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Ausgabe 84-4/2000

RUSSLANDS WUNDERKINDER

Produktion: LICHTfilm; Deutschland 2000 – Regie und Buch: Irene Langemann – Kamera: Sergej Astachov – Schnitt: Kawe Vakil – Länge: 98 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: REAL FICTION, Gilbachstr. 29a, 50672 Köln (35 mm) – Altersempfehlung ab 8 J.

Ira ist acht Jahre alt, Nikita neun, Mitja zehn und Lena 16 Jahre. Gemeinsam ist den vier jungen Russen, dass sie über ein enormes musikalisches Talent verfügen und an der Zentralen Musikschule Moskau eine elfjährige Ausbildung begonnen haben. Sie alle träumen davon, später einmal als berühmte Konzertpianisten vor Musikliebhabern aus aller Welt aufzutreten. Konzerte geben die vier allerdings schon lange, auch im Ausland. Die dokumentarische Kamera von Sergej Astachov begleitet Mitja zu einem Auftritt in Helsinki und die kleine Ira zu einem Konzert im Frankfurter Römer. Lena hat sogar schon einmal vor dem Papst im Vatikan gespielt.

Wie die jungen Musiker auf dem Flügel Triller, Läufe und Sprungkaskaden hinzaubern, mit welcher Reife sie schwierigste Klavierwerke interpretieren, das ist schlicht verblüffend anzusehen. Und wie selbstverständlich unterhalten sich Mitja und Nikita in einer Unterrichtspause über ihre jüngsten eigenen Kompositionen, etwa über ein Scherzino, das einer von ihnen mal eben zum 200. Geburtstag des russischen Nationaldichters Puschkin komponiert hat.

Die Filmregisseurin und -autorin Irene Langemann begleitet die vier Talente auch in die Schule und nach Hause und gewährt so Einblicke in den oft genug schwierigen Alltag von 'Genies'. Neben den "Wunderkindern" werden auch deren Familien vorgestellt, die ihr Leben zumeist völlig auf die Unterstützung der begabten Sprösslinge ausgerichtet haben und viele Entbehrungen auf sich nehmen. Eingebaut wurden ferner Archivaufnahmen aus den 30er- und 40er-Jahren der Schule, die in mancherlei Hinsicht die Nachhaltigkeit pädagogischer Traditionen verdeutlichen.

Dankenswerterweise arbeitet die Autorin in ihrem facettenreichen Dokumentarfilm klar heraus, dass es sich bei den vier hochbegabten Klavierschülern eben nicht um "Wunderkinder" handelt, sondern um junge Menschen, die sehr hart und ausdauernd arbeiten, um solche herausragenden Leistungen vollbringen zu können. Um Tag für Tag mehrere Stunden üben zu können, müssen die vier Heranwachsenden auf vieles verzichten, was ihre Altersgenossen selbstverständlich genießen.

Andererseits bleiben etliche Fragen der Dokumentaristin – etwa nach Freizeit und Hobbys – an der Oberfläche. Auch hinsichtlich der Nachteile des harten Trainings oder gar Gefahren für die kindliche Entwicklung hätte man sich ein entschiedeneres Nachhaken gewünscht. Immerhin angerissen wurde der Aspekt der kommerziellen Auswertung der Talente im internationalen Musikgeschäft: So beschließt Lena gegen den Rat ihres selbstgefälligen Impressarios, der sie zur weiteren Ausbildung nach Philadelphia in den USA schicken will, künftig bei einem russischen Musiklehrer an einer Hochschule in Hannover zu studieren, dem sie vertraut.

Ausführlicher werden in der Dokumentation, die formal der gängigen TV-Ästhetik folgt, die sozialen Rahmenbedingungen der Musiktalente im verarmten Russland beleuchtet. In szenischen Miniaturen zeigt die Autorin etwa, dass die Familie der kleinen Ira wegen der Ausbildung aus der Provinz in die Hauptstadt gezogen ist und sich nun mit einer engen Einzimmerwohnung begnügen muss. Ihre Kollegin Lena kann zu Hause gar nicht üben, weil sie dort kein Klavier hat, und die renommierte Schule muss an allen Ecken sparen. Neben der unbeirrbaren Liebe vieler Idealisten zur klassischen Musik scheint gerade dieser soziale und wirtschaftliche Druck der Nährboden zu sein, der immer wieder so erstaunliche Nachwuchspianisten hervorbringt.

Reinhard Kleber

 

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KJK-Ausgabe 84/2000

 

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