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Ausgabe 85-1/2001

"Mich interessieren einfache Menschen, die sehr viel bewegen können"

Gespräch mit Iva Svarcova, Regisseurin des Spielfilms "Als Großvater Rita Hayworth liebte"

(Interview zum Film ALS GROSSVATER RITA HAYWORTH LIEBTE)

Der Spielfilm von Iva Svarcova wurde beim 10. Festival des Osteuropäischen Films im November 2000 mit dem ersten Preis im Kinder- und Jugendfilmwettbewerb, dem "Cottbuser Schneckenband", ausgezeichnet.

KJK: Bereits während Ihres Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in den Jahren 1985-1990 waren Sie durch "Viola" (1986) und "White Love Rita" (1989) einem größeren Publikum aufgefallen. Was bedeutete für Sie das Studium an der Berliner Filmschule?
Iva Svarcova: "Zunächst hatte ich einmal das große Glück, von Istvan Szabo und Wim Wenders lernen zu können. Der eine ist ein großer Schauspielerregisseur und der andere ein begnadeter Erfinder unvergesslicher Bilder. Dann traf ich dort meinen tschechischen Landsmann Jiri Polak, mit dem ich erstmals bei 'With Love Rita' zusammenarbeitete. Der Film wurde bei der 38. Internationalen Filmwoche in Mannheim ausgezeichnet und bekam ein 'besonders wertvoll'. Schließlich trat Malte Ludin bei meinem Abschlussfilm 'Die Frau seines Lebens' nach einer Kurzgeschichte von Herbert Rosendorfer erstmals bei einem meiner Filme als Koproduzent auf."

Auch für "Die Frau seines Lebens" bekamen Sie ein "besonders wertvoll" und zudem einen Bundesfilmpreis. Nunmehr interessierte sich das ZDF für Sie?
"Ja. Die damalige Redaktionsleiterin Bärbel Lutz-Saal gab mir den Auftrag, einen Kurzspielfilm für Kinder zu machen. Es entstand 'Schalom und Guten Tag, Tatjana'. Der Film handelt von der russisch-jüdischen Emigration Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland, mit der Implikation der 'deutschen Vergangenheit'. Wir haben Anfang der 90er-Jahre u. a. wirklich in Odessa gedreht. Das war in der Zeit des Auseinanderfallens der Sowjetunion wahrlich nicht leicht."

Sie blieben dann beim Thema Verfolgung, Exil bzw. der Begegnung zwischen unterschiedlichen Kulturen. Und immer spielten Kinder in Ihren Filmen eine wichtige Rolle bzw. waren Kinder für Sie die Ansprechpartner.
"Das stimmt auf der einen Seite, auf der anderen Seite kann man aber gerade bei diesem Thema zwischen Kindern und Erwachsenen als Ansprechpartner nicht streng trennen. Mit 'Mulo – Eine Zigeunergeschichte' hatten wir 1992 versucht, Momente der Kultur und Lebensform der Roma und Sinti authentisch über eine erzählte Geschichte zu vermitteln. Erstmals im deutschen Film arbeiteten wir damals ausschließlich mit Zigeunerdarstellern. 1994 entstand dann 'Blick durchs Fenster', wo ich mit fünf Kindern aus fünf verschiedenen Kontinenten zusammenarbeitete."

Ihr neuester Film "Als Großvater Rita Hayworth liebte", der inzwischen ebenfalls das Prädikat "besonders wertvoll" erhalten hat, greift nun das Thema Emigration und die Frage nach Assimilationsprozessen in einer sehr unmittelbaren und persönlichen Form auf. Ist das eine autobiografische Geschichte?
"In großen Teilen, ja. Wobei ich damals, als ich mit den Eltern aus der CSSR in die Bundesrepublik kam, eher das kleinere Mädchen war. Ich war sieben und Hannah im Film ist bereits 13. Genau diese Geschichte beschäftigt mich natürlich schon lange. Doch ich meine, man braucht um so etwas erzählen zu können eine gewisse innerliche Reife. Das bezieht sich auf der einen Seite auf die inhaltlichen Dinge, doch das gilt auch für die formalen Aspekte. Man muss über die Mittel verfügen, um das, was einen persönlich betrifft, so erzählen zu können, dass es eine allgemein gültige Bedeutung erfährt. Hier ist es für mich wichtig, dass von Kindern erzählt wird, die in die Emigration mitgenommen werden, ohne dass sie vorher gefragt wurden. Dieser Aspekt kommt in der ganzen Diskussion um das Thema viel zu kurz."

Doch gerade in Ihrem Film ist es doch das große Kind Hannah, dass schließlich am besten mit der Situation zurechtkommt?
"Das ist die eine Seite. Die Kinder nehmen die aktuelle Situation eher pragmatisch, so wie sie ist. Sie sind anders als die Eltern weniger mit Ideologien und verfestigten Vorstellungen belastet und können sich leichter auf die neuen Umstände einstellen. Und weil sie, um alles bewältigen zu können, plötzlich erwachsen sein müssen, schlüpfen sie sogar bisweilen in die Rolle der Eltern. Diese sind dagegen mit bestimmten Vorstellungen so sehr verwachsen, dass sie naiv und kindlich wirken. Die andere Seite ist aber, dass die Vergangenheit für die Kinder unvermittelt abbricht. In gewissem Sinne bleibt die Zeit stehen. Alles, was bisher gewesen war, hat ein Ende. Es kann so wie bisher nicht weitergeführt werden und bleibt im gesamten weiteren Leben eine offene Frage."

Eine solche Erinnerung scheint für Sie der Großvater zu sein. Er ist für Hannah das zentrale Vorbild und offensichtlich ist es das, was er vorgelebt hat, was das Mädchen in der neuen Umgebung stark macht?
"Autobiografisch gesehen sind in die Figur Züge meiner beiden Großväter eingeflossen. Wichtig war für mich letztendlich, dass der Film eine autonome Persönlichkeit zeigt, die über die tschechische Art des Widerstands verfügt. Dabei musste die Doppelbödigkeit deutlich werden, die sich daraus ergibt, dass man in einem System lebt, mit dem man nicht einverstanden ist, was man aber nicht einfach ändern kann und wo man dennoch individuell gerade bleibt. Mit Vlastimil Brodsky konnten wir für die Rolle einen der letzten großen tschechischen Ironiker gewinnen. Das hat mich sehr glücklich gemacht. In Deutschland kommt man übrigens oftmals mit dieser Art Ironie, die sich am deutlichsten wieder in der Figur des Schwejk findet, nicht zurecht. Zwischen einem 'entweder – oder' wird kein 'dazwischen', was nicht opportunistisch heißt, zugelassen."

Mit der Person des Großvaters verbinden sich sogar noch weitere Züge, die in unserer Gesellschaft momentan nur eine geringe Rolle spielen. Der Mann steht für Utopien, er vertritt elementare Werte, die keinen unmittelbaren materiellen Bezug haben und er ist für Hannah einfach ein solches Vorbild, wie es im allgemeinen Bemühen um stetige Selbstverwirklichung kaum noch gefragt ist.
"Im Hinblick auf den letzten Teil der Frage habe ich ganz andere Beobachtungen gemacht. Es gibt eine große Sehnsucht nach Vorbildern. Vielleicht wird das öffentlich zu wenig zugegeben, doch ich erlebe es nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Leuten in meinem Alter. In Hamburg sagte mir ein 35-jähriger Anwalt, dass er so einen Großvater auch gern gehabt hätte. Dabei geht es dann nicht um irgendwelche Idole, wie sie in den Medien so gern herausgestellt werden, sondern um Personen, die es vermögen, ihren Weg wahrhaftig zu gehen.
Werte, wie von Ihnen angesprochen, sind wichtig. Doch sie dürfen nicht mit dem Zeigefinger vermittelt werden. Das funktioniert nur, wie es in meinem Film hoffentlich zu spüren ist, über Emotionen. Insgesamt darf aber auch nicht vergessen werden, dass der Großvater sehr vielschichtig ist. Er hat es natürlich leichter als sein Sohn, zum System Distanz zu wahren. Für ihn gibt es nichts mehr zu verlieren. Nach den Erfahrungen mit dem Protektorat und dem Terror der Nazis, insbesondere gegen Juden, war er Kommunist geworden. Doch er konnte sich auch korrigieren. Als er merkte, dass mit der neuen Ideologie eine andere Form der Diktatur einherging, entwickelte er dagegen Widerstand."

Aber genau das ist doch wichtig. Eine integre Persönlichkeit, zu der es auch gehört, dass sie sich korrigieren kann, die etwas verändert und dabei sich dennoch treu bleibt. Hier knüpft Hannah an, wenn sie ihren Weg sucht.
"Das ist richtig. Hannah ist ganz der Großvater, wenn sie ihre neuen Klassenkameraden, von denen sie vorher gedemütigt wurde, zum Essen von Knoblauchbroten bewegt. Und sie versteht es zu differenzieren. Sie kann in Herrn von Hartlieb einen Ersatzopa finden, weil sie akzeptieren kann, dass der sich von seinem ehemaligen Nazisein distanziert hat."

Sie sind Tschechin und sie haben einen deutschen Film gemacht. Welche Kooperationspartner konnten Sie für diese Arbeit finden?
"Darf ich Ihre Feststellung umdrehen? Ich bin Deutsche und habe einen tschechischen Film gemacht. Zu Ihrer Frage: Für den Film konnten Malte Ludin und ich zunächst das ZDF gewinnen. Ohne die starke Beteiligung des Zweiten Deutschen Fernsehens hätten wir den Film gar nicht machen können. Dann kam das BMI hinzu, das bereits das Drehbuch gefördert hatte, das Filmboard, das Kuratorium junger deutscher Film und die Förderungen von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.

"Als Großvater Rita Hayworth liebte" ist ein Film für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Diese Adressatenbreite wird auch durch den Umstand dokumentiert, dass er in Cottbus in der Kinder- und Jugendfilmsektion ausgezeichnet wurde und nun in Saarbrücken im Wettbewerb laufen wird. Was werden wir in nächster Zukunft von Ihnen erwarten können?
"Darüber möchte ich noch nicht so viel reden. Mich interessieren Stoffe über einfache Menschen, die sehr viel bewegen können. Momentan beschäftige ich mich mit dem Schicksal einer solchen Frau. Vielleicht schaffe ich es, über sie einen Zyklus für das Kino zu machen."

Das Gespräch führte Klaus-Dieter Felsmann

 

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