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Ausgabe 84-4/2000

DER KLEINE VAMPIR

DER KLEINE VAMPIR

Produktion: Cometstone Pictures / Comet Film / Avrora Media / Stonewood; Deutschland / Niederlande / USA 2000 – Regie: Uli Edel – Buch: Karey Kirkpatrick, Larry Wilson – Kamera: Bernd Heinl – Schnitt: Peter R. Adam – Musik: Nigel Clarke, Michael Csányi-Wills – Darsteller: Jonathan Lipnicki (Tony), Richard E. Grant (Ludwig), Alice Krige (Hildegard), Anna Popplewell (Anna), Rollo Weeks (Rüdiger), Jim Carter (Geiermeier), John Wood (Lord McAshton), Pamela Gidley (Helga) u. a. – Länge: 91 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Warner (35 mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Nur wenn der Komet Attamon am Mond vorbeizieht, besteht die Chance einer Erlösung für die zum ewigen Leben verdammten Vampire. Jene Wesen, die einst durch einen Biss in die Halsschlagader zu Ausgeburten der Nacht mutierten, gern wohnhaft in Katakomben und auf Friedhöfen. Dieses seltene Himmelsphänomen fand das letzte Mal vor dreihundert Jahren statt. Und damit beginnt der Film, ein Rückblick von schöpferischer märchenhafter Kraft – Visionen, die ein ziemlich kleiner neunjähriger Junge namens Tony in sich trägt. Vampire haben es ihm angetan, sie faszinieren ihn, suchen ihn nachts in Albträumen heim. Tony hat's auch sonst nicht leicht, denn sein Vater ist aus geschäftlichen Gründen mit der Familie aus einer amerikanischen Großstadt in ein Landschloss nach Schottland gezogen. In der Schule findet Tony nur schwer Anschluss, wird von den arroganten adligen Sprösslingen gedemütigt. Die Liebe daheim wiegt vieles auf, aber die Sehnsucht nach einem Freund wächst.

Bis Rüdiger in sein Leben tritt, richtiger: fliegt, ein gleichaltriger, einen bleichen Kopf größerer Vampir-Junge, der auf der Flucht vor Vampirjäger Geiermeier in Tonys Zimmer landet. Wir erleben die computeranimierte Wandlung von der Fledermaus zur Menschengestalt. Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die auf einer Fehleinschätzung beruht: Tony – wieder mal in seiner Vampirwelt – hatte sich nämlich gerade Vampir-Eckzähne angeklebt, mit Ketchup herumgekleckert und wurde deshalb vom erschöpften Rüdiger als seinesgleichen wahrgenommen. Als der seinen Irrtum entdeckt, will er fliehen, ist aber zu schwach dazu, braucht Blut. Nein, kein Menschenblut, die Vampire sind auf Rinder umgestiegen – ein zeitgemäßer Kompromiss sozusagen. Danach versteckt Tony den kleinen Vampir in einer Truhe, kennt er doch die lebensbedrohenden Gefahren dieser Spezies: Licht, Wärme, Kruzifixe, Knoblauch, Holzpflöcke und ganz aktuell Geiermeier. Der Junge kann sein Glück kaum fassen, wie schön es ist mit seinem neuen Freund nachts durch die Lüfte zu fliegen, wie aufregend eine Welt, die er nur aus Büchern und Albträumen kennt, wirklich zu betreten. Obwohl das jedem Sterblichen verboten ist, denn der allergrößte Feind des Vampirs war immer der Mensch. Rüdigers Bruder Lumpi ist entsetzt über den Neuzugang, Schwester Anna entzückt, die Vampir-Eltern Hildegard und Ludwig tief beunruhigt. Tonys Eltern hingegen ahnen nichts. Als es zur ersten Begegnung kommt, fühlen sich Tonys Vater und Mutter irgendwie verzaubert von der Zartheit und Verletzlichkeit dieser Gestalten, sind vor allem sehr beeindruckt von der Vornehmheit, ja der aristokratischen Größe, die sie bisher vergeblich beim schottischen Adel gesucht hatten.

Die Luft vibriert, die Spannung steigt, denn in wenigen Tagen wird der Komet Attamon am Mond vorbeiziehen, ein Ereignis, dem die Vampire von nah und fern entgegenzittern. Könnte es doch das herbeigesehnte Ende der Unsterblichkeit bringen, die Menschwerdung. Auch Rüdiger hat es satt, seit dreihundert Jahren neun Jahre alt zu sein. Es passiert noch viel, bis Tony zum richtigen Zeitpunkt das Richtige wünscht. – Die Vampire sind verschwunden. Die nächste Szene ist in warmes Sommerlicht getaucht. Tony schlendert mit seiner Familie über einen Marktplatz, sein Blick fällt auf einen Jungen, ein Mädchen, einen Punk. Die Eltern lächeln, schauen, erkennen. Willkommen im Leben – eine wunderbare Begegnung der irdischen Art.

Der Film basiert auf den Geschichten von Angela Sommer-Bodenburg. Am Drehbuch arbeiteten mit Larry Wilson ("Addams Family") und Karey Kirkpatrick ("Chicken Run") zwei Autoren, die für Aberwitz und Gefühl stehen. Uli Edel ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") führt Regie. Ein großes Unternehmen mit hohem humanistischem Anspruch. Schon wie in "E.T." oder auch "Bananen-Paul" (Drehbuch und Regie: Richard Claus, heute Produzent des "Kleinen Vampirs") geht es hier um die unverbrüchliche Freundschaft zu einem Wesen, das anders ist, das von Erwachsenen gejagt und verfolgt wird, aber von Kindern geliebt, beschützt, versteckt.

"Der kleine Vampir" ist ein eindringliches Plädoyer für Toleranz und zugleich eine gelungene Mischung aus Spannung und Abenteuer, Phantasie und Wirklichkeit. Wenn zum Beispiel Geiermeier mit seinem martialischen Gefährt – kein High-Tech-Mobil, sondern eher eine Schrottbergvariation – durch die Nacht stampft, bangen die Kinder mit den Vampiren. Und freuen sich, wenn computeranimierte Kühe ganz realistisch mit dicken Kuhfladen Geiermeier stoppen, wenn die Klassenfeinde nach einem nächtlichen Rüdiger-Besuch schlotternd vor Angst Tonys Befehle ausführen. Grusel, Jubel, Schadenfreude – ein Freund wie Rüdiger, das wär's. Die intelligente Ironie, Zeit- und Gesellschaftsbezüge – zum Beispiel die Sehnsucht der Vampire nach Älterwerden, nach der Endlichkeit des Lebens, der sanfte Erziehungshinweis, dass vermeintlicher Verrat doch Rebellion und somit etwas Gutes sei – machen den "Kleinen Vampir" nicht nur für Kinder sehenswert.

Gudrun Lukasz-Aden

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 84-4/2000 - Interview - "Ich habe nichts gegen das Wort Kinderfilm"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DER KLEINE VAMPIR im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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