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Ausgabe 85-1/2001

KINDERTRANSPORT – IN EINE FREMDE WELT

INTO THE ARMS OF STRANGERS: STORIES OF THE KINDERTRANSPORT

Produktion: Sabine Films / U.S. Holocaust Memorial Museum; USA 2000 – Regie und Buch: Mark Jonathan Harris – Kamera: Don Lenzer – Schnitt: Kate Amend – Musik: Lee Holdridge – Länge: 117 Min. – Farbe und s/w – FSK: o. A. – Verleih: Warner Bros. – Altersempfehlung: ab 12 J.

In den neun Monaten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs organisierte die britische Regierung eine beispiellose Rettungsaktion. Mehr als 10.000 überwiegend jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der besetzten Tschechoslowakei wurden nach Großbritannien gebracht und dort in Pflegefamilien und Heimen untergebracht. Sie sollten später wieder mit ihren Eltern vereint werden. Die meisten von ihnen haben ihre Familien nie wieder gesehen. Bis heute ist nicht völlig geklärt, warum die Nazis die Rettungsaktion zuließen. Der US-Regisseur Mark Jonathan Harris, der 1998 als Autor und Regisseur des Dokumentarfilms "The Long Way Home" über Vertriebene nach Kriegsende einen Oscar gewonnen hat, brachte diese wenig bekannte Hilfsaktion auf die Leinwand. In der sehenswerten Geschichtschronik erzählen die heute meist um die 70 Jahre alten Evakuierten, wie sie überlebten und wer ihnen dabei half. Zu Wort kommen auch Retter, Eltern und Pflegeeltern. Diese ausführlichen Äußerungen vor der Kamera werden ergänzt durch Familienfotos und wenig bekannte historische Filmaufnahmen des Transports. Die Methode der Kombination von 'redenden Köpfen' und Dokumentarmaterial ist gewiss nicht neu, aber dem Thema angemessen, zumal die Zeitzeugen anschaulich berichten. Der deutsche Kommentar des Films wird von der Schauspielerin Senta Berger gesprochen.

Produziert wurde der Dokumentarfilm "Kindertransport" von Deborah Oppenheimer, die selbst Tochter einer Teilnehmerin des Transports ist. Nach dem Tod ihrer Mutter, die über ihre Erlebnisse nie sprach, begann sie 1993 mit den Recherchen. Die Erinnerungen der Zeitzeugen sind in dem gleichnamigen Buch festgehalten, das zeitgleich zum deutschen Kinostart mit einem Vorwort von Richard Attenborough im Goldmann Verlag erschienen ist. Im Unterschied zur stark emotionalisierenden Musik in James Molls Dokumentarfilm "Die letzten Tage" über jüdische Überlebende des Holocaust bleibt der Soundtrack hier erfreulicherweise zurückhaltend. Ohnehin bedürfen die nüchtern-präzisen Erzählungen der Zeitzeugen, die jegliche anklagenden Töne vermeiden, keine trivialisierende Untermalung. Anders als in vielen anderen neueren TV-Features über die NS-Zeit, zumal denen des ZDF, gewähren die Filmemacher den Überlebenden nicht nur echte Erzählzeit, sondern verzichten auch darauf, die Aussagen bloß zur Bebilderung vorgegebener Thesen zu verwenden.

Zu den ergreifendsten Sequenzen des Films gehört die Geschichte eines Mädchens, dessen Vater die Trennung nicht ertragen konnte und sie durch das offene Fenster des abfahrenden Zuges herausriss. Während das Mädchen mehrere Konzentrationslager überlebte, fielen ihre Verwandten dem Holocaust zum Opfer. Beim Vergleich der zwölf ausgewählten Fälle tritt nach und nach eine aufschlussreiche Parallele zu Tage: Alle 'Kinder' scheinen sich noch heute schuldig dafür zu fühlen, dass ausgerechnet sie gerettet wurden. Die schicksalhafte Dimension dieses Sachverhalts wird umso deutlicher, als den 10.000 geretteten Kindern schätzungsweise 1,5 Millionen ermordete Kinder gegenüber stehen.

Manche Überlebende schildern auch unerfreuliche Erlebnisse bei ihren britischen Gastgebern, von denen einige von den Schutzbefohlenen profitieren oder diese schlicht als billige Arbeitskräfte ausnutzen wollten. Besonders hart traf es jenen 16-Jährigen, der bei Kriegsbeginn als 'feindlicher Ausländer' interniert und unter menschenunwürdigen Umständen nach Australien verschifft wurde. Später konnte der Jüngling als Kriegsfreiwilliger nach Europa zurückkehren, wo er als Pionier an der Front diente. Als britischer Besatzungssoldat kam er sogar nach Deutschland zurück. Insgesamt jedoch setzt "Kindertransport" den Briten ein würdiges Denkmal: Sie waren die einzige Nation, die sich nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 zu einer solchen humanitären Aktion aufrafften. Ihr Vorbild fand keine Nachahmer.

Der deutschen Erstaufführung des Films verlieh Bundeskanzler Gerhard Schröder am 20. November 2000 in Berlin insofern besondere Bedeutung, als er erstmals eine Kinopremiere besuchte. Schröder unterstrich dabei die Verpflichtung der Bundesrepublik zur Aufnahme von Flüchtlingen. Die Deutschen dürften nicht nachlassen, verfolgten Menschen Schutz zu gewähren, mahnte er. Junge Menschen sollten sich nicht wegen der deutschen Vergangenheit schuldig fühlen, aber aus ihr lernen. Er hoffe, dass der Film auch viele junge Menschen in den Schulen erreiche, sagte der Kanzler. Bleibt zu hoffen, dass die Schulverantwortlichen diesen Appell vernommen haben.

Reinhard Kleber

 

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