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Ausgabe 57-1/1994

"Zurzeit thematisieren viele Kinderfilme das Verhältnis der Generationen"

Gespräch mit Zheng Dong-Tian

(Interview zum Film BANDE DES HERZENS)

Der chinesische Filmemacher und Direktor des Jugendfilmstudios Beijing hielt sich anlässlich des 19. Internationalen Frankfurter Kinderfilmfestivals 1993 in Deutschland auf. Hier führte KJK- Mitarbeiter Lutz Gräfe mit ihm folgendes Gespräch. Eine Vorbemerkung zur Anrede: Im Chinesischen wird stets der Nachname zuerst genannt (d.h. nach unserer Schreibweise Dong-Tian Zheng); deshalb die Anrede "Herr Zheng" (und nicht "Herr Dong-Tian").

KJK: Herr Zheng, warum machen Sie Filme?
Zheng Dong-Tian: "Es hat sich eher zufällig ergeben, dass ich zum (Kinder-)Filmer wurde. Ich habe mich für die Eingangsprüfungen der Filmhochschule vorbereitet und bin dabei beim Filmemachen gelandet. Ursprünglich wollte ich Journalist werden. Nach dem Ende meines Studiums merkte ich, dass ich das Erlernte benutzen kann, um meine Sicht der Welt und der Dinge darzustellen. Und dafür ist der Film das beste Instrument."

Sie haben schon eine ganze Reihe anderer Filme gemacht. Waren das auch Kinderfilme?
"Die ersten beiden Filme waren Kinderfilme. Die anderen nicht. "Yuanyang Lou" / "Young Couples" (1987) etwa erzählt in episodischer Form von sechs jungen kinderlosen Ehepaaren."

Ich weiß, dass ich jetzt ein heikles Thema berühre. Wir haben ja etwa im Iran eine Entwicklung, bei der es im Kinderfilmbereich offenbar leichter ist, schwierige Themen und Inhalte zu transportieren als im Erwachsenen-Kino. Ist das in der VR China ähnlich?
"Bei uns ist das nicht so. Was man im Erwachsenen-Kino nicht zeigen oder thematisieren darf, geht auch im Kinderfilm nicht und umgekehrt."

Ihr Film "Schritte ins Leben" / "Ren Zhi Chu" erinnert stark an andere chinesische Kinderfilme, in denen es auch um Geschichten geht, in denen Kinder energisch ihren eigenen Weg gehen. Ist das eine allgemeine Tendenz des chinesischen Kinderfilms oder sind diese Parallelen zufällig?
"Der chinesische Kinderfilm versucht zurzeit, den Kindern in der Form reifere Filme zu geben, so dass sie davon auch lernen können. Bislang war es immer so, dass sie in der Tradition unter den Eltern sehr behütet aufwuchsen und daher dem Leben zu naiv begegneten."

Also geht die Tendenz eher in Richtung dessen, was der zweite chinesische Beitrag auf dem Festival "Bande des Herzens" / "Xin Xiang" von Sun Zhou) anbietet? Ein Film, der sich viel Zeit ließ, um sich auf das Verhältnis Großvater/Sohn konzentrieren zu können.
"Zurzeit thematisieren viele Kinderfilme das Verhältnis der Generationen; also sowohl zwischen Kindern und Eltern als auch zwischen Enkeln und Großeltern."

Ihr Film hat eine kommentierende zweite Ebene: Die Legende vom großen Rok-Vogel. Ist das eine chinesische Legende oder haben Sie sie für den Film erdacht?
"Die habe ich für den Film geschrieben. Ziel dieser Geschichte ist es, dass sie parallel zur Handlung sich entwickelt und aufzeigt, dass ein Mensch sich für andere opfert. So wie der kleine Nie Er das am Schluss für seine Mutter tut, als er die Schule wechselt."

Ihr Film hat ja ein sehr eindeutiges Schlussbild: Wenn der Junge der Pfadfindergruppe begegnet und an ihr vorbei in die entgegen gesetzte Richtung geht. Sozusagen: Schwimmen gegen den Strom. Das ist ja durchaus was Neues, gerade in der VR China.
"Diese Idee ist für China so neu nicht. Die heutigen Filmschaffenden in China konzentrieren sich darauf, denn im Moment ist das ein aktuelles Thema, dass man sich um eigene Entscheidungen bemüht und so sein Leben selbst gestaltet."

Auffällig ist auch, wie bei vielen anderen chinesischen Filmen, dass es um die Familie herum immer noch das gibt, was man einst Nachbarschaftskomitee nannte. Es gibt viele Filme, die erzählen vom gemeinsamen Wohnen in einem Hof, vom Einfluss, aber auch vom Zusammenhalt der Nachbarschaft. Bildet das immer noch die Realität ab, oder sind das vom Filmemacher gewollte Vor- und Idealbilder?
"Zu der Zeit, in der der Film spielt (20er-Jahre), war das noch so. Ich finde diese Lebensform wichtig und möchte sie den Leuten zeigen, gerade weil es heute nicht mehr so ist."

Herr Zheng, Sie sind auch Direktor des Jugendfilmstudios Beijing. Was sind dort Ihre Aufgaben und wie schaffen Sie es, so "nebenbei" noch Filme zu drehen?
"Unser Studio produziert vor allem Kinderfilme fürs Kino. Meine Arbeit besteht aus drei Teilen: Der überwiegende Anteil entfällt auf Lehrtätigkeit, dann bin ich noch Direktor, und das Filmemachen kommt erst ganz am Schluss. Daher habe ich auch in so vielen Jahren relativ wenige Filme gemacht (seit 1977 'nur' fünf Filme, Anm. d. Red.). Wenn es nach mir ginge, würde ich jedoch mehr Filme machen. Zwar bin ich auch gerne Lehrer, aber die Aufgaben als Direktor nehmen mich doch stark in Anspruch."

1997 wird Hongkong Teil der Volksrepublik. Abseits aller politischen Fragen bedeutet das, dass eine der größten Filmindustrien der Welt sich auf einmal in China befindet. Eine Filmindustrie, die gerade in vielen Staaten der Dritten Welt einen starken Marktanteil hat; vor allem durch ihre Martial-Arts-Filme. Wird das einen Einfluss auf das Filmschaffen der jetzigen VR China haben?
"Wir spüren den Einfluss schon jetzt. Und die Art von Filmen, wie ich sie gemacht habe, kann man kaum noch im Kino sehen. So wurde 'Ren Zhi Chu' sehr selten gezeigt. Noch nicht einmal die Provinz Yunnan, in der der Film spielt, hat ihn gekauft, so dass die Kinder dort ihn gar nicht kennen. Er wurde in Beijing gezeigt und fand bei den Kindern großen Anklang."

Was ist Ihr nächstes Projekt?
"Im Moment schwanke ich zwischen zwei Büchern. Dabei hängt vieles von der Finanzierung ab. Wenn ich das entsprechende Geld bekomme, würde ich einen Stoff realisieren, der vor etwa 2000 Jahren spielt: Als eine ganze Familie vom Kaiserhof ermordet werden soll, um künftige potenzielle Machtkämpfe und Intrigen zu vermeiden, opfert eine befreundete Familie das eigene Kind, um so das Kind der künftigen Mordopfer zu schützen. Die Kinder werden vertauscht, das Kind wächst heran und möchte 15 Jahre später Rache nehmen. Ich möchte dabei auch in Frage stellen, ob es richtig war, die Kinder zu vertauschen. Die moderne Geschichte hingegen erzählt von einem jungen Paar: Eine junge, große und schöne Frau und ein kleiner hässlicher Mann heiraten und werden ein Paar. Aber die Umgebung findet, dass die zwei nicht zusammenpassen. Der Film spielt in der Kulturrevolution, und die beiden retten ihre Ehe über diese schwere Zeit."

Wenn ein Produzent käme und Ihnen freie Hand für ein Traumprojekt anbieten würde; welches wäre das?
"Mir sind Geschichten wie die aus 'Ren Zhi Chu' am liebsten, in denen Schwierigkeiten im Leben der Menschen auftauchen und die Menschen Möglichkeiten finden, mit der Konfrontation fertig zu werden, sie zu bewältigen und dann ein besseres Leben zu führen."

Mein besonderer Dank gilt der Übersetzerin Birgit Mühlhause, ohne die dieses Gespräch nicht möglich gewesen wäre. – Lutz Gräfe

 

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