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Ausgabe 85-1/2001

"Ich finde es immer gut, wenn ein Film auf den Punkt kommt"

Gespräch mit Hendrik Handloegten, Regisseur und Autor des Films "Paul is dead"

(Interview zum Film PAUL IS DEAD)

KJK: Warum machen Sie Filme?
Hendrik Handloegten: "Weil das der schönste Beruf ist, den man überhaupt nur haben kann. Ich interessierte mich schon relativ früh für Kino und habe noch als Schüler in einer heute legendären Berliner Videothek – dem Videodrome – gearbeitet. Da hatte ich dann die Möglichkeit, wahnsinnig viele Sachen zu sehen, die man normalerweise in Deutschland überhaupt nicht zu Gesicht bekommt: Stummfilme, Klassiker bis hin zu seltsamen Soft-Pornos aus den 60ern und irgendwelchen Splattergeschichten. Danach habe ich dann jahrelang das Programm im Eiszeit-Kino gemacht, was Anfang der 90er-Jahre eine Institution war. Dann hatte ich genug vom Filmegucken und habe mir gesagt: Input ist gesättigt, Output muss loslegen."

Woher kam die Idee zu dem Film?
"Der Film ist in großen Teilen autobiografisch. Viele Sachen sind genauso passiert, wie man sie im Film sieht. Außer, dass der Käfer (der vom Cover von 'Abbey Road', Anm. d. Red.) nie aufgetaucht ist: Das ist Teil einer Wunschbiografie. Aber es gab diesen Typ im Plattenladen und er war der Hüter des geheimen Wissens. So bestimmte Prototypen hat man ja in seiner Kindheit. Und vor allem gab es diese Radiosendung von Frank Laufenberg im Sommer 1980, einen Vierteiler zur zehnjährigen Trennung der Beatles. Dort habe ich im dritten Teil zum ersten Mal diese merkwürdige Geschichte gehört, dass Paul McCartney tot und durch ein Double ersetzt worden sei. Ich konnte aber den vierten Teil nicht mehr hören, weil wir damals in Urlaub fuhren. Da habe ich dann mit meinem Bruder meine Eltern vier Wochen lang genervt, ob das denn tatsächlich stimmen könnte und irgendwann waren wir wieder zu Hause und haben die Cover endlich wieder in den Händen halten können und meinten dann 'Ja, das stimmt wirklich', und die Platten immer wieder rückwärts und vorwärts gespielt. Ich habe auch selbst eine Radiosendung mit selbst gebastelten Interviews gemacht. Das ist mir offenbar nie wieder aus dem Kopf gegangen und als ich überlegte, einen ersten langen Film zu machen, war ich davon überzeugt, dass man am besten über Sachen erzählt, die man tatsächlich kennt. Und was jeder am besten kennt, ist eben die eigene Kindheit und Jugend."

Der Film hat eine deutliche Vorliebe für die Sinnlichkeit von Vinyl. War das Absicht oder ergab sich das aus der Zeit?
"Der Junge ist ja bedingungsloser Beatles-Fan. Und dann hört man auch jeden Tag die Platten und hat sie auch jeden Tag in der Hand. Darüber hinaus gehört es eben einfach in die Zeit. Das Problem, was wir mit 1980 hatten, war, dass es relativ wenig Ikonen gibt, die man mit diesem Jahr verbindet. Es sind nicht mehr die 70er: Das heißt, es gibt keine lustigen Hosen mehr oder wahnsinnige Kragen. Aber es sind noch nicht wirklich 80er-Jahre, das heißt noch nicht Röhrenhosen, New Wave und asymmetrische Haare. Da muss man dann genau gucken, wie man diese Zeit erzählt. Mir war es dabei sehr wichtig, die Ausstattungsgegenstände nicht in den Vordergrund zu rücken, wie das gerne gemacht wird. Trotzdem freuen sich die Leute über grüne Apfelbettwäsche, die sie dann natürlich erkennen."

Sie haben so eine Vorliebe für eine ironische Distanz zwischen Bild und Ton.
"Ich finde schon, dass man Bild und Ton einfach im Höchstmaß ausnutzen sollte. Man hat ja nun nicht so viel Zeit. Dann sollte man eben nicht im Ton kommentieren, was man im Bild sieht, das ist ja langweilig. Darum gucke ich auch immer, dass ich zwei verschiedene Sachen erzähle. Manchmal ist eben die Kontrastierung ganz interessant."

War "Paul is dead" für Sie als Jugendfilm angelegt?
"Eigentlich nicht. Ich habe den Film bewusst für meine Generation (Hendrik Handloegten ist Jahrgang 1968, Anm. d. Red.) und die Leute, die etwas älter sind, gemacht. Ich glaube, der Film funktioniert auch für Jugendliche, die die Beatles nicht kennen. Es ging mir vor allem um ein Porträt dieser komischen Zwischenzeit."

War die Länge von 75 Minuten Absicht oder lag es daran, dass ein Abschlussfilm einfach kein so großes Budget hat?
"Ich finde es immer gut, wenn ein Film auf den Punkt kommt, was weniger mit der Länge zu tun hat. Wenn ein Film mich über 130 Minuten fesselt, ist das auch OK. Der Film war auf 80 Minuten gestoppt. Fünf Minuten sind dann noch rausgeflogen. Beim ersten Film ist es natürlich so, dass man alles unter 80 Minuten schrecklich findet, weil es dann kein wirklich langer Film ist. Auf der anderen Seite kranken nicht nur die überlangen Hollywoodfilme an zuviel Material, sondern auch Debütfilme. Aber letztlich geht's ja nur darum, ob ein Film gut oder langweilig ist."

Im Film bleibt bewusst vieles offen; etwa bei der Geschichte mit dem Mädchen und der Party.
"Ich habe ja den Film hauptsächlich aus der Perspektive des kleinen Tobias erzählt. Dann gibt's aber noch diese Seitengeschichte mit dem Helmut, der unglücklich in Tessa verliebt ist, die mit Tobias' großem Bruder Till zusammen ist. Was mir halt wichtig war, dass ich erzähle, wie die Jungs das erleben. Weil ich mich eben auch an solche Situationen erinnern kann. Da kam auf einmal irgendein Mädel völlig verheult in die Klasse und keiner wusste, was los war. Da wurde dann unter den Mädels getuschelt oder die gingen zusammen aufs Klo und irgendwie war das alles für die Jungs überhaupt nicht zu verstehen. Auch deswegen wollte ich bei meinen Jungs und ihrem Erfahrungshorizont bleiben. Ich wollte eben nie den Erkenntnisstand meiner Figuren verlassen. Und als der Referendar, den Tobias für Paul McCartneys Mörder hält, nach New York fliegt und am nächsten Tag ist John Lennon tot, da ist es natürlich klar, wer das war. Da hört der Film dann ja auch auf."

Sind Sie ein Anhänger solcher Verschwörungstheorien?
"Ich finde das schon interessant, weil auch meine Phantasie auf diese Art und Weise funktioniert. Dass man Zusammenhänge erkennt, die eigentlich gar nicht da sind, die aber unheimlich spannend sind, wenn man sie erzählt. Die Verschwörungstheorie ist auch ein Terminus der Kinderpsychologie. Das erfuhr ich allerdings erst, als ich mich eine Weile mit dem Stoff beschäftigte. Das ist die sogenannte Ritualisierung. Wenn man etwa über Pflastersteine läuft und nicht auf die Linien treten darf, weil sonst dieses oder jenes passiert. Die Erklärung der Psychologie ist, dass das unterforderte Kinder sind, die mit ihrer Phantasie an Grenzen stoßen, so dass sie anfangen, ihre eigenen Welten aufzubauen, wie das der Tobias ja auch macht. Insofern finde ich das auch für Erwachsene interessant."

Zuweilen ist der Film ja ziemlich aufwändig, etwa bei den Verfolgungsjagden.
"Wir hatten ja doch ein relativ geringes Budget; gemessen daran, dass es ein historischer Film war, der zudem noch mit Kindern gedreht wurde. Denn mit Kindern kann man nicht so lange arbeiten, man braucht doppelt so viele Drehtage – wir hatten 33 – und das macht die Sache natürlich teurer. Das heißt extrem viel Vorbereitung, was in unserem Fall bedeutete: Storyboard für wirklich jede Einstellung. Das mussten wir einfach deswegen machen, weil sobald die Kamera auch nur einen Tick nach links geht, steht da schon wieder 'ne hässliche neue Telefonzelle oder an den Wänden finden sich irgendwelche Graffiti."

Woher kommen die Kids?
"Wir haben sehr lange (sechs Monate) gecastet, waren häufig in Schultheatervorstellungen und sind am Schluss noch panisch mit Flyern auf der Straße rumgerannt, sprachen Leute an. Da haben wir dann tatsächlich noch den Darsteller von Till gefunden."

Hatten Sie Anleitung von der Hochschule?
"Eigentlich nicht, denn ich hatte mein Studium ja schon fertig. Was sehr gut funktionierte, war der Austausch mit anderen jungen Filmemachern. Wir waren relativ viele, die gleichzeitig fertig wurden und haben uns untereinander unsere Drehbücher gezeigt. Da glaube ich ganz stark dran: sich frühzeitig austauschen, offen zu sein für Kritik. Weg von dem Glauben, ich bin der genialische Künstler; auch am Schneidetisch. Das ist wichtig. In der allerletzten Woche hat mir dann Wolfgang Becker (Filmemacher und Dozent in Köln, Anm. d. Red.) dabei geholfen, mich am Schneidetisch von meinen Lieblingen zu trennen."

Haben Sie schon ein nächstes Projekt?
"Ich arbeite gerade an zwei sehr unterschiedlichen Filmen, die in einem so frühen Stadium sind, dass ich jetzt noch nichts dazu sagen will. Aber es wird bestimmt Kino werden und es werden sicherlich keine Beatles-Songs drin vorkommen."

Haben Sie ein Traumprojekt?
"Ja, da arbeite ich gerade dran."

Mit Hendrik Handloegten sprach Lutz Gräfe

 

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