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Ausgabe 86-2/2001

MEIN STERN

Produktion: Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" / Universität für Darstellende Kunst und Musik, Abteilung Film, Wien; Deutschland / Österreich 2001 – Regie und Buch: Valeska Grisebach – Kamera: Bernhard Keller – Schnitt: Anja Salomonowitz – Darsteller: Nicole Gläser (Nicole), Christopher Schöps (Christopher), Monique Gläser (Monique), Jeanine Gläser (Jeanine), Christina Sandke (Mutter) u. a. – Länge: 65 Min. – Farbe – Verleih: noch offen – Altersempfehlung: ab 14 J.

Ein Neubauviertel irgendwo in Berlin. Oder anderswo? Fast meint der Zuschauer, einen der zahllosen TV-Berichte zu erleben, die vom Treiben in diesen Siedlungen Kunde geben. Mit dokumentarischer Genauigkeit tastet sich die Kamera an Nicole heran. Nicole ist vierzehn, von erblühender Schönheit und mit aufkeimendem Charme. Sie ist auf der Suche nach einem Freund. Einem "Kandidaten" hat sie schon den Korb gegeben. Ihre Blicke und Gesten scheinen unsicher, zaghaft. Aber sie traut ihrem Gefühl, weiß, was sie will. Sie begehrt Christopher. Christopher ist in ihrem Alter, wirkt attraktiv und dominant unter seinesgleichen. Nicole ist ihm ganz sicher nicht gleichgültig und in ihrer Gegenwart wirkt er hilflos, täppisch fast. Entwickelt sich ein Gespräch, scheinen sich die Worte in seltsamen Schlingen zu verheddern, ein Netz der Schüchternheit, aus dem nur mühsam zu entweichen ist. Schließlich kommt es zum ersten Kuss zwischen beiden, zum ersten Zusammensein. Da fügt es sich gut, dass Nicoles Mutter Nachtschichten schiebt ...

Eine Beziehungsgeschichte beginnt, voller Verwicklungen und abenteuerlicher Situationen, auch reich an Komik, wie sie "Erwachsene" nicht besser exerzieren könnten. Gewiss, beide haben bereits ihre "Erfahrungen", aber hier erleben sie ein erstes Mal dieses sonderbare Gefühl. Ein unbekanntes Land tut sich auf vor den beiden, eine Entdeckungsreise steht ihnen bevor, die Irrwege einschließt, falsche Entscheidungen, Misserfolge. Zum Schluss der kleinen und doch so großen Geschichte scheint ein Bruch unvermeidlich. Nicole und Christopher glauben die Last der Gefühle, die ihre Zuneigung hervorruft, nicht tragen und ertragen zu können. Betrug und Lüge, Kränkungen des anderen und Verzweiflung folgen mit gespenstischer Sicherheit. Eine winzige Chance lediglich scheint den beiden und ihrer Liebe gegeben. Mag der Titelsong "Mein Stern" von Ayman dabei helfen.

Die an Dokumentarfilmen geschulte Regisseurin lässt in ihrem Spielfilmdebüt ihre beiden Darsteller in einer fast "reinen" Atmosphäre agieren. Ihr soziales Umfeld wird nur angerissen – das Schulpraktikum Nicoles im Backshop des Supermarkts, die beruflichen Probleme ihrer alleinstehenden Mutter, die beginnende Lehre Christophers. Mehr Raum wird dem Treiben der Jugendlichen gewährt, das sich nicht allzu viel von dem unterscheidet, was dem Zuschauer aus seiner eigenen Jugend erinnerlich ist: dem Müßiggang der jungen Stars in der Betonsiedlung, ihren Gesprächen, ihren Partys. Einzig Nicoles jüngere Schwester wird in das Treiben mit einbezogen – mal als kommentierende Beobachterin, mal als agierende, nicht immer gern gesehene Partnerin. Durch diese Konzentration kann die Handlung sich voll auf die Liebesgeschichte konzentrieren, unterstützt durch eine genaue und exakt beobachtende Kamera, die die Atmosphäre des Orts und das tastende Spiel der Akteure einfängt.

Folgt man den Äußerungen der Regisseurin, hat sie den beiden "Helden" – die zudem ihre Vornamen beibehielten – breitesten Raum zur Gestaltung der Dialoge und auch des inneren Verlaufes der Handlung gegeben. Vorgegeben wurde lediglich ein grober Handlungsablauf, der durch konkretes Wort und spontanes Tun von den jugendlichen Protagonisten ausgefüllt wurde. Nicht zuletzt durch dieses künstlerische Mittel wirkt der Film so lebendig und authentisch, mag der eine oder andere sich auch eine schärfere Zeichnung sozialer Konfliktlagen wünschen. Doch dies wäre gewiss ein anderer Film!

Volker Petzold

 

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