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Ausgabe 84-4/2000

PAUL IS DEAD

Produktion: X Filme Creativ Pool GmbH / DFFB / ZDF-Kleines Fernsehspiel; Deutschland 1999 – Regie und Drehbuch: Hendrik Handloegten – Kamera: Florian Hoffmeister – Schnitt: Monica Smith – Musik: Bertram Denzel, The Beatles – Darsteller: Sebastian Schmidtke (Tobias), Vasko Scholz, Martin Reinhold, Myriam Abellion u. a. – Laufzeit: 75 Min. – Farbe – Weltvertrieb: X Filme Creativ Pool GmbH, Bülowstr. 90, 10783 Berlin, Tel: 030-230 833 11, Fax: 030-230 833 22 – Altersempfehlung: ab 12 J.

August 1980, irgendwo in der westdeutschen Provinz: Der 13-jährige Tobias und sein vier Jahre älterer Bruder sind während des Urlaubs der Mutter allein zu Haus geblieben. Derweil sich sein Bruder intensiv mit seiner ersten Liebe befasst, ist Tobias eher langweilig. Also vertreibt er sich die Zeit mit selbst gemachten Radiosendungen, in denen er unter anderem die Geschichte der Band erzählt, die er, sein Bruder und ihr gemeinsamer Freund Helmut einst hatten. Und wenn er nicht gerade seine große Rock-Karriere vorbereitet, dann hört er Radio: Am liebsten die Quiz-Show mit Alan Bangs, der dieses Jahr ein großes Beatles-Spezial im Programm hat. Und eine der Fragen lautet: "Was sagt John Lennon am Ende von 'Strawberry Fields'?" Nach vielen Versuchen mit seiner Langspielplatte von Abbey-Road glaubt der große Beatles-Fan Tobias die Lösung gefunden zu haben: "I burried Paul" (Ich habe Paul begraben) heißt es da. Tobias ist wie elektrisiert. Sollte Paul McCartney tatsächlich bereits lange tot sein? Der Besitzer des örtlichen Plattenladens erzählt ihm die ganze unglaubliche Geschichte: Paul ist schon 1966 bei einem Autounfall ums Leben gekommen und wurde von Manager Brian Epstein durch ein Double ersetzt.

Ab jetzt wittert Tobias allerorten die große Verschwörung. Und er wird durch seltsame Vorkommnisse in seinem Dorf bestärkt: Wer ist der geheimnisvolle Fremde, der offensichtlich aus Großbritannien kommt, einen weißen Käfer fährt, der nicht nur aussieht wie der auf dem Cover von "Abbey Road", sondern auch dasselbe Kennzeichen hat? Und was hat der Hausmeister des örtlichen Gymnasiums auf diesem Cover zu suchen? Je mehr Tobias der Sache nachgeht, desto mehr Indizien findet er, die seine Theorie zu stützen scheinen. Nach anfänglicher Skepsis ist auch Helmut bald von der großen Verschwörung um Pauls Tod überzeugt. Gemeinsam machen sie sich daran, die Verdächtigen zu beschatten und weitere Beweise zu sammeln. Auch Alan Bangs' Lösung des Rätsels in einem Interview mit John Lennon (er sagte nämlich "Cranberrie Sauce") kann Tobias nicht mehr vom Gegenteil überzeugen.

Tobias' Bruder hingegen hat ganz andere Probleme: Nach der großen Euphorie wird er urplötzlich von seiner Freundin verlassen. Warum, das wird er genauso wenig erfahren wie wir. Tobias hingegen bekommt nach Ferienende den Schock seines Lebens: Der geheimnisvolle Brite heißt Billy und ist sein neuer Englischlehrer. Und der scheint genau zu wissen, was Tobias weiß und er scheint ein gefährlicher Mann zu sein. Ende November jedoch scheint der Schrecken ein Ende zu haben: Der neue Lehrer reist nach New York und im Ort kehrt wieder Ruhe ein. Tobias hat bereits eine neue Band: Zusammen mit zwei neuen Freunden hat er sich dem Punk verschrieben.

Die 70er sind definitiv vorbei und jetzt kommt mit dem Punk der Vorbote des großen Aufbruchs der 80er. Dann kommt der 8. Dezember 1980: John Lennon wird in New York erschossen. Auch der Lehrer ist zufällig (!?) gerade dort.

Verschwörungstheorien sind ja eigentlich eine Spezialität der US-Amerikaner; man bedenke allein die Flut von Theorien zum Mord an John F. Kennedy. Vor allem Filmemacher wie Oliver Stone haben daraus ganze Universen entwickelt. Der junge deutsche Filmemacher Hendrik Handloegten zeigt in seinem mit leichter Hand inszenierten Film, wie man auch in der ansonsten völlig unspannenden BRD-Provinz der großen Verschwörung auf die Spur kommen kann. Und was das Schöne daran ist: Er belässt das Geheimnis, verrät am Ende seinen Tobias eben nicht als weltfremden Spinner mit zuviel Phantasie. Schließlich wurde John Lennon ja tatsächlich ermordet und wer weiß, vielleicht war ja wirklich Billy der Täter. Aber auch sonst macht Handloegten vieles richtig: So zum Beispiel im Einsatz des Off-Kommentars. Wo dieser bei allzu vielen Filmen dazu dient, mir zu sagen, was ich eh' auf der Leinwand sehe, nutzt er ihn als komisches Moment, indem er Ton und Bild diametral entgegensetzt: Während Tobias etwa davon erzählt, wie sein Bruder und Helmut sich spontan für seine Idee einer Rock-Band begeisterten, sehen wir, wie sie sich gelangweilt von ihm abwenden. Zudem hat dieser Filmemacher etwas, das vielen seiner Kollegen inzwischen bedauerlicherweise abhanden gekommen zu sein scheint: ein Gespür für die richtige Länge seiner Geschichte. Er versucht eben nicht, aus 75 spannenden und komischen Minuten 90 zu machen, weil das die Länge für einen "richtigen" Kinofilm ist, sondern hört auf, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist. Dabei verlässt er nie die Perspektive seiner Hauptfigur, verzettelt sich nicht in Nebenlinien und begnügt sich mit kurzen Szenen, die für sich sprechen.

Ganz nebenbei entwirft Handloegten das Bild einer Zwischenzeit: Die 70er sind noch nicht ganz weg und die 80er noch nicht ganz da. Und er feiert die Sinnlichkeit von Vinyl mit einer Liebe, die man selbst durchlebt haben muss, um sie so nachfühlbar auch auf die Leinwand zu übertragen. So ist ihm etwas ganz Seltenes gelungen. Unterstützt von intensiven und spielfreudigen Darstellern schuf er etwas, das ein Kollege "einen Jugendfilm für 30-Jährige" nannte, der aber über seine spannende Detektivstory auch ein jüngeres Publikum in seinen Bann ziehen kann. Daher ist es besonders schade, dass dieser unterhaltsame und souverän inszenierte Film wohl nie den Weg ins Kino finden wird. Denn wer kann schon die sündhaft teuren Rechte an den Beatles-Songs bezahlen. Immerhin wird er am 1.12.2000 (22.50 Uhr) im ZDF zu sehen sein; eine Woche vor John Lennons 20. Todestag (8. Dezember 1980). Den Sendetermin sollten sich nicht nur Beatles-Fans merken.

Lutz Gräfe

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 85-4/2001 - Interview - "Ich finde es immer gut, wenn ein Film auf den Punkt kommt"

 

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