbeit mit Barbara Kirchner in diesem Projekt aus?
A.S.: "Für uns war das ein totales Abenteuer. Wir kannten uns von Filmfesten, hatten aber noch nie zusammengearbeitet. Wir sind wirklich ins kalte Wasser gesprungen. Ich habe zuerst ein Storyboard angelegt, das wir gemeinsam besprachen. Dann habe ich mich auf die Suche nach Geldgebern gemacht. Fast 1 1/2 Jahre hat es gedauert, bis die Finanzierung einigermaßen stand. Gemeinsam haben wir Regie geführt. Barbara hat die Hintergrundlayouts entwickelt und war für die Animation verantwortlich."
B.K.: "Die Sets, an denen die Geschichte spielt, legten wir gemeinsam fest. Auch die Perspektiven, aus denen heraus die Szenen entwickelt wurden. Michel Guerin, ein bekannter Hintergrundmaler, hat uns die Schwarz-weiß Layouts in Farbe umgesetzt. Ich bin dann in die Animation eingestiegen. Dazu war es wichtig, sich in die Handlungsorte hineinzuversetzen, zu überlegen, wie die einzelnen Figuren sich verhalten. Und dann entwickelt sich eine Vorstellung, so als hätte man Schauspieler. Und man beginnt zu inszenieren."
A.S.: "Manchmal haben wir Szenen auch selbst durchgespielt. Beispielsweise, als Rupp, die Ratte, das erste Mal auftritt und Luzie ganz betroffen in der Ecke sitzt."
B.K.: "Meine Zeichnungen gingen von Berlin nach Hannover zu Alexandra. Sie hat sie weiterverarbeitet. Da wir in verschiedenen Orten leben, war es notwendig, dass wir uns immer wieder trafen und die gemeinsamen Schritte entwickelten."

Sie haben für die Entwicklung der Figuren eine sehr aufwendige Technik angewendet ...
A.S.: "Ja, alle Figuren sind voll animiert, und zwar mit einer Technik, die ansonsten in der Zeichentrickarbeit mit Folienfarbe kaum vorkommt. Alle Figuren, die Barbara entwickelt hat, wurden auf dem Leuchttisch auf Schreibmaschinenpapier durchgepaust. Kleine Unebenheiten wurden korrigiert und eine Reinzeichnung angefertigt. Von dieser Reinzeichnung machten wir in mehrfacher Ausführung und in dickerem Papier Fotokopien. Die Figur wurde erst mit Filzmarkern grundkoloriert, dann mit Buntstift schattiert. Anschließend habe ich die Figuren ausgeschnitten und sie passgenau auf Folien geklebt. Und das Bild für Bild und Figur für Figur. Bei einer Gesamtlänge von 10 Minuten eine höllische Arbeit. Wir haben uns für diese aufwendige Technik entschieden, um die Charaktere möglichst lebendig erscheinen zu lassen. Das Schattierte lässt sich nicht ganz kontrollieren. Ich kann nicht Bild für Bild exakt den gleichen Strich an der gleichen Stelle ansetzen. Deshalb entsteht zusätzlich zur Animation durch die Schattierung ein Eigenleben, das natürlich zu der Bewegung passen muss."

Wie lange hat das Projekt gedauert?
A.S.: "Insgesamt 3 1/2 Jahre, ohne die Finanzierungsphase. Da wir aufgrund des fehlenden Geldes noch nebenbei arbeiten mussten, hat sich das Projekt so lange hingezogen. Für uns war die mangelnde Kontinuität das größte Problem. Wir haben auch vieles selbst gemacht, was wir bei einer besseren finanziellen Ausstattung in Auftrag gegeben hätten. Insgesamt waren wir nur eine ganz kleine Gruppe."

Wie sah die Finanzierung aus?
A.S.: "Wir hatten 82.000 DM über Filmfördermittel des Bundesminister des Innern, der Filmkredittreuhand Berlin und des Landes Niedersachsen sowie durch die Koproduktion mit dem Südwestfunk. Damit ist der Film nicht einmal zur Hälfte finanziert. Ein angemessenes Regiegehalt oder Mittel für die Buchhaltung sind da nicht drin."
B.K.: "Das ist natürlich eine idiotische, selbstausbeuterische Kalkulation. Trotzdem sind wir stolz auf den Film und sehen ihn als Investition in die Zukunft. Allerdings wären wir nicht ein weiteres Mal bereit, unter solchen Bedingungen zu arbeiten."

Gibt es bereits Pläne für neue Projekte?
B.K.: "Wir stecken noch zu sehr in diesem Film, um konkret darüber nachzudenken. Alexandra wird jetzt erst einmal den Vertrieb übernehmen. Eigentlich wünschen wir uns nach diesen Jahren zur Abwechslung nichts weiter als ein ganz normales Leben, mit festen Arbeitszeiten und freien Wochenenden."

Interview: Irene Schoor

Bio-Filmografie
Alexandra Schatz, geboren 1955, arbeitete bis zu Beginn der Produktion des Films als Lehrbeauftragte für Animationsfilm an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seit 1986 ist sie freischaffend als Regisseurin für das Kinderprogramm des WDR/Fernsehen und des Südwestfunk tätig und hat darüber hinaus weitere Animationsfilme, z. T. auch in Zusammenarbeit mit Kindern, realisiert: "ABC", "Mein Land in Europa", "Die Geburt".
Barbara Kirchner, geboren 1949, zeichnet für Animation und Hintergründe zahlreicher Produktionen verantwortlich: "Was kann das bisschen Salz schon schaden" (1984/85), diverse Zeichentrickfilme für den SFB-Ratgeber Gesundheit und AID Verbraucherdienst Bonn sowie Herstellung von "Telebärchen-Spots" für SFB Werbung. Als Cutterin war sie an den Produktionen "Im Westen alles nach Plan" und "Verlorenwasser – Eine Reise in den Mittelpunkt der DDR" beteiligt. Zwischenzeitlich arbeitete sie als Lehrbeauftragte für Trickfilm an der dffb Berlin, als Gastdozentin am Television Training Center des SFB in Berlin und in Mauritius und aktuell als Gastprofessorin an der Hochschule der Künste Berlin, Fachbereich für Public Relations mit audiovisuellen Medien.

 

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