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Ausgabe 85-1/2001

DIE INNERE SICHERHEIT

DIE INNERE SICHERHEIT

Produktion: Schramm Film Koerner & Weber, Hessischer Rundfunk & Arte; Bundesrepublik Deutschland 2000 – Regie: Christian Petzold – Buch: Christian Petzold, Harun Farocki – Kamera: Hans Fromm – Schnitt: Bettina Böhler – Musik: Stefan Will – Darsteller: Julia Hummer (Jeanne), Barbara Auer (Clara), Richy Müller (Hans), Bilge Bingül (Heinrich) – Laufzeit: 102 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Pegasos (35mm) – Alterseignung: ab 14 J.

Jeanne ist 15, lebt mit ihren Eltern Clara und Hans in Portugal und alles macht auf den ersten Blick den Eindruck vollkommener Normalität. Doch ihr Leben ist alles andere als normal. Denn vor 15 Jahren waren ihre Eltern Mitglieder des bewaffneten Untergrundes in Westdeutschland, die dann ins Ausland abgetaucht sind und sich an der portugiesischen Atlantikküste unter die unzähligen Touristen gemischt haben. Gerade als sie dabei sind, endgültig nach Brasilien zu verschwinden, verguckt Jeanne sich in Heinrich, der als Surfer in Portugal Urlaub macht und sie mit Geschichten seines stinkreichen Vaters und ihres wunderschönen – inzwischen leer stehenden – Hauses in Hamburg-Blankenese beeindruckt. Doch dann passiert es: Ein Einbruch im Appartement von Jeannes Eltern ruft die Polizei auf den Plan, die Hans mit der Waffe in der Hand sieht, was alle drei zur überstürzten Flucht zwingt.

Da die Einbrecher ihr gesamtes Geld gestohlen haben, entschließen sich Hans und Clara zur Rückkehr nach Deutschland. Dort versuchen sie zunächst einmal, mittels der alten Erddepots der RAF zu überleben. Als das Geld immer knapper wird, suchen sie ihren ehemaligen Anwalt auf. Der erweist sich als wenig hilfreich: Für ihn ist der Komplex RAF/Bewaffneter Kampf Vergangenheit; damit und mit Hans und Clara will er nichts mehr zu tun haben. Sie sind wie Geister aus der Vergangenheit, Fleisch gewordene Anachronismen. Nur ihr Verleger, ein Genosse aus alten Tagen, will ihnen trotz eigener finanzieller Schwierigkeiten helfen. Doch das wird etwas dauern. Jeanne lotst sie in das Haus in Hamburg, wo sie feststellen muss, dass Heinrich sie belogen hat: Er ist kein Kind schwerreicher Eltern, sondern lebt als Waise in einem Jugendheim in der Nachbarschaft des schönen Hauses. Derweil die Eltern warten, dass ihr Genosse das Geld beschafft, verliebt sich Jeanne in Heinrich, verbringt sogar ihre erste Nacht mit ihm. Auf Bitten ihrer Mutter trennt sie sich von ihm, denn ihre Eltern haben Angst, dass Liebende sich zuviel erzählen. Genau das passiert auch. Das ist der Anfang vom Ende. Kurz vor der Geldübergabe schlägt das BKA zu, verhaftet den Verleger und nun stehen sie mittellos da. Hans und Clara tun, was sie schon früher in so einer Situation getan haben. Sie planen einen Banküberfall, der jedoch schief geht: Hans wird verwundet und Clara tötet einen Wachmann. Auf der Flucht werden die drei von schwarzen Vans des BKA von der Straße gedrängt und Clara erwacht mutterseelenallein auf einem Feld. Ihre Eltern sind weg und ihre erste große Liebe hat sie verraten. Denn Heinrich rief die Polizei an und gab den entscheidenden Tipp, damit seine Clara nicht auf Nimmerwiedersehen nach Südamerika verschwindet.

Filme über den Komplex RAF/Bewaffneter Kampf/Deutscher Herbst 1977 sind nach wie vor selten. Jetzt kommt mit Petzolds Arbeit nach Volker Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuss" bereits die zweite Arbeit ins Kino, die sich mit der privaten Seite der Geschichte befasst. Doch "Die innere Sicherheit" kommt bei weitem nicht so geschlossen daher wie "Die Stille nach dem Schuss". Das liegt vor allem daran, dass sich der Film die Realität schon ziemlich zurechtbiegen muss, um seine Geschichte überhaupt erzählen zu können: Denn wie haben die Eltern es überhaupt geschafft, unter den Bedingungen des Untergrundes ein Kind großzuziehen? Wovon haben sie 15 Jahre lang gelebt, denn eine Existenz haben sie sich offenbar nicht aufgebaut? Auch die Geschichte des Films selbst wimmelt von solchen Konstrukten. Andererseits hat Petzolds Methode, die politische und private Vorgeschichte außer Acht zu lassen und sich ganz auf diese unmögliche Konstellation im Hier und Jetzt zu konzentrieren, auch ihre Stärken; nämlich immer dann, wenn er sich auf die schwierige Beziehung zwischen Jeanne und ihren Eltern fokussiert. Im Kampf für die bessere Welt haben die von der Notwendigkeit des Überlebens geprägten Bedingungen des Untergrundes sie zu den Eltern gemacht, die sie nie sein wollten. Auch in der Schilderung eines Familienlebens auf ständiger Flucht, in der jede Nacht eine Wache organisiert werden muss, beweist der Film Kraft und Einfühlungsvermögen und mitunter zieht er daraus sogar komische Momente. Hinzu kommt Petzolds Gespür für Inszenierung: Seine langen wortkargen Einstellungen in kalten Farben sagen mehr über die Figuren als jeder wortreiche Dialog.

Dennoch lässt einen "Die innere Sicherheit" eher unbefriedigt zurück. Nicht nur, dass zu viele Fragen offen bleiben. Der Film hat auch kein richtiges Zentrum: Mal stehen Jeannes Eltern im Mittelpunkt, mal sie, dann wieder die alten Genossen. So ist das Ergebnis ein intensiv und authentisch gespielter Film, dessen kalte Farben und Bilder unwirtlicher Wirklichkeit durchaus überzeugen, der aber letztlich nicht wirklich gelungen ist.

Lutz Gräfe

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE INNERE SICHERHEIT im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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