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Ausgabe 85-1/2001

ALASKA.DE

Produktion: Bioskop-Film in Koproduktion mit Shorts Production, Studio Babelsberg Independents, Kinowelt Filmproduktion und dem ORB; Deutschland 2000 – Regie und Buch: Esther Gronenborn – Kamera: Jan Fehse – Schnitt: Christian Lonk – Musik: MoserMeyerDöring – Darsteller: Jana Pallaske (Sabine), Frank Droese (Eddi), Toni Blume (Micha), Nele Steffen (Coco), Wilhelm Benner (Stefan), Daniel Fripan (Florian), Andrusch Jung (Daniel), Artur Rakk (Anton) u. a. – Länge: 86 Min. – Farbe – FSK: ab 12 J. – Verleih: Filmverlag der Autoren/Arthaus Filmverleih (35 mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Bei den Dreharbeiten zu ihrem Musikvideo "Meine kleine Schwester" mit der Gruppe Spectacoolär kam der ehemaligen HFF-Absolventin Esther Gronenborn die Idee zu "alaska.de", der von sozial benachteiligten Jugendlichen und der Entstehung von Gewalt in den Schulen und in tristen Vorstädten handelt. Studiert hat sie in der Abteilung Dokumentarfilm, praktische Filmerfahrungen vor allem mit Videoclips und Experimentalfilmen gemacht und sich schließlich dem kreativen Potenzial des Internet zugewendet. Aus so unterschiedlichen künstlerischen Wurzeln speist sich auch ihr Debütspielfilm, in dem sie ihren dokumentarisch geschulten, beobachtenden Blick mit moderner Videoclipästhetik verbindet. Auf diese für den deutschen Film eher ungewöhnliche Weise ist es ihr gelungen, ein zumindest auf den ersten Blick authentisch wirkendes Stück Lebensgefühl von Jugendlichen zwischen zerplatzten Lebensträumen und Orientierungslosigkeit zu treffen, es in jedem Fall optisch ansprechend und aufregend zu vermitteln. Und es ist der erste deutsche Film, der vor seinem Kinostart in vollständiger Länge im Internet zu sehen war, wenn auch nur für einen kleinen, bei einer Werbeaktion ausgelosten Teilnehmerkreis.

Gronenborn erzählt die Geschichte der 16-jährigen Sabine, ein typisches Scheidungskind, das den ständigen Krach mit der Mutter satt hat und sich entscheidet, zum Vater in eine Ostberliner Plattenbausiedlung zu ziehen. In der fremden Umgebung, die nichts als Kälte und Anonymität ausstrahlt und von einer Jugendgang beherrscht wird, hat sie es nicht leicht, sich zurechtzufinden. Wenige Tage nach ihrer Ankunft sieht sie auf dem Heimweg, wie der Anführer der Gang mit einem Messer in der Hand flüchtet. Kurz darauf findet sie einen Jungen, der tot in einer Blutlache liegt. Was der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bereits weiß, sie aber erst herausfinden muss: Nicht Micha war der Täter, sondern der sympathisch wirkende Eddi, Sabines Schulkamerad, in den sie sich verliebt hat. Er hatte dem Jungen aus der Nachbarschaft bei einer handfesten Auseinandersetzung aus nichtigem Anlass das Messer in den Rücken gerammt. Der 18-jährige Micha, ein einschlägig vorbestrafter Kleinkrimineller, fürchtet allerdings, Sabine könnte ihn bei der Polizei belasten und er in den Knast wandern, und daher will er das Mädchen mit Eddis Hilfe loswerden. In der Stunde der Wahrheit kommt es zu einem dramatischen Showdown zwischen den Dreien.

"alaska.de" erinnert vom Milieu her und in seiner dicht an den Jugendlichen dranbleibenden, dokumentarischen Form her ein wenig an die beiden französischen Filme "Hass" von Matthieu Kassovitz und "Petits Frères" von Jacques Doillon, zeigt aber auch eine eigenständige und vor allem stilsichere Handschrift der Regisseurin. Der zunächst im dokumentarischen Stil auf 16 mm gedrehte Film wurde digital nachbearbeitet, mit einer bis ins Monochrome reduzierten Farbgestaltung versehen, die das Bedrohliche und die Kälte der "ver-rückten" Umgebung symbolisiert, und schließlich auf Cinemascope aufgeblasen, was der Geschichte auch etwas Pathetisches und Exemplarisches verleiht. Bei der Auswahl der Darsteller war man ebenfalls um Authentizität bemüht. Die Jugendlichen sind überwiegend in dem Milieu groß geworden, das der Film beschreibt, wurden an der Entwicklung des Drehbuches beteiligt und konnten reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war.

Doch dann verlässt der Gestaltungswille die Realität, zeigt die Plattenbausiedlung als reines Klischee aus Beton und Schutt – ohne Grünflächen, die beim Drehen bewusst alle ausgeblendet werden mussten, setzt unglaubwürdige oder zumindest überflüssige Handlungsdetails (wie die 'geklauten' Szenen mit dem Kampfhund) und schafft eine formale Distanz zum Geschehen, die einer wirklichen Betroffenheit und Auseinandersetzung manchmal eher abträglich ist. Dennoch gehört der Film eindeutig zu den interessantesten und formal aufregendsten deutschen Produktionen des laufenden Kinojahres, mit starken und überzeugenden Darstellern — allen voran Jana Pallaske in der Rolle der Sabine.

Holger Twele

 

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