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Ausgabe 85-1/2001

RATCATCHER

RATCATCHER

Produktion: Holy Cow Film / Pathé Pictures / BBC / Arts Council of England / Lazennec / Le Studio Canal+; Großbritannien / Frankreich 1999 – Regie und Buch: Lynne Ramsay – Kamera: Alvin Küchler – Schnitt: Lucia Zuchetti – Musik: Rachel Portman – Darsteller: William Eadie (James Gillespie), Tommy Flanagan (Vater), Mandy Matthews (Mutter), Leanne Mullen (Margaret Anne), John Miller (Kenny), Michelle Stewart (Ellen Gillespie) u. a. – Länge: 93 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Kairos (35mm; O.m.d.U.) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Ein heruntergekommenes Arbeiterviertel im schottischen Nord-Glasgow in den 70er-Jahren. Der verkommene Eindruck des Viertels wird dadurch verstärkt, dass zurzeit die Müllarbeiter streiken; die Kinder machen sich einen Spaß daraus, auf den Müllbergen Ratten zu jagen. In dieser Umgebung lebt der zwölfjährige James mit seiner Familie in einer Wohnung, die eher einem Rattenloch als einer menschlichen Behausung ähnelt. Eines Tages wird er Zeuge, wie ein Freund von ihm beim Spielen im Kanal ertrinkt. Fortan ist er nicht mehr derselbe, denn er fühlt sich mitschuldig am Tod des Kindes. Wie in Trance wandert er durch die Siedlung, fühlt sich als Außenseiter. Die lokale Teenie-Gang aus Jung-Machos mag weder ihn noch seinen Kumpel. Die frühreife 14-jährige Margaret Anne könnte zwar seine erste Liebe sein, lässt sich aber eher mit älteren Jungs ein. So flüchtet er in seine Träume und eines Tages besteigt er den Bus, um einmal aus diesem Dreck raus zu kommen. Er gelangt an einen völlig anderen Ort: eine halbfertige Neubausiedlung am Stadtrand, wo goldene Felder und grüne Bäume in Saft und Kraft stehen. Doch in diesem Leben wird er das Paradies nicht erreichen.

Was zunächst wie zutiefst miserabilistisches Betroffenheitskino klingt, entpuppt sich als Film, der sich fast ausschließlich auf die Kraft der Bilder und Töne sowie ihrer Montage verlässt und dabei tief in die Hauptfigur eindringt. Natürlich ist das keine heitere Sozialkomödie, aber trotz aller Düsternis findet der Film auch die Kraft zum Träumen: Wenn etwa die Teenie-Gang James Freund ärgert, indem sie mit dessen weißer Maus Fliegen spielen, dann fliegt diese tatsächlich zum Mond und ein Traum der beiden Freunde wird war. Lynne Ramseys Langfilmdebüt ist ein Film der klaren Farbdramaturgie mit intensiven Laiendarstellern, der bewusst keine stringente Geschichte erzählt, sondern Impressionen vermittelt, deren Bilder sicherlich geprägt sind von der Kindheit der Filmemacherin, die ebenfalls in Nord-Glasgow aufwuchs. Im Viertel dominieren kalte Blautöne und richtig hell wird's erst, wenn James das erste Mal die Neubausiedlung betritt: Da wird es grün und gold, wir hören das erste Mal Vogelgezwitscher und es wird klar: James hat sein kleines Paradies gefunden, den Ort, von dem ihm seine Eltern schon seit langem versprechen, dass sie einmal dorthin ziehen werden.

Ob der Film im Jugendwettbewerb von LUCAS 2000 richtig platziert war, sei einmal dahingestellt. Aber es ist sicherlich intensives Kino, dessen starke Atmosphäre einen ebenso packt wie die ausdrucksstarken Bilder, die authentischen Darstellungen der Laien, mit denen die Filmemacherin arbeitete sowie die Filmmusik der renommierten Komponistin Rachel Portman (u. a. "Gottes Werk und Teufels Beitrag"). Insofern ist es auch kein Wunder, dass er auf diversen Festivals rund um den Globus Preise einheimste (u. a. "Bestes Debüt" bei der Kölner Feminale). Hier hat sich eine viel versprechende junge Filmemacherin vorgestellt, die über eine Fähigkeit verfügt, die man leider allzu oft vermissen muss: einen Film fast ohne Dialog nur in Bildern und Tönen zu erzählen.

Lutz Gräfe

 

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