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Ausgabe 82-2/2000

"Ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden"

Gespräch mit Ella Lemhagen, Regisseurin des Spielfilms "Tsatsiki, Mama und der Polizist"

(Interview zum Film TSATSIKI – TINTENFISCH UND ERSTE KÜSSE)

KJK: Auf dem Filmfestival in Göteborg wurde "Tsatsiki" viermal mit dem "Guldbagge" ausgezeichnet. Wie sieht dieser schwedische "Oscar" aus und wofür genau haben Sie den Preis gewonnen?
Ella Lemhagen: "Die Preistrophäe ist ein goldener Käfer und wir haben sie als bester Film und außerdem für das beste Drehbuch, die beste Kamera und die beste Regie bekommen."

Was bedeutet das nun für Sie?
"Es ist natürlich fantastisch. Aber so genau weiß ich das noch gar nicht – das war ja erst vor drei Tagen. Aber ich hoffe natürlich, dass der Erfolg dazu beiträgt, dass ich meine Projekte in Zukunft etwas leichter durchkriege, denn das ist natürlich auch bei uns nicht so einfach."

Denken Sie da wieder an Filme mit Kindern für Kinder?
"Eigentlich mache ich keinen Unterschied zwischen einem Kinder- und einem Erwachsenenfilm. Aber seit wir am 1. Oktober 1999 mit 'Tsatsiki' in Stockholm Premiere hatten, bekomme ich laufend Angebote für Kinderfilme. Aber ich möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden und deshalb erst mal lieber keinen Kinderfilm machen. Vor allem ist es wichtig, einen guten Film machen zu können – und wenn mich ein Stoff begeistert, mache ich natürlich ebenso gern wieder einen für Kinder."

Wie sind Sie an die Geschichte gekommen?
"Meine Produzentin Anne Ingvar kannte die vier Tsatsiki-Bücher von Moni Nilsson-Brännström, die es, so weit ich weiß, auch in Deutschland gibt."

Es gibt drei von ihnen im Oetinger-Verlag Hamburg und sie sind auch bei uns sehr beliebt.
"Sie sind ja auch wirklich sehr gut. Ich kannte sie allerdings nicht, bis mir Anne sie in die Hand gedrückt hat, weil sie sie unbedingt verfilmen wollte. Für das Drehbuch haben wir dann zwei der Romane zusammengefasst. Ich habe dafür aber nicht die Autorin genommen, sondern Ulf Stark engagiert. Er gehört inzwischen zu meinen Lieblings-Autoren."

Ihr Hauptdarsteller Samuel Haus wurde unter 2500 Kindern ausgewählt, haben Sie das Casting selbst überwacht?
"Nein, aber ich habe mir von allen Kindern die Videos angeguckt und die, die in die engere Wahl kamen, auch persönlich getroffen."

Was hat Samuel ausgezeichnet?
"Er fiel uns schon gleich am Anfang auf durch die Art, wie er sich vorgestellt hat, seinen Namen sagte und so. Wir haben dann sehr viele Probeaufnahmen mit ihm gemacht und er war sehr konzentriert und diszipliniert, was ja wichtig für die Dreharbeiten ist. Und er war für sein Alter auch schon sehr reif."

Samuel ist jetzt ein richtiger kleiner Star. Empfinden Sie eine gewisse Verantwortung dafür, wie er mit seinem Erfolg fertig wird? Das ist ja selbst für Erwachsene ein Problem.
"Also, erst mal suchen wir engen Kontakt zu den Eltern, damit es ihm oder den anderen Kindern während der Arbeit gut geht. Jetzt schreibe ich ihm gelegentlich Kartengrüße, aber weiter kann ich mich nicht darum kümmern."

In diesem Fall haben Sie offensichtlich auch Glück gehabt, denn ich habe seine Eltern kennen gelernt und den Eindruck gewonnen, dass sie sehr verantwortungsvoll mit seinem Erfolg umgehen.
"Ja, absolut. Samuels Eltern achten sehr darauf, dass er nicht abhebt. Also, bislang sehe ich da keine große Gefahr."

Haben Sie schon früher mit Kindern gearbeitet?
"Nein, nur mit Teenagern, so mit 13- 14-Jährigen."

Was ist in der Arbeit mit Kindern anders?
"Mit Teenagern zu arbeiten entspricht in etwa der Arbeit mit Erwachsenen. Sie wissen im Großen und Ganzen, worauf sie sich einlassen. Wenn sie sich dafür entschieden haben, sind sie sich auch bewusst, dass dazu viel Disziplin gehört. Aber Kinder haben vorher keine Ahnung, worauf sie sich einlassen. Deshalb muss man sie immer wieder neu motivieren. Im Augenblick, wo man dreht, haben sie oft keine Lust mehr zu spielen, wollen lieber was anderes machen. Es geht also immer wieder darum, sie in Stimmung zu bringen."

Ich habe zu Ihrer Produzentin gesagt, dass "Tsatsiki" ein optimistischer Film ist, weil er zeigt, dass auch eine junge alleinerziehende Mutter ihre eigene Sache machen und trotzdem eine liebevolle, von Respekt getragene Beziehung zu ihrem Kind leben kann. Können Sie sich erinnern, ob Sie als Kind einen Lieblingsfilm hatten?
"Als ich etwa acht Jahre alt war, also im gleichen Alter war wie Tsatsiki, habe ich mit meinem Vater 'Fahrraddiebe' von Vittorio de Sica gesehen. Das ist natürlich kein Kinderfilm, aber ich erinnere mich ganz genau daran und wie sehr ich ihn mochte. Ich war damals so traurig, weil ich so viel Mitleid mit dem Jungen hatte. Und weil ich diesen Film als Kind so mochte, denke ich, dass Kinder nicht immer nur typische Kinderfilme sehen müssen, sondern eben auch andere. Und ich habe auch zu der Produzentin von 'Tsatsiki' gesagt: Ich seh's aus meiner Sicht und stelle mir nicht die Frage, wie Achtjährige den Film sehen werden."

Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Film ganz besonders mögen?
"Ja, die Szenen, wo Tsatsikis Mutter mit der Band spielt. Weil ich selbst eine Beziehung zur Musik habe und sehr viele Musiker kenne – mein Mann spielt auch in einer Gruppe. Und dann natürlich die Szenen, die wir in Griechenland gedreht haben – ein Land, das ich sehr mag. Die haben ja auch Samuel am besten gefallen."

Was machen Ihre Eltern?
"Sie sind beide Lehrer, meine Mutter arbeitet mit Gehörlosen und mein Vater macht diese Schreibwerkstätten für Leute, die schreiben wollen, aber auch Workshops für Schriftsteller. Außerdem schreibt er Literaturkritiken für 'Aftonbladet' und einige andere Zeitungen."

Haben Sie Geschwister?
"Ich habe eine Schwester, sie ist ein Jahr älter als ich. Sie ist Designerin und Stylistin und macht eine Menge Werbefilme und Musik-Videos. Wir arbeiten oft zusammen – auch bei 'Tsatsiki"' wo sie für das Kostümdesign verantwortlich war."

Wie sind Sie zum Film gekommen?
"Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als mir erstmals bewusst wurde, dass Filme gemacht werden, also dass Menschen dahinter stehen. Und die Filme von Federico Fellini haben mich so beeindruckt, dass ich nach der Schule von Uppsala nach Stockholm ging, um Filmgeschichte zu studieren. Damals habe ich auch schon als Regieassistentin gearbeitet, ein Drehbuch für einen Kurzfilm geschrieben, den ich dann fürs Fernsehen realisieren durfte. Danach studierte ich ein Semester in Paris und dann drei Jahre Filmregie am Dramatischen Institut in Stockholm. Anschließend engagierte ich mich in einem Film- und Theaterprojekt. Also ich habe mich schon mit allem Möglichen beschäftigt, gezeichnet, gemalt, geschrieben, beim Theater, beim Film und fürs Fernsehen gearbeitet. Wenn man Filmregie macht, ist es schon gut, wenn man mit all diesen Dingen auch praktische Erfahrung hat. Aber es war trotzdem ein langer Weg."

Können Sie sagen, was Sie am Filmemachen am liebsten mögen?
"Eigentlich alles: das Entwickeln der Geschichten, die Arbeit mit dem Sound, aber am allerliebsten mag ich die Arbeit mit den Schauspielern."

Haben Sie schon neue Projekte?
"Ich habe bereits ein Drehbuch für einen Erwachsenen-Film und eines über Jugendliche geschrieben. Ich spreche nicht gern über Sachen, die noch nicht realisiert sind. Deshalb nur so viel: Es geht um das Auftauchen der Punk-Bewegung Ende der 70er-Jahre und um einen Film über junge Schauspieler, die um jeden Preis berühmt werden wollen.

Auf Filmfestivals werden ja viele gute Filme für Kinder gezeigt, die aber leider nie in die Kinos kommen, weil man sie als "Kassengift" einschätzt. Sind Sie sich bewusst, dass Sie durch den großen Erfolg von "Tsatsiki" zugleich für den anspruchsvollen Kinderfilm eine Lanze gebrochen haben?
"Ich finde es natürlich schön, wenn das jetzt Kreise zieht – aber eigentlich denke ich in erster Linie an meine eigenen Projekte."

Das Gespräch mit Ella Lemhagen führte Uta Beth

 

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