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Ausgabe 84-4/2000

DOLPHINS

Produktion: Demian Film; Deutschland 2000 – Regie und Buch: Farhad Yawari – Kamera: Torsten Breuer – Schnitt: Horst Reiter – Musik: Marcel Barsotti – Darsteller: Julia Brendler (Lara), Marco Hofschneider (Jakob), Annette Kreft (Oberschwester), Pierre Sanoussi-Bliss (Müllmann), Anna Thalbach (Schokoladen-Mädchen) u. a. – Länge: 45 Min. – Farbe – Verleih: Movienet (35 mm) – FSK: ab 6, ffr. – Altersempfehlung: ab 14 J.

Tiefes Blau überflutet die Kinoleinwand. Ein Delphin und eine junge Frau schwimmen im Meer, das schwere Wasser verdrängend, sie in ihrer ursprünglichen Nacktheit nicht weniger Kind des Ozeans als der Delphin.

Abrupter Szenenwechsel: Die junge Frau liegt in einer Badewanne und scheint aus einem Traum erwacht, wieder zurück in ihrer realen Umwelt, nämlich einer psychiatrischen Anstalt. Statt des tiefen Blau des Meeres nun die Kühle und Sterilität dieser Anstalt, besser dieses Irrenhauses, und dazu dieser Ausdruck seiner Insassen und des Pflegepersonals, die der Klischee-Vorstellung eines durch die Medien geprägten Publikums entsprechen. Also die klassischen gescheiterten Existenzen, die in der großen grausamen Welt außerhalb der Anstaltsmauern keine Chance hätten: gealterte Diven, boxende Möchtegern-Helden, ein unscheinbares kauerndes Mädchen auf dem kalten Boden und natürlich die strenge Oberschwester. Mitten unter ihnen ein junger Pfleger, der sich für diese Menschen zu interessieren scheint und sie ernst nimmt. Vor allem fasziniert ihn Lara, das Mädchen mit den großen dunklen Augen, die immerzu vom Meer träumt. Seine vorsichtige Annäherung scheint anfangs vergeblich, denn sie ist nie wirklich im Hier und Jetzt der Anstalt, verweigert das Essen und trotzt gegen die Abläufe ihrer realen Situation.

Der junge Pfleger begreift, wie unerträglich die Unfreiheit der Anstalt für sie geworden ist und beschließt – getrieben durch seine Liebe – ihr zur Flucht zu verhelfen, was ihm auch gelingt. Die letzte Szene stellt den Bezug zum Anfang her: Lara schwimmt im Meer mit einem Delphin – wieder dieses intensive Türkisblau, das im Gedächtnis hängen bleibt.

"Dolphins" ist ein modernes Märchen. Immer wieder drängen sich einem Parallelen auf zu Geschichten über Prinzessinnen in verwunschenen Schlössern, die von jungen Prinzen aus den Fängen von bösen Königinnen befreit werden. Lara wird von ihrem Pfleger aus der Anstalt der Oberschwester befreit. Die Anstaltsinsassen sind der Hofstaat, der auf der Seite der guten Prinzessin steht und der Müllmann der Gehilfe des Prinzen, der durch seine Geheimwaffe (das Müllauto) die Flucht ermöglicht. Eigentlich ist "Dolphins" aber kein Film für den Intellekt, sondern für die Sinne. Die formalen Aspekte verblüffen und zeigen Wirkung, auch wenn die Handlung eher einfach gestrickt ist.

So bleiben starke Bilder im Gedächtnis, die in ihrer Klarheit und Polarität an Theaterkulissen erinnern, wie z. B. der Kontrast der Stimmungen: blau (das Meer) und kühl (die Anstalt), orange und warm für den Goldfisch (der symbolisch in einem Glas so gefangen ist wie Lara in der Anstalt) und das Licht in Momenten menschlicher Nähe. Zwar ganz ohne Worte auskommend, wird die Geräuschewelt trotzdem betont – als bleibender Eindruck das Tapsen von Füßen auf dem Linoleumboden.

Der Idealismus, mit dem Farhad Yawari sein Projekt realisiert und vor allem das Produktionsbudget von 4,5 Millionen DM beschafft hat, schwingt in seinem Film durch die hohe technische Perfektion mit. Jedoch kommt man schnell auf die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz dieses Films, nach seinem künstlerischen und politischen Anspruch in der Komplexität heutiger Gesellschaften. Münden Geschichten so einfach in ein wenn auch nicht unbedingt kitschiges, doch gemütlich-abgeschlossenes Happy End? "Dolphins" ist vielleicht ein Film wie ein schönes Schmuckstück, das man einen Abend lang stolz tragen, aber am nächsten Tag auch wieder ablegen kann.

Sahar Rahimi

 

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