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Ausgabe 84-4/2000

VERLORENE KINDER

Produktion: FFAT Filmproduktion / WDR; Deutschland 1999 – Regie und Buch: Norbert Kückelmann – Kamera: Rainer Gutjahr – Schnitt: Gudrun Jäger – Darsteller: Robert Giggenbach (Lehrer Steiner), Marcus Michalski (Andreas), Tobias Riefer (Martin), Dennis Grabosch (Werner), Karsten Linde (Knuffel), Christiane von Zündt (Sandra), Celine Schöne (Evelyn) u. a. – Länge: 89 Min. – Farbe – 16 mm – Verleih: offen – Altersempfehlung: ab 14 J.

Eine Kleinstadt irgendwo in Norddeutschland. Eine Gruppe Jugendlicher erscheint auf einem Gartenfest der feinen Gesellschaft und provoziert die Anwesenden. Der Gastgeber versucht, alles herunterzuspielen und lädt – gezwungenermaßen – die ungebetenen Gäste auf ein Bier ein. Als die Jugendlichen danach nicht gehen wollen, kommt die Polizei. Aber niemand wagt es, die Jugendlichen tatsächlich anzuzeigen. Sie können hämisch lachend von dannen ziehen. Als Gruppe fühlen sie sich stark.

Lehrer Steiner, gerade ans Gymnasium der Stadt versetzt, sieht etwas verwundert, wie sich die Stadt mit Duldung der Polizei und der Behörden den Terror, der ganz offen rechte Anklänge hat, gefallen lässt. Er stellt fest, dass Andreas, einer seiner Schüler, ebenfalls zu dieser Gruppe gehört. Indem er bedrohten Jugendlichen beisteht, versucht Steiner die Lage zu verändern. Damit stößt er jedoch auch bei seinem Direktor nicht auf Gegenliebe, weil er so den Status quo verändern würde. Steiner will sich damit aber nicht zufrieden geben. Er versucht, die Jugendlichen direkt anzusprechen und mit logischen Argumenten zu überzeugen. Er tut dies just in dem Moment, als neonazistische Einpeitscher die Jugendlichen für ihre Aktivitäten zu gewinnen versuchen. Steiner gelingt es schließlich, die Gruppe einigermaßen davon zu überzeugen, dass man nur etwas Positives erreichen kann, wenn man zumindest den Versuch macht, der "Gegenseite" seine Ziele zu erläutern.

Zugleich versucht Steiner, offizielle Stellen dazu zu bringen, die Jugendbande nicht noch weiter auszugrenzen, um eine Eskalation der Lage zu vermeiden. Eine Fernsehreporterin, die zunächst ein Porträt des Ortes machen wollte, kommt dem Terror auf die Spur und will Details wissen, nachdem sie zunächst auf eine Mauer des Schweigens gestoßen ist. Die guten Pläne Steiners und der Jugendlichen gehen schief, als die Neonazis ihren Brandsatz ohne Mitwirken der Jugendlichen legen wollen. Das Feuer bricht aus, die Jugendlichen, die retten wollen, was zu retten ist, wirken wie Mittäter. Nicht zuletzt, weil die Fernsehreporterin die Lage falsch beurteilt und entsprechend berichtet.

Da die Behörden nun endlich aktiv geworden sind, kommt es zur Gerichtsverhandlung. Die Jugendlichen kommen mit unterschiedlich niedrigen Strafen davon – nicht zuletzt, weil Steiner sich dafür eingesetzt hat, die Resozialisierung zu ermöglichen. Steiners lautere Motive werden aber vom Staatsanwalt zerpflückt, der nun seinerseits im Gerichtssaal Macht ausübt und – wie zuvor die Jugendlichen in der Stadt – den Rambo markiert. Das Gericht folgt seiner perversen Logik jedoch nicht und verhängt nur über die tatsächlichen Brandstifter harte Strafen. Das lässt nun die "rechtschaffenen" Bürger nicht ruhen. Sie werfen immer noch alle vermeintlichen Randalierer in einen Topf. Anstatt zu helfen, die Jugendlichen in die Gesellschaft wieder einzugliedern, rotten sie sich zusammen. Dass einer der "Rechtschaffenen" persönliche Gründe hat, Rache zu üben, macht die Sache besonders perfide. Das "Strafgericht" trifft ausgerechnet den Jugendlichen, der die besten Chancen gehabt hätte, seine Träume von einem "normalen Leben" zu verwirklichen. Die Rechthaber, die – wie zuvor die Jugendlichen – nur in der Gruppe "Mut" haben, sind schuld am Tod des Jungen. Doch auch das wird vertuscht: Im Radio wird nur ein Unfall gemeldet.

Norbert Kückelmann befasst sich in diesem Fernsehfilm, der am 28. Juni 2000 beim Filmfest München seine Erstaufführung im Kino erlebte, ahnungsvoll mit einem Problem, das im Sommer 2000 Schlagzeilen machte. Er zeigt auf, wie die soziale Problematik von heute Jugendliche an den rechten Rand der Gesellschaft treiben kann und wie schwierig es ist, sie von dort wieder zurückzuholen. Er zeigt auch auf, dass das Bemühen, die Dinge zu ändern, nicht unbedingt auf Gegenliebe in der Gesellschaft stößt.

"Verlorene Kinder" zeichnet ungeschminkt, aber dramaturgisch geschickt aufbereitet ein zeitkritisches Bild unserer Gesellschaft. Die Sympathien Kückelmanns liegen offensichtlich bei den Jugendlichen und dem Lehrer, der ihnen die Hand reicht. Dass es dennoch kein noch so wünschenswertes "Happy End" gibt, will uns sagen, dass man nicht damit rechnen kann, soziale Probleme von einem Tag auf den anderen zu lösen, schon gar nicht mit Gewalt, und erst recht nicht mit vermeintlichen Allheilmitteln. Nur wenn man sich den Problemen stellt, wird man vermeiden können, dass wir eines Tages aufwachen und feststellen, dass uns die Geschichte wieder überrollt hat, weil wir uns geweigert haben, etwas aus ihr zu lernen.

Fazit: Brisantes Thema nuancenreich, auf stellenweise hoher Reflexionsebene dargestellt, was manchmal etwas hausbacken wirkt. Als Grundlage für eine Diskussion über Außenseiter und Randgruppen, aber auch über Gewalt in der Gesellschaft und über das Funktionieren von Machtstrukturen ist dieser Fernsehfilm dennoch hervorragend geeignet.

Wolfgang J. Fuchs

 

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